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Aus dem Spital
19.  Feb 2019

«Heute wird die Medizin zu oft einfach konsumiert»

Naomi Ventura ist Leiterin Kinderwunschzentrum in der Frauenklinik Fontana des Kantonsspitals Graubünden. Sie war bereits von 2002 bis 2004 am KSGR tätig. Nach Abstechern nach Grabs und St. Gallen ist sie 2012 nach ihrem Mutterschaftsurlaub ans KSGR zurückgekehrt, um das Kinderwunschzentrum aufzubauen. Aufgewachsen ist sie in Zug. Ihr Medizinstudium hat sie in Bern gemacht und hatte eigentlich auch vor, in der Region Bern zu bleiben. Die Liebe hat sie dann in die Ostschweiz und nach Graubünden verschlagen.

Sie sind der Liebe wegen hierhergekommen?
Ja, aber es ist also auch sonst sehr schön hier. Ich fühle mich sehr wohl und heimisch hier. Das einzige, was mir hin und wieder etwas fehlt, ist der See. Wenn ich nach dem Studium im Kanton Bern geblieben wäre, wäre ich wohl in Interlaken gelandet. Da wäre neben der Berglandschaft auch noch der grosse See mit dabei gewesen. Postkarten-Klischee (lacht).

Apropos Klischee. Gibt es ein Arzt-Klischee, über das Sie sich ärgern?
Eigentlich bin ich ja der Meinung, dass in den meisten Klischees auch Treffendes mit dabei ist. Da muss man sich nicht unbedingt ärgern. Es gibt da aber diese Sache mit den fünf Minuten: Wenn ein Arzt sage «in fünf Minuten», dauere das mindestens eine halbe Stunde. Ich habe das Gefühl, dass ich persönlich mich an angekündigte fünf Minuten halte, bemerke aber bei Kollegen immer wieder, dass der Unterschied zwischen gefühlten und tatsächlichen fünf Minuten frappant ist…und das regt mich dann wahnsinnig auf (lacht). Ich frage mich, ob dieser Unterschied bei mir nicht auch grösser ist, als ich eigentlich meine. Die Zeit habe ich aber noch nie gemessen.

Naomi Ventura in ihrem Berufsumfeld...

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie Ärztin werden möchten?
Ein halbes Jahr vor der Matura habe ich mir gesagt, dass ich langsam entscheiden muss, was ich nach dem Abschluss machen will. Mir gefielen die Naturwissenschaften. Gleichzeitig wusste ich, dass ich nicht in die Forschung will. Daher fielen meine Steckenpferde Physik und Geologie weg. Ich dachte dann einen Moment lang auch daran, Pharmazie zu studieren. Ein guter Freund hat mich dann für das Medizinstudium erwärmt. Danach habe ich eine Zeit lang eine Medizinstudentin in ihrem Alltag begleitet, um mir einen Eindruck zu verschaffen. Der war sehr gut und so bin ich zum Medizinstudium gekommen. Es war ein guter Entscheid, den ich so auch nochmals fällen würde. Ich bin extrem zufrieden und finde ich habe den für mich besten Beruf gefunden.

Dennoch werden Sie hin und wieder vom Berufsalltag abschalten wollen. Wie machen Sie das?
Oh ja, unbedingt. Es tut mir unglaublich gut, Zeit in der freien Natur zu verbringen. Ich mache Ausdauersport, Velofahren, Langlauf, Skitouren, solche Sachen. Hinter unserem Haus in Malans ist das Älpli. Da kann ich direkt von zuhause aus auf den Berg. Das ist toll. Es fehlt nicht an Möglichkeiten.

Wie oft werden Sie im privaten Umfeld um Diagnosen gebeten?
Regelmässig. Das gehört dazu und ist auch ok. Daran habe ich mich in den letzten 20 Jahren gewöhnt. Oft kann man ja spontan Entwarnung geben oder den Fragenden nahelegen, den Hausarzt aufzusuchen. Ich denke das geht einem Computerfachmann nicht anders. Der wird wohl auch regelmässig als IT-Berater für seine Verwandtschaft und seinen Freundeskreis fungieren.

...und beim Abschalten in der freien Natur. Im Winter...

