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Aus dem Spital
10.  Okt 2017

Wenn die Seele schmerzt

Beim Verlust eines geliebten Menschen, während einer schlimmen Krankheit oder einfach, wenn das Bedürfnis besteht, mit jemandem zu reden, sind sie da: Das Seelsorgeteam des Kantonsspitals Graubünden unterstützt Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörige rund um die Uhr.

Wir haben mit Susanna Meyer, Leiterin des Care Teams im Kantonsspital Graubünden, gesprochen. Sie begleitet Patientinnen und Patienten während verschiedenster Situationen: In Notfall- und Sterbesituationen, bei Suizidversuchen, Therapiestoppen, Organentnahmen, bei Entscheidungsfindungen oder bei Abschieden mit gestalteten Ritualen.

Seelsorgende sind breit ausgebildet

Wie wird man eigentlich Seelsorgerin oder Seelsorger? Dazu macht man meist ein fünf- bis siebenjähriges Theologiestudium an einer Schweizer Universität. Man hat Erfahrung als Gemeindepfarrer oder Gemeindepfarrerin, eine Zusatzausbildung in der klinischen Seelsorge, Psychologie oder Psychotherapie. Es gibt aber auch eine Seelsorgeausbildung auf universitärer oder fachhochschulischer Ebene, erklärt Susanna Meyer. Die Seelsorgenden sind breit ausgebildet – Susanna Meyer ist ausgebildete Notfallpsychologin und betreut, neben ihrer Aufgabe als Leiterin des Care Teams, noch den psychoonkologischen Dienst.

Von den Patientinnen und Patienten würden die Seelsorgedienste sehr häufig beansprucht. So sei etwa das niedrigschwellige Seelsorgegespräch in einer Krisensituation, in der nichts mehr ist, wie es war, sehr willkommen.

Das Leben und Leiden spielt sich nicht zu Bürozeiten ab

Die Seelsorgerinnen und Seelsorger des Kantonsspitals Graubünden sind rund um die Uhr erreichbar, so Susanna Meyer. «Man muss flexibel sein. Das Leben und Leiden spielt sich nicht zu Bürozeiten ab.»

Die Religion steht oft nicht im Vordergrund

Kapelle am Hauptstandort

Kapelle am Hauptstandort des Kantonsspitals Graubünden.

Ins Kantonsspital Graubünden kommen viele Patientinnen und Patienten mit verschiedenen Religionszugehörigkeiten. Das Care Team betreut Menschen aller Religionen. Trotzdem hat Susanna Meyer sich ein entsprechendes Netzwerk mit Kollegen anderer Religionen aufgebaut und steht in engem Kontakt zu anderen Religionsvertretern. So zum Beispiel mit einem bosnischen Imam, einem Vertreter einer serbisch-orthodoxen Kirche und einem portugiesischen Seelsorger. Wichtig sei jedoch zu betonen, dass andere Religionen die Seelsorge wie Christen sie praktizieren, nicht kennen. Im Islam sei beispielsweise die Familie sehr wichtig und Rituale seien erst nach dem Tod von Bedeutung. Oftmals steht die Religion in der Seelsorge aber nicht im Vordergrund, sondern die existentielle Situation.

Wie sieht ein Tag als Seelsorgerin aus?

Susanna Meyer berichtet:

08:30 Uhr: Ich komme in mein Büro im Kreuzspital und nehme mir einen Moment Zeit zur Stille und mache eine Atemübung. Dann schaue ich die Mails durch und erledige Büroarbeiten (Planung von Einsätzen, die per Anfrage zu mir gekommen sind).


09:30 Uhr: Ich gehe auf die Intensivstation. Dort warten die Angehörigen eines Unfallpatienten auf ein Arztgespräch. Der Zustand des Patienten ist schlecht. Aus diesem Grund haben die Angehörigen um den Beistand der Seelsorge gebeten. Anschliessend an das Gespräch wird die Therapie gestoppt und der Patient wird versterben. Mit einem Ritual und anschliessender Präsenz begleite ich die Angehörigen.


11:00 Uhr: Auf der Medizin besuche ich die reformierten Patientinnen und Patienten. Zwei Menschen wünschen ein längeres Entlastungsgespräch.


12:15 Uhr: Ich treffe mich mit meiner 15-jährigen Tochter im Kreuzspital zum z’Mittag.


13:15 Uhr: Ich treffe auf der Palliative-Station zum interdisziplinären Rapport ein. Bei diesem Rapport berichten alle Professionen (Arzt, Pflege, Sozialdienst, Physiotherapie, Ernährungsberatung, Psychoonkologischer Dienst und Seelsorge) über ihre Wahrnehmungen zum Zustand der Patienten und der Angehörigen und evaluieren deren Bedürfnisse.


