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Aus dem Spital
29.  Mai 2019

«Ich bewundere viele meiner Patienten»

Mathias Häfeli ist seit gut einem Jahr Chefarzt der Handchirurgie am Kantonsspital Graubünden. Aufgewachsen ist er in der Nähe von Baden im Kanton Aargau. Erst wollte er Feuerwehrmann werden, danach Militärpilot. Wie er in der Handchirurgie gelandet ist, warum Regeln und Richtlinien wichtig, manchmal aber auch (zu) grosse Hemmschwellen sind und warum er seine Patienten bewundert, erzählt er im Interview.

Herr Häfeli, was hat Sie dazu bewegt, ans Kantonsspital Graubünden nach Chur zu kommen?
Das war vor allem die Chefarzt-Stelle hier. Ich wusste, dass das KSGR ein breites und interessantes Spektrum bietet für die Handchirurgie.

Hängt das mit der Nähe zu den Wintersportgebieten zusammen?
Ja schon. Wir haben aber natürlich Winter- und Sommersaison. Es gibt immer etwas zu tun (lacht). Ich fühle mich grundsätzlich sehr wohl hier.

Dr. med. Mathias Häfeli verbrachte für ein Fellowship ein Jahr in Australien (Bild: Häfeli)

War die Handchirurgie ein langgehegtes Ziel von Ihnen?
Nein. Ich habe zwar einen Onkel, der Hausarzt war in Flums, aber das war eigentlich der einzige Kontakt, den ich vor dem Studium zur Medizin hatte. Ich bin also nicht familiär «vorbelastet» mit Handchirurgie. Als ich mit dem Medizinstudium begann, hatte ich noch keine konkrete Idee, in welche Richtung ich gehen möchte. Im dritten Studienjahr hatten wir aber einmal eine Unfallchirurgie-Vorlesung bei Prof. Dr. Otmar Trentz, wo er über die operative Frakturversorgung referierte. Da habe ich gefunden: «Das ist genau das Richtige für mich». Handwerkliches gehörte schon immer zu meinen Hobbies und so konnte ich viel mit dem Gedanken anfangen, mit Schraubenzieher, Säge und Bohrer zu arbeiten (lacht). Ich wurde also Orthopäde und habe mich dann irgendwann dazu entschlossen, mich auf die Handchirurgie zu konzentrieren.

Unterschätzt der Laie, wie komplex die Hand ist?
Hmm…vielleicht. Natürlich ist es so, dass da sehr viele Knochen, Sehnen, Gefässe, Nerven etc. auf engem Raum zusammengepackt sind. Man unterschätzt aber wohl vor allem, für welche unzähligen Tätigkeiten wir unsere Hände tagtäglich brauchen. Die Patienten merken deshalb schon bei kleinen Problemen mit der Hand, wie sehr sie plötzlich eingeschränkt sind.

Was wollten Sie werden, als Sie Kind waren?
Also ursprünglich wollte ich mal Feuerwehrmann werden. Das hat dann irgendwann gewechselt und ich wollte Militärpilot werden. Dieses Ziel habe ich sehr konsequent verfolgt, habe die fliegerischen Vorschulungen bestanden und bin schliesslich auch in die Piloten-RS eingerückt. Während der dortigen Selektion kam dann aber irgendwann das Aus und ich musste mich umorientieren. Dabei war für mich recht schnell klar, dass ich Medizin studieren wollte. Das hat mich bereits in der Kanti, neben der Fliegerei, am meisten interessiert. Heute bin ich sehr zufrieden mit meinem Beruf. Es ist ein extrem spannender und vielseitiger Beruf – und auch ungefährlicher als der des Militärpiloten (lacht).

Ist die Fliegerei immer noch ein Hobby von Ihnen?
Nein. Die ist eigentlich seit längerem stillgelegt. Während des Studiums bin ich noch Segelflugzeug geflogen. Mit der Familie hat sich aber der Fokus im Laufe der Zeit verändert. Das Aviatiker-Herz schlägt aber schon noch in meiner Brust. Mit der Fliegerei habe ich wohl noch nicht ganz abgeschlossen.

