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Gesundheit
28.  Nov 2018

Wie die Krebsbehandlung in den Tropf oder die Spritze kommt

Im Kantonsspital Graubünden (KSGR) werden Menschen, die an Krebs leiden, je nach Krebsform operiert, bestrahlt oder sie erhalten eine medikamentöse Tumortherapie. Diese Behandlungsmöglichkeiten können einzeln oder kombiniert angewendet werden. Die medikamentöse Tumortherapie wird entweder in Form von Tabletten oder Kapseln eingenommen oder parenteral, also „am Darm vorbei“ injiziert. Diese Infusionslösungen und Spritzen werden unter sterilen Bedingungen, patientenspezifisch von erfahrenem Personal hergestellt.  Dies geschieht in der hauseigenen zentralen Zytostatikaherstellung des KSGR, unter der Leitung von Frau Dr. sc. ETH Priska Binz Nocco.

Zytostatikaherstellung unter sterilen Bedingungen

Zytostatikaherstellung unter sterilen Bedingungen.

Anders als ein chirurgischer Eingriff oder eine Strahlentherapie wirken medikamentöse Tumortherapien nicht lokal, sondern systemisch. Das bedeutet, dass die Medikamente über die Blutgefässe in weitere Bereiche des Körpers gelangen und dadurch Tumorzellen schädigen. Für die Krebsbehandlung stehen Medikamente mit unterschiedlichen Wirkmechanismen zur Verfügung. Dazu gehören die Chemotherapien mit Zytostatika, die Immuntherapien mit Antikörpern, die antihormonellen Therapien sowie die zielgerichteten Therapien. Die Zytostatika greifen in die Teilungsphasen von Krebszellen ein und hemmen so das Wachstum des Tumors. Die Immuntherapien sorgen dafür, dass das menschliche Immunsystem Krebszellen bekämpft und bei der antihormonellen Therapie ist der Ansatzpunkt die Hormonabhängigkeit gewisser Krebszellen. Bei den zielgerichteten Krebstherapien werden molekulare Strukturen von Tumorzellen angegriffen.

Wege von der Verordnung bis zur anwendungsfertigen Krebstherapie

Viele Zytostatika und Immuntherapien werden parenteral verabreicht. und deshalb in der zentralen Zytostatikaherstellung patientenspezifisch und anwendungsfertig bereitgestellt. Wie geht nun aber eine solche Herstellung genau vor sich? –  Der behandelnde Arzt schickt die Verordnung für die Krebstherapie an die Abteilung Zytostatikaherstellung. Dort wird die Verordnung von einer Apothekerin überprüft. Dazu gehören die Kontrolle von Dosierung und Medikation, sowie die Vollständigkeit der Therapie-Schemata. Ist die Verordnung freigegeben, erfolgt die Herstellung im Reinraum unter der Sicherheitswerkbank. Dies geschieht mit Hilfe eines validierten Computersoftwareprogramms, einer Waage und eines Barcode-Scanners. Alle Herstellungsschritte werden vom Computerprogramm automatisch kontrolliert und nachprüfbar dokumentiert. Erst wenn die gewogenen Mengen mit der Verordnung übereinstimmen, wird das Produkt freigegeben. „Dieses standardisierte Vorgehen führt zu einer hohen Produktequalität und erhöht die damit verbundene Medikationssicherheit enorm”, macht Priska Binz Nocco deutlich.
Nach erfolgter Herstellung werden die Tumortherapien durch eine Apothekerin endkontrolliert und in speziell gekennzeichneten, bruchsicheren Transportbehältern ausgeliefert.

Wer sind die Bezüger?

Reinraum mit Hersteller und Zudiener

Reinraum mit Hersteller und Zudiener.