14:15 Uhr: Ich begleite eine Angehörige und ihre beiden schulpflichtigen Kinder. Der Ehemann und Papa liegt auf der Palliative-Station im Sterben. Der Papa hat während seiner Zeit auf der Station ein Erinnerungsbuch verfasst. Es ist noch nicht ganz fertig. Dem Patienten jedoch ist es nicht mehr möglich, das Buch mit Fotos, Zeichnungen und schriftlichen Tagebucheinträgen fertigzustellen. Mit der Familie thematisieren wir den Sterbeprozess und wo der Papa nun hingehen wird.


15:30 Uhr: Die Pflegenden vom onkologischen Ambulatorium rufen mich an, ein Patient weine stark. Gerade hätte er schlechten Bescheid bekommen. Ich betreue den Mann und seine Partnerin.


16:30 Uhr: Ich sitze in der Cafeteria und trinke einen Kaffee. Da kommt eine Pflegende auf mich zu und fragt, ob ich mal Zeit hätte für die Besprechung eines privaten Problems. Ihr Mann und sie steckten in einer tiefen Ehekrise. Gerne möchte sie die Situation einmal mit mir besprechen. Wir machen einen Termin ab.


16:45 Uhr: Ich sitze wieder in meinem Büro im Kreuzspital und koordiniere die Erinnerungsfeier für die Angehörigen der Verstorbenen im Kantonsspital: Apéro bestellen, Musik organisieren, ToDo-Liste erstellen, Kontakt mit Patientenaufnahme, die den Versand machen, Inhalte der Feier festlegen, Logistik kontaktieren, Text für die Einladungskarte suchen, etc. Die Erinnerungsfeier ist eine Initiative der Seelsorge. Mittlerweile wird sie vom ganzen Haus mitgetragen.


17:30 Uhr: Die Kinderintensivstation kontaktiert mich. Ich werde zu einer Familie gerufen, die ihr frühgeborenes Kind taufen möchte. Mit der Pflege bespreche ich die Details. Ich mache mir auf dem Weg einige Gedanken für die Taufliturgie. Die kleine Feier auf der Kinderintensivstation mit der Familie ist eindrücklich. Etwa zwei Stunden nach der Taufe wird die Therapie gestoppt und der kleine Erdenbürger stirbt. Ich bleibe noch bis 20:00 Uhr bei der Familie.


20:00 Uhr: Ich gehe nach Hause.


24:00 Uhr: Ich habe Pikettdienst und werde auf die Intensivstation gerufen. Die Angehörigen einer jungen Frau sind da. Sie ist mit ihrem Auto schwer verunfallt. Ihr Zustand ist lebensbedrohlich. Ich bleibe bis 02:00 Uhr und verspreche, am nächsten Tag um die Mittagszeit wiederzukommen. Falls sich der Zustand verschlechtert, kann mich die Pflege jederzeit erreichen.

Verarbeitung von belastenden Situationen

Seelsorgende erleben täglich Schicksale. Doch wie verarbeiten sie belastende Situationen? Susanna Meyer geht regelmässig in die Supervision, um anspruchsvolle Situationen zu besprechen. Ebenso sei die Pflege der eigenen Spiritualität wichtig: «Ich suche regelmässig die Stille, besuche selber Gottesdienste und singe gerne.» Auch beim Wandern in der schönen Natur Graubündens kann Susanna Meyer etwas abschalten. Ihre Familie bedeutet ihr sehr viel: Sie ist verheiratet und hat zwei Töchter.

«Ich mag die Menschen sehr gerne»

Auf die Frage, was das Schönste für Susanna Meyer an ihrem Beruf sei, antwortete sie: «Das Schönste an meinem Beruf ist, dass ich immer in Kontakt mit Menschen jeden Alters bin. Der jüdische Philosoph Martin Buber sagte einmal: ‘Alles wirkliche Leben ist Begegnung.‘ Dies hat für mich eine grosse Bedeutung. Ich mag die Menschen sehr gerne. Ich bin von Natur aus neugierig und sehr daran interessiert, wie es anderen geht. Für mich ist es jeweils sehr schön, wenn mir die Menschen nach einem sehr schwierigen Ereignis im Nachhinein noch danken oder mich anrufen und mir sagen, dass meine Begleitung für sie in der Krisensituation hilfreich war. Ebenso ist der Austausch mit dem Personal im KSGR sehr bereichernd. Ich bin ein ausgesprochener Teammensch und schätze die Zusammenarbeit mit anderen sehr.»

Weitere Informationen:
Informationen zur Seelsorge im KSGR finden Sie auf unserer Webseite: www.ksgr.ch/seelsorge

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Susanna Meyer Kunz
Ansprechpartner

Susanna Meyer Kunz

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Tel.+41 81 256 68 14

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