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Aus dem Spital
09.  Sep 2019

Wie erklärt man seinen Kindern das Arztgeheimnis?

Martina Heim ist leitende Ärztin der Akutgeriatrie, sprich der Altersmedizin, am Kantonsspital Graubünden. Zusätzlich arbeitet sie als leitende Ärztin in der Inneren Medizin. Aufgewachsen ist sie in Winterthur und hat in Zürich studiert. Während der Ausbildung war sie bereits als Unterassistenzärztin in Chur, danach wieder in Winterthur, worauf sechs Jahre in Basel folgten, bevor sie wieder in Chur landete. Diesmal mit Ehemann und Kindern.

Martina Heim

Was wollten Sie werden, als Sie klein waren?
Eigentlich Krankenschwester. Mein Gotti war mit Leib und Seele Krankenschwester. Sie arbeitet auch bei der Spitex und ich konnte sie hin und wieder begleiten. Irgendwann wollte ich dann doch lieber studieren.

Und von der Krankenschwester war der Schritt zur Medizin nicht so weit?
Mir war auf jeden Fall klar, dass ich etwas naturwissenschaftliches machen wollte. Umwelt- und Naturwissenschaften standen zur Diskussion. Das war mir dann aber zu weit weg vom Menschen und auch zu „exakt“ wissenschaftlich. So wurde es dann Medizin.

Wie kamen Sie zur Fachrichtung Altersmedizin, also Geriatrie?
Da gab es ein Schlüsselerlebnis während meiner Zeit als Unterassistentin auf der Inneren Medizin – das war übrigens auch schon hier in Chur: Da gab es einen Assistenzarzt, der wunderbar mit älteren Patienten umgehen konnte. Das hat grossen Eindruck auf mich gemacht. Er hat mir erzählt, dass er eigentlich Geriater sei und er das wohl deshalb so gut könne.

Inwiefern ist denn der Umgang mit älteren Patienten besonders?
Man fokussiert weniger nur die Krankheit, sondern muss auch das ganze Drumherum viel stärker in Betracht ziehen. Man geht mehr auf den Menschen ein.

Warum?
Man muss genauer wissen, woher der Patient oder die Patientin kommt und wo er oder sie wieder hin will. Sowohl von der Wohnsituation her als auch bezüglich der gesamten Lebenssituation. Ältere Menschen haben oft mehrere Gebrechen oder Krankheiten gleichzeitig. Nicht alle kann man immer heilen. Wenn man an einem Ort etwas wieder in Ordnung bringt, kann das direkten Einfluss auf ein anderes Organ oder eine Funktion des Körpers haben. Dessen muss man sich stets bewusst sein. Vor allem, weil Einschränkungen bei älteren Patienten rasch viel grössere Auswirkungen haben können, als bei jüngeren Patientinnen und Patienten.

Martina Heim

Können Sie da ein Beispiel machen?
Wenn jemand Probleme mit dem Herzen hat und man dieses Problem löst, kann das unter Umständen Einfluss auf die Muskelfunktion oder den Gleichgewichtssinn haben. Es bringt dann aber wenig, wenn ich jemandem, der jeden Tag eine Treppe hoch und runter muss, das Herzleiden lindere, er dafür aber Gleichgewichtsprobleme bekommt und die Treppe nicht mehr bewältigen kann. Man muss sich als Geriater einfach viel bewusster sein, was Massnahmen für mittelbare Einflüsse haben können und inwiefern sich diese auf das Leben der Patientin oder des Patienten auswirken könnten.

Sie sind Mutter von zwei kleinen Kindern. Im Vorgespräch haben Sie erwähnt, dass Sie hin und wieder im Konflikt zwischen Arztgeheimnis und kindlicher Neugier stehen. Wie äussert sich das?
Ja, die beiden sind fünf und sieben Jahre alt und natürlich sehr neugierig (lacht). Sie fragen gerne nach, wie mein Arbeitstag so war, wen ich getroffen und wen ich geheilt habe. Da muss ich dann erklären, dass ich ihnen das eigentlich nicht erzählen dürfe. Wir haben versucht, gemeinsam das Arztgeheimnis zu definieren. Die beiden waren dann der Meinung, dass ich ja erzählen könne, was jemand habe und wo er wohne, ohne dabei den Namen zu erwähnen. Oder ob es nicht möglich sei, ihnen den Namen zu sagen, dafür aber das Gebrechen oder die Krankheit nicht zu verraten. Es ist für die beiden schwierig zu verstehen, warum jemand nicht möchte, dass man weiss, warum er oder sie im Spital war. Aber wie es so ist: Geheimnisse – auch das Arztgeheimnis – haben eine unglaubliche Anziehungskraft auf Kinder. Vielleicht kann mir ja jemand aus der Leserschaft erläutern, wie ich meinen Kindern das Arztgeheimnis verständlicher erklären kann. Ich bin froh um Ratschläge (lacht).

