Blog

Gesundheit
19.  Nov 2020

Wie ein Reset des Systems

Seit vergangenem März bietet die Schmerztherapie am Kantonsspital Graubünden Neuraltherapie als zusätzliche Behandlungsoption an. Die Spezialistin erklärt, worum es dabei geht.

Dr. med. Claudia Thüsing

Bevor die Behandlung beginnt, analysiert Dr. med. Claudia Thüsing die Beschwerden.
(BIld: Nicola Pitaro)

Dr. med. Claudia Thüsing ist Schmerztherapeutin mit komplementärmedizinischem Schwerpunkt und praktiziert Neuraltherapie schon mehrere Jahre. Seit März 2020 auch einmal pro Woche, jeweils am Freitag, am Kantonsspital Graubünden.

Das vollautomatische, zusammenhängende System in uns
Bei der Neuraltherapie geht es darum, über das vegetative Nervensystem, das Vegetativum, therapeutisch wirken zu können. Dieses, auch «autonomes Nervensystem» genannt, durchzieht den menschlichen Körper wie ein riesiges Netz. Es ist dafür zuständig, dass automatisch ablaufende körperliche Vorgänge angepasst und reguliert werden. «Diese Prozesse werden vom Menschen nicht willentlich direkt, sondern allenfalls indirekt beeinflusst», sagt Claudia Thüsing. Beispiele für solche Vorgänge sind die Atmung, der Herzschlag, die Funktionen des Darms und das Schwitzen.

Lokale Betäubung zur Beruhigung des Systems
Bei der Neuraltherapie wird ein örtliches und kurz wirksames lokales Betäubungsmittel in erkrankte oder unterschwellig gereizte Körperstrukturen und in die Nähe von Nervenbündeln gespritzt. Auf diese Weise werden das Gewebe und die vorhandenen vegetativen Nervenfasern für kurze Zeit betäubt, sodass sich das irritierte System 'beruhigt' und sich die Regulationsvorgänge auf Zellebene normalisieren. Das meist dafür verwendete Lokalanästhetikum Procain wird rasch direkt im Gewebe abgebaut und ist für Nieren und Leber komplett unschädlich.

Die Einsatzmöglichkeiten
Die Neuraltherapie, eine seit fast 100 Jahren angewandte Methode, kann eine Regulation des gestörten vegetativen Nervensystems herbeiführen und Linderung verschaffen. Zum Beispiel bei folgenden Beschwerden:

  • Muskelverhärtungen 
  • Schmerzende Narben 
  • Kopfschmerzen 
  • Rückenschmerzen 
  • Gynäkologische und urologische Probleme wie Zyklusstörungen, Beckenbodenschmerzen, häufigen Blasenentzündungen und Prostatabeschwerden 
  • Nacken- Schultern und Armschmerzen 
  • Restless-Legs-Syndrom 
  • Chronische Entzündungen 
Lokalanästhetikum Procain

Das Betäubungsmittel Procain wird in die Nähe von Nervenbündeln gespritzt:
(Bild: Nicola Pitaro)

Hilfe zur Selbstheilung des Körpers
Der menschliche Körper ist oft ein gut funktionierendes Gesamtsystem. Manchmal braucht er jedoch Unterstützung – auch bei der Selbstheilung, wie Dr. Thüsing erklärt: «Unser Körper kompensiert sehr vieles durch sein Selbstheilungssystem. Irgendwann ist dieses möglicherweise überfordert. Da sind dann zwar keine mechanischen Verletzungen mehr im Körper, wir haben aber dennoch Symptome, zum Beispiel Schmerzen.» Mit der Neuraltherapie wird die Selbstregulierung des Körpers stimuliert, sodass eine Besserung einsetzen kann.
Eine wichtige Rolle spielen dabei die sogenannten Störfelder. Das sind chronische Reizungen im Körper, meist im Kopfbereich (Mandeln, Zähne, Kiefer, Nebenhöhlen) oder Narben irgendwo an einer Körperstelle, die nicht direkt wahrgenommen werden, aber die Regulation - und damit die Selbstheilung – des Körpers stören oder blockieren.

Wo tut's denn weh?
Schmerz entsteht nicht unbedingt an dem Ort, wo er auftritt. Beispiele sind Blockierungen über Muskelketten. Wird eine solche Blockierung gelöst, hören die Schmerzen auf. Diese Deblockierung kann über die lokale Betäubung erfolgen. «Das ist dann wie ein Reset des Systems, die Verkrampfung wird gelöst und die Schmerzen können langfristig gelindert werden», erklärt Dr. Thüsing.

Aufklärung und Situationsanalyse
Die komplexen Zusammenhänge müssen erklärt werden. «Oft ist es für Patientinnen und Patienten nicht klar nachvollziehbar, warum ich eine Injektion an einem anderen Ort setze als dem, wo die Schmerzen auftauchen.» Zur Erklärung sei das Bild des vegetativen Nervensystems als grosses Netz im Körper hilfreich. «Anhand dieser Metapher kann ich den Leuten die Zusammenhänge oft gut erklären.» Ausserdem ist bei der ersten Sitzung eine ausführliche Analyse der Patienten und ihrer Geschichte nötig. «Ich frage die Menschen nach Beschwerden, der Vorgeschichte und allen Operationen, die sie hatten, nach Zahnbehandlungen und Entzündungen. »

Weniger Schmerz
Als alleinseligmachende Universallösung betrachtet Dr. Thüsing die Neuraltherapie nicht – und dennoch: «Zum Beispiel bei chronischen Schmerzen ist es eine Behandlung, die begleitend zur Schulmedizin und in Kombination mit anderen Therapiemethoden eine sehr grosse Hilfe sein kann.» Am Schluss gehe es darum, Schmerzen zu lindern.

Weitere Informationen zum Angebot der Schmerzsprechstunde am KSGR finden Sie unter: www.ksgr.ch/angebot-schmerzsprechstunde

0 Kommentare

Klicken, um ein neues Bild zu erhalten

Die mit einem * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.

name
Ansprechpartner

Dr. med.  
Melanie Joyce Rehli

Leitende Ärztin und Leiterin Schmerztherapie

Tel.+41 81 255 20 60

E-MAIL