Gab es ihrem Berufsalltag schon seltsame oder ungewöhnliche Fragen?
Da fällt mir eine Situation vor ein paar Jahren ein, als ein jüngeres Pärchen bei mir zur Beratung war. Üblicherweise kommen etwas ältere Paare zu mir in die Beratung, bei denen sich der Kinderwunsch noch nicht erfüllt hat. Wenn sich dann herausstellt, dass eine Schwangerschaft wohl nur mittels künstlicher Befruchtung möglich ist, sind diese Paare mitunter auch etwas enttäuscht. Einfach, weil sie sich das anders vorgestellt hatten. Da war nun also dieses jüngere Paar bei mir und hat mir erzählt, dass Kinder im Moment kein Thema seien, dass sie, wenn es dann aber so weit sei, eine künstliche Befruchtung bevorzugen. Der herkömmliche Weg schien für die beiden keine Option zu sein. Das war neu für mich.

Erinnern sie sich an einen besonders schönen Moment in Ihrer Karriere?
Davon gibt es unzählige. Einen besonderen hervorzuheben ist nicht einfach. Aber wenn Ihnen eine Frau, die unter Endometriose leidet, nach der Operation sagt, dass Sie ihr ein neues Leben geschenkt haben, ist das ein sehr schöner Moment. Auch erfolgreiche Geburten und erfüllte Kinderwünsche sind sehr schön. Wie überall in der Medizin liegen Licht und Schatten jedoch sehr nahe beieinander. Es gibt auch traurige und schwierige Situationen, bei denen ich dann natürlich auch mitleide.

Was glauben Sie, wie hat sich Ihr beruf in den letzten Jahren verändert?
Prinzipiell hat sich die Einstellung oder Erwartungshaltung der Menschen gegenüber der Medizin verändert. Ich denke, heute wird Medizin zu oft einfach konsumiert, wie man auch viel Anderes im Leben konsumiert. Es wird oft davon ausgegangen, dass man mit einem Problem – in meinem Alltag zum Beispiel ein unerfüllter Kinderwunsch – ins Spital geht und dass dieses Problem dort gelöst wird.

...und im Sommer.

Woran liegt das?
Ich denke, unser gesamtes Leben ist immer mehr auf Konsum ausgerichtet. Uns in der Schweiz geht es sehr gut. Wenn wir etwas möchten, gehen wir davon aus, dass wir es auch erhalten. Es ist eine Frage des Preises. Das ist in der Medizin aber nun mal nicht so. Da sind das psychologische Geschick und die Kommunikationsfähigkeit von Ärzten gefragt. Man muss den Menschen aufzeigen können, dass sie mit ihrem Verhalten einen grossen Einfluss auf ihre Gesundheit haben.

Hat das auch damit zu tun, dass man im Internet viele Informationen findet?
Nicht unbedingt. Menschen, die zu mir in die Beratung kommen, sind heute oft besser informiert als noch vor ein paar Jahren. Das ist eine gute Entwicklung. Ich finde Dr. Google nicht per se schlecht. Es ist für einen Laien aber sehr schwierig, aus der Flut an Informationen im Internet die für ihn zutreffende und relevante auszumachen und den Nonsens von den guten Informationen zu trennen.

Haben Sie einen Wunsch an Ihre Patientinnen und Patienten?
Sie sollen nicht zu lange warten, bevor sie zu mir kommen. Wenn ein junges Paar ein Kind möchte und es ein Jahr lang erfolglos probiert hat, sollte man sich Unterstützung und Hilfe holen. Bei etwas älteren Paaren – 35 und aufwärts – nach einem halben Jahr.

Schauen Sie Ärzteserien?
Nicht mehr so häufig. Ich mag «Grey’s Anatomy» gerne. Es ist sehr amüsant und die Einfälle an medizinischen Herausforderungen sind…lustig. Solche Serien sind Unterhaltung. Man sollte aber nicht von TV-Serien auf die Realität schliessen. Das ist vermutlich bei Krimi-Serien nicht anders.

Wen bewundern Sie?
Ich bewundere meinen ehemaligen Chef, Dr. Felix Häberlin, leitender Arzt der Stiftung Fiore für seine unerschütterliche Geduld. Eine Qualität, die ich gerne in dieser Ausprägung hätte. Ich konnte diesbezüglich viel von ihm lernen, bin aber noch lange nicht auf seinem Level (lacht).

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Ansprechpartner

Dr. med. 
Naomi Ventura

Leitende Ärztin und Leiterin Kinderwunschzentrum

Tel.+41 81 254 82 24

Fax.+41 81 353 80 55

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