Seine Famile (hier zwei seiner Töchter) begleiteten ihn nach Australien (Bild: Häfeli)

Wie verbringen Sie denn heute Ihre Freizeit?
Mir fällt es im Allgemeinen relativ leicht, abzuschalten. Ich bin verheiratet und habe drei Töchter im schulpflichtigen Alter. Da ist die Ablenkung mit der Ankunft zuhause eigentlich sofort da (lacht). Die Familienzeit ist das Wichtigste. Wir unternehmen viele Ausflüge miteinander und gehen gerne zusammen auf Reisen. Auch während unseres Jahres in Australien anlässlich meines Fellowships nutzten wir jede Möglichkeit, dieses Land kennenzulernen und waren viel unterwegs. Im Zusammenhang mit den Reisen hat sich auch die Fotografie zu einem grossen Hobby entwickelt.

Gibt es absurde Patientenfragen?
Ich glaube nicht. Natürlich ist es schon vorgekommen, dass mir Patienten Fragen zu etwas gestellt haben, nachdem ich Ihnen genau diesen Punkt zuvor erklärt hatte. Da muss man sich als Arzt aber selbst fragen, ob die eigene Erklärung dann vielleicht einfach auch nicht gut genug war. Dann passt man die Wortwahl an. Absurde Fragen kommen aber in meinem Berufsalltag nicht vor.

Lernt man im Studium, wie man sich inmitten der ganzen medizinischen Fachbegriffe verständlich ausdrückt?
Sagen wir es so: wir wurden darauf hingewiesen. Heute ist das vielleicht besser. Das weiss ich nicht. Ich gebe mir Mühe, in Gesprächen und Protokollen nicht mit Fachbegriffen um mich zu werfen und mich auch für jemanden, der kein medizinisches Wissen mitbringt, verständlich auszudrücken. Das ist vielleicht manchmal etwas umständlicher für mich. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass Patientinnen und Patienten meist aus komplett anderen Bereichen kommen. Eine gute Kommunikation und gegenseitiges Verständnis sind das A und O für eine gute Arzt-Patienten-Beziehung. Das braucht manchmal am Anfang etwas Fingerspitzengefühl. Mit der Zeit lernt man aber das Gegenüber besser kennen und merkt, was verstanden wird und was nicht.

Was sind für Sie besonders schöne Momente im Beruf?
Es ist immer wieder schön, wenn mir Patientinnen und Patienten nach schweren Handverletzungen und langer Reha erzählen, dass ihre Hand wieder funktioniert. Vielleicht nicht immer ganz so wie vor der Verletzung aber doch so, dass sie ihren Alltag wieder bewältigen, zurück zur angestammten Arbeit können. Diese Erlebnisse bestätigen einem in dem, was man macht.

Gibt es auf der anderen Seite auch Menschen, die zu Ihnen kommen und Wunder verlangen?
Auch das gibt es. Ich habe das aber weniger erlebt bei wirklich schweren Handverletzungen. Da rechnen Patienten eher damit, dass sie ihre Hand oder die Hände nicht mehr so brauchen können werden wie früher. Andere wiederum kommen mit vermeintlich kleinen Verletzungen und gehen davon aus, dass man da ein paar Schrauben einsetzt und dann am nächsten Tag alles wieder wie vorher ist. Man spürt da aber auch ein Stadt-Land-Gefälle. In grösseren Städten herrscht eher eine etwas überhöhte Erwartungshaltung an die Medizin. Auch trifft man häufiger auf ungeduldige Patienten mit einem gewissen VIP-Denken. Das ist in ländlichen Gebieten deutlich weniger der Fall. Hier in Graubünden erlebe ich die Patienten meist als sehr angenehm.

Wie ist Ihre Handschrift?
Wie kommen Sie jetzt darauf?

Es gibt ein Klischee, das besagt, dass die Handschrift von Ärzten per se unleserlich sei.
(Lacht, sucht nach einem Notizzettel und hält ihn dem Interviewer hin) Können Sie das lesen? (Anm. des Autors: Dr. Häfelis Handschrift ist gut lesbar.)

