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Aus dem Spital
17.  Jan 2019

«Irgendwann wollte ich mit meinem Fachwissen vor Ort helfen»

Der Chefarzt Gastroenterologie* am Kantonsspital Graubünden (KSGR), Dr. med. Patrick Mosler, arbeitet seit 2011 in Chur. Davor war er in den USA tätig. Aufgewachsen ist er in Deutschland. Dr. Mosler engagiert sich für ein Hilfsprojekt in Nepal. Im Interview erzählt er, wie es dazu gekommen ist und welche Erfahrungen er machen konnte.

Stupa Heiligtum in Dhulikhel

Ihr Teamleiter Pflege, Martin Müller, hat uns erzählt, dass er über Sie zum Projekt in Nepal gelangt ist. Wie sind Sie Teil des Projekts geworden?
Über einen Kollegen. Dr. Matthias Breidert ist Leitender Arzt Gastroenterologie am Stadtspital Waid in Zürich und zweiter Stellvertretender Vorsitzender der Gastro-Foundation, die das Projekt in Nepal vorantreibt. Die Gastro-Foundation verschafft Menschen in Schwellenländern den Zugang zu medizinischer Versorgung im Bereich der Gastroenterologie.

War ein Hilfseinsatz für Sie schon immer eine Option?
Ich habe früher immer gespendet. Irgendwann bin ich an den Punkt gekommen, an dem ich nicht einfach nur mit Geld, sondern mit meinem Fachwissen vor Ort helfen wollte. Ich habe mich umgehört und bin dann aber eigentlich mehr durch Zufall zu diesem Projekt gestossen, als ich Dr. Breidert kennengelernt habe.

Wie ist das Projekt in Nepal entstanden?
Initiiert wurde es von Dr. Breidert und einem Kollegen von ihm. Damals noch losgelöst von der Gastro Foundation. Das war ungefähr vor zehn Jahren. Die beiden haben die Grundlagen für das Projekt geschaffen. Irgendwann wurde es dann so gross, dass sie den Aufwand – vor allem auch im logistischen Bereich – nicht mehr alleine stemmen konnten und daher mit der Gastro Foundation Kontakt aufgenommen haben.

Die Grundlagen wurden also vor rund zehn Jahren geschaffen – wie steht das Projekt heute da?
Man kann sagen, dass es mittlerweile gut läuft. Es braucht immer mal wieder etwas Unterstützung von Ärzten aus Deutschland und der Schweiz. So werden beispielsweise zweimal jährlich Kongresse oder Workshops für die Ärzte in Nepal organisiert. Der zweite wichtige Teil des Projekts ist die Logistik. Nach- und Rückschub sowie Unterhalt von Gerätschaften und Material. Das bedeutet auch, dass Ärzte, die die Klinik besuchen zum Beispiel neue Endoskope mitbringen und defekte ersetzen.

Nepal-Hilfsprojekt der Gastroenterology Foundation e.V. – Besuch im Dhulikhel Hospital in Nepal - Teilnehmer vor dem Welcome-Schild

Nepal-Hilfsprojekt der Gastroenterology Foundation e.V. – Besuch im Dhulikhel
Hospital in Nepal

Wie teuer ist ein Endoskop?
Da muss man mindestens mit 50'000 bis 60'000 Franken rechnen.

Wie wird denn das Material für Nepal finanziert?
Vieles geht über Spenden. Die meisten Geräte sind aber solche, die hier ausrangiert wurden oder nach Auflösungen von Kliniken oder Spitälern verfügbar werden. In Nepal wird mit Material gearbeitet, das bei uns überholt ist.

Wie ist denn das allgemeine Level der Klinik in Nepal?
Mittlerweile recht hoch. Die haben gut ausgebildete Ärzte dort und machen heute teilweise mehr spezialisierte Untersuchungen als wir hier. Rein aufgrund der Masse an Patienten. Die Klinik ist mittlerweile gut aufgestellt und schon fast vergleichbar mit einer Universitätsklinik. Die Ärzte fahren auch mit Jeeps tagelang in die umliegenden Regionen und halten ihre Sprechstunden vor Ort bei den Patienten ab.

