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Aus dem Spital
21.  Sep 2018

„Die Schwerverletzten schaffen es oft nicht ins Spital“

Philipp F. Stillhard ist Leitender Arzt auf der Unfallchirurgie am Kantonsspital Graubünden (KSGR). Aufgewachsen ist er in Trimmis, sein Medizinstudium absolvierte er in Zürich. Nach Stationen in Zürich, Chur, Bülach und der Rückkehr nach Chur 2010 verbrachte er ab Sommer 2017 ein Jahr in Australien und Papua-Neuguinea (PNG), wo er sich seit einiger Zeit intensiv an einem Ausbildungsprojekt für lokale Chirurgen beteiligt. Das Projekt der Pacific Islands Orthopaedic Association (PIOA) deckt den ganzen Südpazifischen Raum ab und beinhaltet neben dem Vermitteln von Theorie auch Supervisions-Visitationen mit Teaching im täglichen Spitalalltag eines Traumatologen (www.hermannoberli.ch, www.pioa.net).

Im Interview erzählt Philipp Stillhard von der Idee hinter dem Projekt und worum es bei solchen Einsätzen gehen sollte und worum nicht.

Erzählen Sie uns von dem Projekt im Südpazifik?

Es ist ein Ausbildungsprojekt im Bereich Unfallchirurgie respektive orthopädische Traumatologie für lokale Chirurgen im Südpazifik. Hermann Oberli, ein Schweizer Chirurg, der mehr als zehn Jahre auf den Solomon Islands verbracht hatte, ist einer der Gründer des Projektes. Ziel ist es, lokale Chirurgen im Bereich orthopädisches Trauma auszubilden, da dieser Teil in der Weiterbildung zum Chirurgen vor Ort nicht ideal abgedeckt wird, trotz immensem Anfall an unfallchirurgischen Patienten.

Wie sieht die Wissensvermittlung als auch operative Weiterbildung in dem PIOA-Projekt heute aus?

Das Projekt ist kurz zusammengefasst auf vier Hauptpfeilern aufgebaut:

  1. Theorie, die in Modulen à drei Wochen zwei Mal pro Jahr all unseren Trainees vermittelt wird. Sie haben dann die Möglichkeit, einen anerkannten Master-Abschluss nach bestandener Prüfung nach drei Jahren zu erwerben. Im Moment haben wir 26 Trainees aus dem ganzen südpazifischen Raum.
  2. Supervisions-Visitation. Hier geht es darum mit den lokalen Chirurgen im Spital zu arbeiten, tägliches Teaching im Operationssaal, auf den Stationen und den Sprechstunden zu machen und so die gelernte Theorie im Alltag umzusetzen.
  3. Hilfestellung beim Erwerb von Implantaten.  
  4. Implementierung einer Datenbank, in der unter anderem Unfallursache, Operationen und Komplikationen festgehalten werden.

Ist das denn keine Konkurrenz zur einheimischen Aus- und Weiterbildung?

Fallbesprechung im Kavieng Hospital.

Genau das soll es eben nicht sein. Die Grundausbildung zum Allgemeinchirurgen ist in den südpazifischen Ländern, insbesondere in Papua-Neuguinea relativ gut. Die Spezialisierung auf Knochenbrüche verläuft dann aber ziemlich harzig. Das Projekt soll also nicht die Aus- und Weiterbildung vor Ort konkurrenzieren, sondern sie ergänzen. Das erkennen die meisten Länder vor Ort auch als solches an.

Wie sind Sie zu diesem Projekt gekommen?

Ich wurde vor ein paar Jahren vom Swiss Surgical Team (www.swiss-surgical-team.org) angefragt. Das ist eine Organisation, die sich in der medizinischen Entwicklungshilfe engagiert. Herrmann Oberli hatte sich an das Swiss Surgical Team gewendet, um Schweizer Traumatologen für den Südpazifik zu finden. So bin ich über Martin Walliser, Leitender Arzt Unfallchirurgie am Kantonsspital Glarus und guter Freund von mir, dazu gekommen. Zu Beginn habe ich die oben erwähnten Ausbildungs-Module bestritten. Ich habe für mich aber den grösseren Bedarf und Nutzen beim Arbeiten mit den lokalen Chirurgen in den Spitälern gesehen. Heute betreue ich die Trainees während ihrer Zeit in der Klinik und helfe ihnen dabei, ihr theoretisches Wissen aus den Modulen praktisch anzuwenden. Für diese sogenannten Supervision-Visitationen bin ich zwei bis vier Wochen in einem Spital und besuche pro Einsatz zwei Spitäler.

Also operieren Sie hauptsächlich gemeinsam mit den Trainees?

Operieren ist sicherlich der Kernpunkt während meiner Zeit in einem Spital im Einsatz. Ich begleite die lokalen Chirurgen auf der Visite, unterstütze sie in der ambulanten Klinik und bei der Triage der Fälle: Was können wir machen? Was können wir vor Ort nicht machen? Besprechung von Indikationen zur operativen und nicht operativen Behandlung als auch die Unterstützung bei der Erarbeitung von Behandlungskonzepten. Die meiste Zeit bin ich aber im Operationssaal, wo es ums Handwerkliche geht. Ich assistiere hauptsächlich. Es geht darum, dass die Ärzte vor Ort primär selber operieren und dadurch ihre Fähigkeiten anwenden und verbessern können. Ich bin immer steril mit am Tisch und bilde den Chirurgen als auch die OP-Pflege aus. Bei komplexeren Operationen wie Beckenchirurgie bin ich beim Assistieren ein wenig aggressiver und führe die komplexen operativen Schritte selber aus. Wir müssen uns bewusst sein, dass jegliche unfallchirurgischen Operationen ohne intraoperative Röntgenkontrolle gemacht werden müssen, da praktisch in allen Spitälern kein Bildverstärker vorhanden ist.