Rund 8’600 Tumormedikamente werden jährlich von den zehn Mitarbeitenden der Abteilung Zytostatikaherstellung angefertigt. Der Hauptbezüger ist die medizinische Onkologie, eine ambulante Abteilung des KSGR, aber auch andere Abteilungen, sowie die Standorte Fontana und Kreuzspital werden regelmässig beliefert. Dazu kommen externe Spitäler auf Kantonsgebiet sowie das Landesspital Liechtenstein – was einer besonderen Bewilligung bedarf, um die Chemotherapien ins benachbarte Ausland exportieren zu dürfen. Bei der Auslieferung müssen besondere Anforderungen an den Transport erfüllt werden, da dieser sowohl sicher als auch bei konstanten Temperaturen erfolgen muss.
Neben dem Tagesgeschäft erfordern Herstellungen im Rahmen von zahlreichen Studien, an denen die medizinische Onkologie teilnimmt, einen steigenden Aufwand an Organisation, Bewirtschaftung und Dokumentation.

Besondere Schutzmassnahmen bei der Herstellung von Krebstherapien

Während Zytostatika bei Krebskranken zur Heilung beitragen, indem sie die Vermehrung von Tumorzellen hemmen, sind sie für gesunde Menschen schädigend. „Daher müssen die Mitarbeitenden, die mit solchen Substanzen arbeiten, geschützt werden. Gleichzeitig muss aber auch das Produkt vor dem Menschen geschützt werden, um die mikrobiologischen Vorgaben zu gewährleisten”, verdeutlicht Priska Binz Nocco die doppelte Herausforderung. Dazu werden in der Zytostatikaherstellung verschiedene Vorkehrungen getroffen.
Die Mitarbeitenden betreten den Produktionsbereich durch eine so genannte Personalschleuse, wo sie ihre Bereichskleidung ablegen und einen Personenschutzanzug inklusive Mundschutz und Kopfhaube anziehen. Im Herstellungsraum wird mit einer doppelten Handschuhschicht an einer Sicherheitswerkbank gearbeitet. Durch spezielle Luftströmungen wird gewährleistet, dass das Produkt nicht verunreinigt und der Hersteller nicht kontaminiert wird. Die Medikamentenflaschen werden bei der Herstellung in der Sicherheitswerkbank mit geschlossenen Verschlusssystemen versehen, sodass bei der Entnahme kein Wirkstoff bzw. kein Aerosol austritt. Alle Mitarbeitenden des Teams, wie auch die Magaziner und Transporteure, sind im Umgang mit den Gefahrenstoffen geschult.

Vorteile der Zentralisierung der Zytostatikaherstellung

fachmännische Zytostatikaherstellung von erfahrenem Personal

fachmännische Zytostatikaherstellung von erfahrenem Personal

Aufgund der sterilen Herstellung können angebrochene Zytostatikalösungen für mehrere Patienten verwendet werden und müssen so nicht im Sondermüll entsorgt werden. Da Krebsmedikamente zum Teil sehr teuer sind, kann somit erheblich Geld eingespart werden. Verrechnet wird so nur die wirklich benötigte Menge.
Dank der Zentralisierung der Zytostatikaherstellung ist das Spitalpersonal, das einem direkten Kontakt mit Gefahrenstoffen ausgesetzt ist, minimiert. Tumortherapien werden so nur von erfahrenem und routiniertem Personal hergestellt. Das Pflegepersonal kann sich dank der Zentralisierung vollumfänglich den pflegerischen Aufgaben widmen und muss die aufwändigen Herstellungen nicht auf den Stationen zubereiten.




Weitere Informationen zur hauseigenen Zytostatikaherstellung finden Sie unter www.ksgr.ch/zentrale-zytostatikaherstellung.

1 Kommentar
04.  Feb 2019

Christen Norbert

Sehr gut beschriebenes Vorgehen. Für Laien verständlich. Danke

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Dr. sc. ETH Priska Binz Nocco
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Dr. sc. ETH Priska Binz Nocco

Leitung Zytostatikaherstellung

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