Gibt es andere Klischees über Ärzte, die falsch sind?
Dieses selbstherrliche und abgehobene Gehabe gibt es – so glaube ich – nicht mehr. Zumindest erlebe ich das nicht mehr so. Es hat da auch ein Mentalitätswandel stattgefunden. Vor ein paar Tagen bin ich über einen Bericht über die erste Herztransplantation am Unispital Zürich gestolpert. Das war 1967. Der Leiter der Herzchirurgie hatte einen Patienten, der ein Herz brauchte, sein Kollege aus der Neurochirurgie hatte einen hirntoten Patienten mit passendem Herzen. Da haben sich die beiden am Morgen besprochen und am Nachmittag das Herz transplantiert, ohne dass jemand der Angehörigen des Spenders informiert wurde. Das ist wohl etwas überspitzt beschrieben, zeigt aber das abgehobene Selbstverständnis, das Mediziner damals auch hatten. Heute wäre so etwas völlig undenkbar. Wir stehen heute viel stärker unter Beobachtung und werden von vielen Seiten hinterfragt, was sich in letzter Zeit auch in der Lohndiskussion wieder gezeigt hat. Es geht uns da wohl ähnlich wie anderen Berufsgruppen vor uns auch. Einst waren es die Pfarrer, später die Lehrer und zwischenzeitlich auch mal die Banker.

Die beiden erwähnten Professoren haben sich grosse Freiheiten herausgenommen. Dadurch ist aber auch die erste Herztransplantation in der Schweiz entstanden. Heute sind die Regulative viel enger. Bremst das manchmal auch den Fortschritt aus?
Jein. Wir brauchen klare Regeln und Richtlinien – absolut. Ich habe aber schon den Eindruck, dass heute das Pendel in die andere Richtung ausschlägt. Notwendige Ethikanträge und Datenschutzauflagen stellen teilweise eine grosse Hemmschwelle dar. So ist es schwierig und aufwändig geworden, auch nur kleine Studien wie zum Beispiel eine retrospektive Auswertung von Röntgenaufnahmen durchzuführen. Hier sind die Anforderungen meiner Ansicht nach zu gross und ich glaube da stellen wir uns selbst ein Bein. Die erhöhten Limiten haben für Studien, welche einen direkten Einfluss auf den Gesundheitszustand der Patienten haben, sicherlich ihre Berechtigung. Wir müssten aber für simple Studien einen einfacheren Weg finden.

Wen bewundern Sie?
Meine Familie. Meine Frau und meine Töchter. Sie haben in den letzten Jahren einige Wechsel mitgemacht, sind meinetwegen nach Australien und – kaum zurück in der Schweiz –aus dem Aargau nach Graubünden gezogen. Die vier sind meine grossen Heldinnen, die mir Halt geben. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich bewundere aber auch viele meiner Patienten, die sich nach einem Unfall oder einer grösseren Operation an der Hand über Monate in den Alltag zurückkämpfen. Das ist vielleicht etwas speziell bei der Handchirurgie: Mit der Operation alleine ist es noch nicht getan. Damit sind lediglich die anatomischen Voraussetzungen für eine möglichst normale Funktion wieder hergestellt. Die grösste Arbeit, nämlich die funktionelle Rehabilitation, kommt dann aber erst noch und muss von den Patienten bewältigt werden. Dieser Prozess ist häufig langwierig und auch wenn es für unsere Patienten nicht um Leben und Tod geht, kommt nicht selten die Ungewissheit hinzu, ob man wieder in die angestammte Tätigkeit zurückkehren und so weiter für seinen Lebensunterhalt aufkommen kann. Dies alles zu bewältigen ist eine grosse Leistung.

Weitere Informationen zur Handchirurgie am KSGR finden Sie auf: www.ksgr.ch/handchirurgie

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Dr. med. 
Mathias Häfeli

Chefarzt Handchirurgie, FMH Handchirurgie, FMH Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates

Tel.+41 81 256 62 22

Fax.+41 81 256 66 60

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