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Aus dem Spital
31.  Okt 2019

«Es macht ehrfürchtig, wenn man beim Blick ins All merkt, wie klein man ist.»

Prof. Dr. Rudolf Bumm ist Leitender Arzt Thoraxchirurgie am Kantonsspital Graubünden (KSGR). Er hat in München studiert und ist nach Chefarztfunktionen in Deutschland vor vier Jahren ans KSGR gekommen. Nebst der Chirurgie ist die Astronomie eine seiner grossen Leidenschaften. Die gibt er regelmässig an Laien und Interessierte weiter.

Rudolf Bumm

Prof. Dr. Rudolf Bumm ist auch über die Fotografie bei der Chirurgie gelandet.

Wann wussten Sie, dass Sie Chirurg werden möchten?
Mein Vater hat das so ein bisschen eingefädelt. Er war Chef eines kleinen Spitals und hat dort noch die ganze Chirurgie gemacht. Als ich ungefähr 16 Jahre alt war, hat er mich gefragt, ob ich seine handchirurgische Arbeit fotografieren könne. Er wusste, dass ich mich für Fotografie interessierte und mit einer Spiegelreflexkamera umgehen konnte. So kam ich zum ersten Mal in einen Operationssaal und meine Faszination für die Chirurgie wurde geweckt. Ich konnte dann immer wieder im OPS helfen und bin so dann auch bei der Chirurgie gelandet.

Wo haben Sie dann studiert?
Angefangen habe ich in Münster. Nach den ersten vier Semestern bin ich dann nach München, auch um etwas näher bei den Bergen zu sein. Ich zog mit meiner heutigen Frau zusammen in eine kleine Wohnung in München. Sie studierte damals Jura. Das war Anfang der 80er-Jahre. Nach meinem Staatsexamen musste ich mich dann entscheiden, in welche Richtung ich mich spezialisieren möchte. Da stand für mich auch noch die Kardiologie ganz weit vorne. Ich hatte während des Studiums auf der Intensivstation der Kardiologen mitgearbeitet, was mich auch sehr faszinierte. Die erste Bewerbung schickte ich dann aber an die Chirurgie des Klinikums rechts der Isar in München. Dort habilitierte ich dann auch, wurde 2002 Professor und habe mich viel mit der Lehre beschäftigt. 2009 ging ich dann aus München weg. Mit der Ausbildung von Ärzten hatte ich dann aber leider immer weniger zu tun. Das hat mir gefehlt.

Wie kamen Sie nach Chur?
Ich kannte Prof. Markus Furrer (Anm. d. Autors: Chefarzt Chirurgie und Ärztlicher Direktor sowie Departementsleiter Chirurgie am KSGR) schon seit vielen Jahren und war mit ihm befreundet. Ich arbeitete also in Deutschland als Chefarzt für Viszeralchirurgie, fühlte mich aber im Tätigkeitsspektrum der damaligen Klinik nicht wohl und empfand die Arbeit im deutschen Gesundheitssystem zunehmend unbefriedigend. Nachdem ich auch ausgebildeter Thoraxchirurg bin, wollte ich dieses Fach wieder mehr in den Mittelpunkt meiner chirurgischen Arbeit stellen. Ich schrieb Markus Furrer eine E-Mail und war überrascht, dass er gerade auf der Suche nach einem weiteren Thoraxchirurgen am KSGR war. Dass ich in Chur noch näher an die Berge gelangen würde, verstärkte natürlich meine Wechselwünsche. So bin ich dann vor rund vier Jahren in Chur gelandet.

Mit Ihrer Familie?
Meine Frau arbeitet in München. Unsere drei Kinder leben auch in München. Zu dem Zeitpunkt arbeitete ich nahe Hannover. Da liegt Chur näher. Meine Frau kommt mich aber sehr oft hier in Chur besuchen. Öfter, als ich nach München fahre (lacht).