Sie haben gesagt, dass in der Klinik in Nepal mehr spezialisierte Untersuchungen gemacht werden als hier. Wie kommt das?
Konkret kann man das an den Gallensteinen festmachen, die in Nepal viel öfter vorkommen als hier. Man nimmt an, dass das genetisch bedingt ist. Die Gallensteine werden mit einem komplexen endoskopischen Verfahren aus dem Gallengang entfernt. Dieses Verfahren findet in Chur pro Jahr ungefähr 300 Mal, in der Klinik in Nepal mehr als 1‘000 Mal statt.

Wo liegen heute noch die grössten Unterschiede zwischen einem Spital wie dem KSGR und der Klinik in Nepal?
Die Hygiene-Standards sind natürlich komplett unterschiedlich. Einweg-Katheter, die hier in der Schweiz nach einmaligem Gebrauch entsorgt werden, werden dort gereinigt und mehrfach verwendet. Da ist es nicht auszuschliessen, dass Infektionen übertragen werden. Wenn die Alternative dazu ist, dass die dringend nötige Untersuchung nicht stattfinden kann, ist aber nachvollziehbar, dass diese Katheter mehrfach verwendet werden. Dann ist natürlich auch die Zimmerbelegung ein Thema, das die Hygiene betrifft. In Nepal ist es keine Seltenheit, dass dutzende Menschen in einem Zimmer liegen.

Dr. med. Patrick Mosler bei einer Endoskopie-Live-Demonstration im Einsatz.

Ist permanent jemand von der Gastro Foundation in der Klinik in Nepal?
Nicht permanent, aber es finden immer wieder Besuche und Ausbildungen statt. Wie gesagt ist das Projekt schon relativ weit und die Klinik gilt als Referenzzentrum für Endoskopie. Das hat sicherlich auch mit Dr. Ram B. Gurung zu tun, der seit Beginn mit dabei ist, ausgebildet wurde und mittlerweile Chef der Inneren Medizin der Klinik ist. Ärzte von weitherum reisen in die Klinik, um von Dr. Gurung zu lernen.

Also richtige Hilfe zur Selbsthilfe?
Genau. Das kann man so sagen. Es wird wohl aber nie so sein, dass man die Hilfe einstellen kann und dort alles von selbst funktioniert. Vor allem die Logistik braucht Unterstützung. Wenn wir uns da nicht kümmern, ist irgendwann kein einsatzfähiges Material mehr vorhanden und dann kann auch nicht mehr gearbeitet werden. Wir müssen es schaffen, dass die Leute vor Ort sich selbst um ihr Material kümmern können – und bis das so weit ist, müssen wir sie weiterhin mit den entsprechenden Gerätschaften unterstützen.

Werden Sie das Projekt in Nepal weiter unterstützen?
Ich denke, dass dieses Projekt nun auch ohne mich weiter funktionieren wird. Zusammen mit Dr. Breidert evaluiere ich im Moment, wo auf der Welt wir ein nächstes Projekt lancieren und der Gastro Foundation vorschlagen könnten. Da sind wir aber wirklich noch in der Situationsanalyse und daher ist auch noch nichts spruchreif.

* Die Gastroenterologie befasst sich mit Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts und der damit verbundenen Organe wie Leber, Gallenblase und Bauchspeicheldrüse.


Lesen Sie auch unseren Blogbeitrag: «Nepal-Hilfsprojekt Gastroenterologie - Besuch im Dhulikhel Hospital»

Weitere Informationen zur Gastroenterologie im KSGR finden Sie auf: www.ksgr.ch/gastroenterologie.

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Ansprechpartner

Dr. med. 
Patrick Mosler

Chefarzt, Leiter Gastroenterologie/Hepatologie

Tel.+41 81 256 63 07

Fax.+41 81 256 63 78

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