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Aus dem Spital
03.  Sep 2020

Wie Körper und Psyche sich beeinflussen

Seit kurzem bietet die Medizinische Poliklinik des Kantonsspitals Graubünden die Sprechstunde Psychosomatik an. Durchgeführt wird sie von der Konsiliarärztin Dr. Isabelle Rittmeyer. Was aber ist Psychosomatik und an wen richtet sich das Angebot?

Körper bzw Physis und Seele bzw. Psyche sind unzertrennlich. Körper und Seele beeinflussen sich gegenseitig, wie Dr. Isabelle Rittmeyer erklärt: «Wir haben einen Körper und eine Seele bzw. Psyche. Beides funktioniert nicht losgelöst voneinander. Die Bewältigung einer Krankheit oder eines Gebrechens findet – nebst dem physischen Heilprozess – sehr intensiv auch in der Empfindung und der Beurteilung dessen statt». Kurz zusammengefasst: Man kann Körper und Seele auch in der Medizin nicht trennen.

Körper und Seele

Der Begriff Psychosomatik setzt sich zusammen aus den altgriechischen Wörtern «Psyché» (Atem, Hauch und Seele) und «Soma» (Körper und Leib). Zum klinischen Anwendungsbereich der psychosomatischen Medizin zählen:

• Menschen mit schweren körperlichen Erkrankungen mit ihren biopsychosozialen Aspekten, die Hilfe bei der Bewältigung benötigen
• Menschen mit physiologisch-funktionellen Störungen als Begleiterscheinungen von Emotionen und Konflikten sowie als direkte oder indirekte Reaktion auf psychische oder physische Traumata
• Menschen mit chronischem oder akutem Stress, der körperliche Auswirkungen hat, wie zum Beispiel Schlafstörungen, chronische Schmerzen, Konzentrationsstörungen, Erschöpfung Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen
• Medizinische und psychotherapeutische Begleitung zur Medikamentenreduktion (z.B. Schlaf-, Beruhigungs- und Schmerzmittel)
• Menschen mit aktuell belastenden Situationen im Beruf oder in Beziehungen zu ihren Mitmenschen
• Menschen mit seelischen Krankheiten wie Angststörungen (z.B. Panikattacken) oder Depressionen, die sich im Körper unter anderem mit Tinnitus, Schwindel, Herzrasen oder gastrointestinalen Beschwerden manifestieren.

Panikattacken, Schmerzen und Lähmungserscheinungen

Dr. Isabelle Rittmeyer führt die Sprechstunde Psychosomatik am KSGR.

«Oft wird psychischer Stress über den Körper ausgedrückt», erklärt Rittmeyer. Ein gutes Beispiel seien Panikattacken, sagt sie: «Für Menschen, die eine Panikattacke haben, ist das ein enormes Erlebnis. Die gehen davon aus, dass sie kurz davor sind, zum Beispiel an einem Herzinfarkt zu sterben oder zumindest ohnmächtig zu werden. Das Ganze ist aber Ausdruck einer Angstreaktion, die durch eine akute Stresssituation ausgelöst wurde.» Solche Anfälle können aus dem Nichts kommen. «Da ist es meine Aufgabe herauszufinden, welche Trigger, spezielle Situationen und Gedanken diese Attacke ausgelöst haben».

Erschwerend ist, wenn Menschen zur Katastrophisierung neigen: «So kann es zum Beispiel sein, dass, wenn jemand überzeugt davon ist, aufgrund seiner Erkrankung im Rollstuhl zu landen, dies dann auch eintritt – auch wenn es dafür eigentlich keinen physischen Grund gibt. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung».

Bei vielen Fällen geht es um Schmerzen: «Das kann aufgrund eines Unfalls, aber auch durch chronische medizinische Krankheiten ausgelöst sein.» Die Psyche wiederum kann diese Schmerzen verstärken – oder, im besten Fall mindern.

Bei der Behandlung solcher Fälle geht es einerseits darum, dem Gehirn, das ständig von den Schmerzsignalen überflutet wird, eine positive Ablenkung anzubieten: «Ich hatte vor einiger Zeit eine Patientin, die wegen einer ernsthaften Erkrankung chronische Schmerzen bekam. Tagsüber, wenn sie beschäftigt war, mit Tätigkeiten, die ihr Freude machten, nahm sie die Schmerzen nicht wahr. Sobald sie aber abends im Bett lag, traten die Schmerzen wieder extrem in den Vordergrund». Mit der Patientin hat Rittmeyer dann Wege und Mittel gesucht, um ihr Gehirn abzulenken. «Unser Gehirn konzentriert sich immer auf das, was am meisten und stärksten Signale funkt. Also haben wir es uns zum Ziel gemacht, dass wir andere, positive Signale finden, auf die sich das Gehirn der Patientin dann konzentrieren konnte.» Die Schmerzen sind dann natürlich nicht weg, sie werden aber weniger wahrgenommen.

Unangenehme Körpersymptome können beispielsweise auch auftauchen, wenn sich jemand ein Leben lang über seine Leistungsfähigkeit im Berufsalltag definiert hat und für sich gelernt hat, dass er nur genügt, wenn er ausserordentliche Leistungen erbringt. «Fällt das nun weg, vielleicht, wegen Entlassung oder Pensionierung, können dadurch psychosomatische Leiden entstehen.» Es gibt auch Menschen, die in ihrer Vergangenheit ein Trauma erlebt und dieses vermeintlich überwunden haben. Ein solches Trauma kann durch ein aktuelles Ereignis wieder aufbrechen und dann auch körperliche Symptome hervorrufen. So hat Rittmeyer schon erlebt, dass jemand plötzlich gelähmt war, ohne dass die Lähmung körperliche Ursachen hatte.

Medizinerin mit Zusatzausbildung

Isabelle Rittmeyer ist eigentlich Allgemeininternistin und hat Zusatzausbildungen in Psychosomatik und Psychotherapie gemacht. Sie versteht also nicht nur die Zusammenhänge zwischen Psyche und Körper, sondern kann danach auch die passende Therapie anwenden. Die Klischeevorstellung vom Patienten, der auf der Couch liegt und dem Therapeuten erzählt, trifft auf die psychosomatische Medizin nicht zu. «Natürlich ist die Analyse der Lebensereignisse ein wichtiger Teil, aber in der Psychosomatik-Sprechstunde geht es nicht nur um das Verstehen der Zusammenhänge, sondern auch um die Therapie – also die Behandlung sowohl auf körperlicher wie auch auf psychischer Ebene.»

Wichtige Ergänzung für das KSGR

Die Sprechstunde ist eine Ergänzung zum medizinisch hochspezialisierten Angebot. Es geht wie oben beschrieben um die ganzheitliche Betrachtung des Patienten. Gregory Fretz, Leitender Arzt und Leiter der Medizinischen Poliklinik, ist froh um diese Erweiterung: «Ich und meine Kolleginnen und Kollegen sind davon überzeugt, dass die Sprechstunde Psychosomatik eine sehr wichtige Ergänzung zu unserem Angebot auf der Poliklinik ist. Wir haben viele chronisch kranke Patienten, bei denen wir im Alltag sehen, wie sehr sich Psyche und Körper gegenseitig beeinflussen. Im Positiven wie im Negativen.»
Die Sprechstunde findet jeweils am Montag statt. Das Angebot richtet sich sowohl an ambulante als auch stationäre Patienten.

Weitere Informationen zur medizinischen Poliklinik und zur Sprechstunde Psychosomatik finden Sie unter www.ksgr.ch/poliklinik

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Dr. med. 
Gregory Fretz

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Tel.+41 81 256 63 02

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