Was hat Sie nachhaltig an der Chirurgie begeistert?
Das waren sicher meine chirurgischen Lehrer, besonders Rüdiger Siewert in München. Mich hat immer fasziniert, dass Operationen spannend sein können wie ein Krimi. Jede Operation ist neu. Es gibt nicht den einen richtigen Weg und man kann nicht alle Eventualitäten antizipieren. Ausserdem gefällt mir die Tatsache, dass man mit Fleiss und Können zeitweilig an der Weltspitze mitarbeiten kann. Es ist auch ein tolles Gefühl, Patientinnen und Patienten durchgreifend helfen zu können. Deren Dankbarkeit entschädigt für vieles. Auch für anstrengende Tage.

Was ist in der Chirurgie der mühsamste Part?
Nachtdienste können schon stressig sein, besonders, wenn die Liste der Notfalloperationen lang ist und man erst mitten in der Nacht eine Operation beginnen kann. Aber die Dienste gehören dazu und das machen hier auch alle - bis hin zu den Chefärzten. Als Chirurg muss man natürlich auch mit schwierigen Verläufen und Komplikationen, die auch bei bester Technik, Ausrüstung und Vorbereitung entstehen können, umgehen können. Hier hilft der Zusammenhalt im Team, den ich am KSGR als sehr gut empfinde

Der fliegende Drache, ein Überrest einer Sternenexplosion im Sternbild Schwan .
Fotografiert auf der Sternwarte Mirasteilas im September 2018

Sie haben ein sehr spannendes Hobby, die Astronomie. Wie sind Sie dazu gekommen?
Ich habe von meiner Tante ein kleines Teleskop geschenkt bekommen, als ich ungefähr acht Jahre alt war. Das hat mich damals für die Astronomie begeistert. Ich habe das Teleskop auf der Garage meiner Eltern aufgestellt und als erstes den Jupiter mit seinen Monden für mich entdeckt. Das hat mich total begeistert. Dann kam die Mondlandung. Ich durfte aufbleiben und die Live-Übertragung mit meinen Eltern schauen. Da habe ich dann noch ein Foto gemacht von meinen Eltern und dem Fernseher, um den Moment für mich festzuhalten. Danach ist das ganze leider etwas eingeschlafen. Während des Studiums und leider lange danach habe ich die Zeit dafür dann nicht mehr gefunden. 2009 hat mich mein jüngster Sohn Felix gefragt, ob ich nicht Lust hätte, ihn zum Nachbarn zu begleiten. Der habe ein Teleskop. Also gingen wir da hin und nach einem Blick durch das Teleskop auf unseren Mond war es sofort wieder um mich geschehen. Wir haben uns dann ein Teleskop angeschafft.

Wo steht das heute?
In der Sternwarte «Mirasteilas» in Falera. Dazu bin ich über den Tipp eines Freundes gekommen. Ich bin ehrenamtlich engagiert, fotografiere dort inzwischen semiprofessionell, mache regelmässig Führungen und erkläre den Besuchern die Sternwarte. Das ist eine sehr schöne Tätigkeit. Man kann den Besuchern jeden Alters die Faszination der Astronomie vermitteln.

Was macht für Sie diese Faszination aus?
Da sind die ungeheuren Entfernungen. Die Tatsache, dass unsere Erde nur ein Planet unter potentiell Milliarden anderer sein wird, wobei nur einige tausend Exoplaneten erst entdeckt wurden. Wenn man sich überlegt, dass das Licht vom Mond bis zu uns eine Sekunde, aber von der Sonne bereits ungefähr acht Minuten braucht, bis es bei uns ankommt, ist das schon eindrücklich. Bis zu den äusseren Bezirken unseres Sonnensystems braucht es dann schon über fünf Stunden und bis zum nächsten Nachbarstern der Sonne – Proxima Centauri – sind es dann 4.3 Lichtjahre. Dann sind wir erst beim allernächsten Stern! Unsere Heimatgalaxie, die Milchstrasse, hat dann schon einen Durchmesser von 100‘000 Lichtjahren. Da fängt es dann an unvorstellbar zu werden. Diese Entfernungen sind faszinierend, die Theorien zur Entstehung des Universums sind ungemein vielfältig und dass man Objekte mit der heutigen Technik viel besser und farblich brillanter sichtbar machen kann als mit dem blossen Auge – das ist wundervoll.