Wann haben Sie den ersten Kontakt mit den Ärzten vor Ort?

Intraoperatives Teaching im Popondetta Hospital.

Mein Ziel ist es, schon vor meinem Aufenthalt mit den Leuten in Verbindung zu treten, um aktuelle Fälle, die auf der Abteilung auf eine Operation warten, schon mit dem lokalen Chirurgen zu besprechen und dadurch gut vorbereiten zu können. Für die Beschaffung des benötigten Osteosynthese-Materials sind sie, die Spitäler vor Ort, zuständig. Es ist nicht so, dass wir alles Material mitbringen. Das gehört mit zu den Aufgaben, die sie selber lösen können und müssen. Wir dürfen nicht die Erwartung wecken, dass wir alles Material mitbringen. Das wäre aus meiner Sicht nicht nachhaltig. Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe. Wenn ich von Material rede, handelt es sich um Platten und Schrauben als auch fixateur-externes Material. Von der PIOA aus unterstützen wir die Spitäler bei der Beschaffung von Material, das wir meist über eine sehr gute und zuverlässige Firma aus Indien beziehen.

Unterscheiden sich die Fälle dort von denjenigen hier?

Massiv. Natürlich gibt es auch in Papua-Neuguinea viele Verkehrsunfälle. Ein einzelner verursacht einfach viel mehr Schwerverletzte, da die Toyota Pickups mit Leuten auf der Ladefläche vollgestopft sind. Die wirklich Schwerverletzten schaffen es oft nicht mehr ins Spital. Neben den Verkehrsunfällen machen aber auch Kampfverletzungen von Buschmessern oder Schusswaffen einen sehr grossen Teil der Fälle aus. Ein grosses Problem in den Highlands in Papua-Neuguinea sind Clan-Kämpfe, in denen zwei Clans aufeinander losgehen bis einer davon ausgelöscht oder weggezogen ist. Meist kommen offene Frakturen, die mehr als 50% der Frakturen ausmachen, erst nach Tagen ins Spital, so dass bereits eine Infektion vorhanden ist. Dementsprechend schwierig wird die Behandlung. Ausserdem verletzen sich viele Kinder, weil sie beim Ernten von Kokosnüssen oder Mangos von den Bäumen fallen. Und natürlich gibt es auch einige Krokodil-Angriffe. Mittlerweile werden die Fälle mehr oder weniger gut in unserer Datenbank dokumentiert. Inzwischen haben wir mehr als 20‘000 Datensätze, was aus sozio-ökonomischer Sicht absolut spannend und einzigartig für Entwicklungsländer ist. Das ist auch ein Erfolg des Programmes.

Wer bezahlt Sie für Ihren Einsatz?

Ich leiste die Einsätze in meiner vollen Ferienzeit. Bezahlt ist die Reise und das Wohnen vor Ort entweder über das Swiss Surgical Team, die Hermann Oberli-Stiftung oder die Pacific Islands Orthopaedic Association. Aus meiner Sicht gibt es aber noch die eigene Partnerschaft, die auch „bezahlt“. Für das Gegenüber ist es nicht immer einfach mit solchen Einsätzen umzugehen. Ich bin dankbar, dass ich diesbezüglich immer voll verstanden und unterstützt wurde.

Wann ist ihr nächster Einsatz?

Eventuell bereits diesen November. Sicher aber nächstes Jahr im Juni werde ich wieder einen Monat vor Ort sein. Ich stehe auch zwischen den Einsätzen in intensivem, fast wöchentlichem Austausch mit den Trainees vor Ort und bespreche ihre Fälle via Mail oder Social Media-Kanäle, gebe Feedback und sehe so wie die Lernkurve schnell ansteigt.

Empfehlen Sie jüngeren Ärzten solche Einsätze?

Chirurgische Abteilung im Enga Province Hospital.

Auf jeden Fall! Ich denke man sollte sich gut überlegen, zu welchem Zeitpunkt in der eigenen Karriere man solche Einsätze leisten soll. Es bringt meines Erachtens nichts, wenn man zu früh mit noch wenig Erfahrung einsteigt. Der Erfolg solcher Projekte ist zum grossen Teil abhängig von der praktischen Erfahrung der im Projekt beteiligten Ärzte. Für Abenteuer, Selbstverwirklichung und spannende operative Erfahrungen sollte man keine solchen Einsätze machen. Das bringt den Menschen vor Ort nichts. Ausserdem arbeiten die Ärzte vor Ort mit Techniken und Material, die wir hier in den 70ern und 80ern verwendet haben. Da braucht es viel praktische Erfahrung, um erfolgreich als „Gast“-Chirurg arbeiten zu können. Es sollte bei solchen Einsätzen nicht um das eigene Ego gehen, sondern um die Unterstützung und Hilfestellung für die Menschen vor Ort.




Weitere Informationen zu unserem Departement Chirurgie finden Sie unter: www.ksgr.ch/chirurgie.

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Philipp F. Stillhard
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