Behandeln Sie Ihre Kinder selbst?
Bei Bagatellen natürlich schon. Wenn es aber darüber hinaus geht, möchte ich das nicht. Ich habe Familie und Freunden irgendwann mal mitgeteilt, dass ich sie nicht behandeln möchte. Ich berate natürlich, bitte mein Umfeld aber relativ rasch auch darum, den Hausarzt aufzusuchen. Zu grosse Nähe ist meines Erachtens hinderlich für die professionelle Patienten-Ärztin-Beziehung. Darum habe ich mich da relativ früh klar abgegrenzt.

Wie gut lassen sich Familie und Beruf für Sie vereinbaren?
Mein Mann und ich haben uns arrangiert. Er ist Softwareentwickler und hat sein Pensum reduziert. Ich arbeite 80 Prozent. Die ersten fünf Jahre hat er mehr gearbeitet und ich war auf einem 50-Prozent-Pensum. Zudem gehen unsere Kinder auch in die Krippe.

Martina Heim

Und das geht gut? 
Für uns ja. Als leitende Ärztin geht das meines Erachtens. Als Oberärztin konnte ich mir die Arbeit weniger einteilen, da war es schwieriger. Es ist eine Gratwanderung. Ohne Krippe ginge es aber nicht. Das finden aber nicht alle toll. Man bekommt aus dem erweiterten Umfeld schon immer mal wieder mit, dass es nicht nur goutiert wird, wenn man seine Kinder auch in die Krippe bringt. Bei den ersten Bemerkungen wehrt man sich da noch ein wenig. Mittlerweile ignoriere ich das. Mein Mann und ich sind ein gutes Team und wir erhalten auch ab und an Unterstützung von unseren Familien. Man wächst da auch hinein.

Wie haben Sie und Ihr Mann sich kennengelernt?
Das war vor 15 Jahren an einem Volleyballturnier (lacht). Ich war gerade mit dem Studium fertig und er hat noch studiert. Er hat so feines Chnoblibrot gemacht. Das hat mich im besten Sinne umgehauen (lacht).

Ihr Mann kommt aus der Region Basel, Sie aus Winterthur. Wie sind Sie als Familie denn in Chur gelandet?
Ich hatte schon früh eine Beziehung zu Graubünden, besonders zum Engadin. Das war auch mit ein Grund dafür, warum ich als Assistenzärztin schon hier in Chur war. So richtig festlegen wollten wir uns aber eigentlich nie. Die Varianten Chur, Winterthur oder Basel schwirrten schon in unseren Köpfen herum. Als dann der Anruf aus Chur kam, wollte ich unbedingt hierher kommen. Wir haben dann gefunden, dass das hier passt. Mein Mann arbeitet viel von Zuhause aus und in regelmässigen Abständen auch vor Ort bei seiner Firma in Basel. Zu Beginn haben ihm die Berge etwas Mühe gemacht. Er fühlte sich etwas eingeengt. Seitdem wir als Familie gemeinsam auf diesen Bergen rumkraxeln, gefallen die ihm schon viel besser (lacht).

Wie schalten Sie sonst vom Arbeitsalltag ab?
Das ist relativ einfach: Wenn ich zuhause die Türe aufmache, sind da zwei kleine Wirbelwinde, die mich komplett absorbieren. Da schaltet sich mein Spital-Ich relativ schnell ab. An freien Tagen sind wir viel draussen.

Was raten oder wünschen Sie Ihren Patienten?
In der Rolle der strengen Ärztin wäre das: bewegen, bewegen, bewegen. In Bewegung zu bleiben ist für ältere Menschen das A und O. Zudem sollten sie genügend und richtig essen. Aber viel wichtiger – und das wünsche ich nicht nur meinen Patienten – das wünsche ich allen älteren Menschen: Geniessen Sie das Leben. Finden Sie Erfüllung in Ihrer Rolle. Lassen Sie sich nicht einreden, vor allem nicht von sich selbst, dass Sie nicht mehr so viel wert sind wie früher. Sie sind enorm wertvoll, mit Ihrer Art, Ihrer Lebenserfahrung, als Grossmutter oder Grossvater, als Ratgeber. Das ist einfacher gesagt als getan, erscheint mir aber einer der wichtigsten Punkte zu sein, den sich unsere älteren Mitmenschen immer wieder zu Herzen nehmen sollten.

Mehr Informationen zur Altersmedizin am KSGR finden Sie unter ksgr.ch/akutgeriatrie.

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Dr. med. 
Martina Heim Classen

Leitende Ärztin und Leiterin Akutgeriatrie

Tel.+41 81 255 20 80

Fax.+41 81 255 20 82

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