Wie philosophisch wird man, wenn man versucht, sich das alles vorzustellen?
Es macht ehrfürchtig, wenn man beim Blick ins All merkt, wie klein man ist. Auch wenn man bedenkt, dass wir ziemlich sicher nicht die einzige Lebensform im All sind und es gleichzeitig auch aufgrund der grossen Entfernungen höchst unwahrscheinlich ist, dass man jemals mit einem intelligenten ausserirdischen Wesen in Kontakt treten kann. Die Frage, ob hinter der ausgeklügelten Konstruktion des Universums göttliche Schaffenskraft steckt. Ob es Paralleluniversen gibt. Das Ganze ist für mich auch ein wundervoller Ausgleich zum Berufsalltag. Wenn man abends zur Sternwarte hochfahren kann und dann in der Stille in den Himmel schaut, die ersten Sterne aufblitzen sieht, vielleicht auch noch ein paar Freunde in der Sternwarte trifft, kann man schon sehr gut abschalten.

Wie wichtig ist dieser Ausgleich?
Sehr wichtig. Das sehen wir hier alle und in dem wirklich guten Team, in dem ich arbeiten darf, nehmen wir uns auch die Auszeiten, die es braucht. Das geht gut, weil wir wissen, dass unsere Kollegen kompetent sind und einen sehr guten Job machen. Man vertraut sich gegenseitig und kann sich aufeinander verlassen. Es ist auch wichtig, dass man die Arbeit bei der Arbeit lassen kann. Früher ist mir das leichter gefallen. Jetzt merke ich, dass ich mehr Dinge mit nach Hause nehme – und ich vermute, dass das auch den anderen Chefärzten so geht. Man kann nicht alles immer ganz hinter sich lassen, deshalb ist ein guter Ausgleich wichtig.

Gibt es Parallelen zwischen der Chirurgie und der Astronomie?
Man braucht in beiden Bereichen viel Geduld und eine technische Expertise. Man sollte eher ein Nachtmensch sein und die Ausdauer haben, bei Rückschlägen den nächsten Versuch anzugehen. In beiden Bereichen braucht man auch einen gewissen Sinn für das Schöne, das Künstlerische.

Was zeichnet Chur für Sie aus?
Ich habe selten eine Klinik erlebt, wo die interdisziplinäre Zusammenarbeit so gut funktioniert und das Betriebsklima so gut ist. Wir haben einen relativ breiten Personalstand, damit wir uns auch mal abwechseln können. Dazu kommt natürlich auch noch das Landschaftliche. Graubünden ist wunderschön – auch wenn ich natürlich noch nicht alles gesehen habe.

Wie sehen Ihre Pläne aus?
Die nächsten fünf Jahre werden für die Entwicklung des KSGR ungemein spannend werden. Markus Furrer hat mir nicht nur klinische, sondern auch interessante organisatorische Aufgaben zugewiesen. Ich interessiere mich sehr für IT und kann bei der Gesamtkoordination zwischen ICT und Chirurgie mithelfen. Dazu kommen die Eröffnung von H1 mit neuen Operationssälen und einer neuen Intermediate Care Station sowie die anstehende Einführung des neuen Krankenhaus-Informationssystems. Ich freue mich darauf, weiter an neuen Entwicklungen zu arbeiten, die regional und überregional Alleinstellungsmerkmale definieren. Ausserdem möchte ich auch wieder mehr Zeit für die Ausbildung der jungen Ärzte nutzen – mehr den jüngeren assistieren, als selber zu operieren. Es kommt viel Spannendes auf mich und uns zu, worauf ich mich sehr freue.

Weitere Informationen zur Gefäss- und Thoraxchirurgie finden Sie unter www.ksgr.ch/gefaess-thoraxchirurgie.

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Rudolf Bumm

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