Blog

Gesundheit
18.  Feb 2021

Spezialisten für ein Wunderwerk

«I wanna hold your hand» sangen die Beatles. Bei der Begrüssung schütteln wir uns die Hände – zumindest haben wir das vor Corona getan – oder winken uns zu. Ohne Hände könnten wir den Alltag nicht oder nur sehr schwer bewältigen. Umso wichtiger, dass wir ihnen Sorge tragen und bei schweren Verletzungen Spezialisten aufsuchen.

Etwa ein Viertel aller Knochen des Skeletts befindet sich in unseren Händen.

Unsere Hände sind komplexe Gebilde: Ein Greifwerkzeug, ein Kommunikationsmittel, ein Sinnesorgan. Etwa ein Viertel aller Knochen des Skeletts befindet sich in unseren Händen. Rund 17'000 Sensoren, Nervenenden und Rezeptoren sind in Handflächen und Fingern enthalten. Auf glatter Fläche kann der Mensch mit seinen Händen Unebenheiten ertasten, die kleiner sind als ein Hundertstel Millimeter. 33 Muskeln bewegen eine Hand. Kurz: Die Hände sind ein Wunderwerk der Natur.

«Die Hand ist eine sehr filigrane Funktionseinheit mit vielen und individuellen Facetten. Sie dient nicht nur zum Greifen, sie ist eben auch ein Sinnesorgan, mit dem wir tasten, feinmotorische und auch grobmotorische Tätigkeiten ausführen», erklärt Christian Wirtz, Leitender Arzt der Handchirurgie am Kantonsspital Graubünden (KSGR). Die Masse an anatomischen Strukturen auf engem Raum und die filigrane Biomechanik der Hand führen dazu, dass bereits kleine Verletzungen und deren Folgen, etwa schlecht verheilte Narben und Abnutzungserscheinungen wie Arthrose, zu einer erheblichen Einschränkung der Hand führen können. «Erst, wenn man ein Problem an der Hand hat, merkt man, wie sehr uns dies im Alltag behindert. Auch nach grösseren Verletzungen wie Polytraumata ist es am Schluss oft die Hand, warum ein Patient, eine Patientin arbeitsunfähig ist», beschreibt Wirz den Stellenwert unserer Hand weiter.

Patient Patrik Lüscher hat sich beim Kochen seine Hand schwer verletzt.

Beim Kochen Beugesehnen und Nervenstränge durchtrennt
Ein eindrückliches Beispiel dafür ist der Fall von Patrik Lüscher. Der 34-jährige Rechtshänder ist ausgebildeter Architekt und spielt leidenschaftlich Schlagzeug und Klavier. Im September letzten Jahres hat er sich seine rechte Hand schwer verletzt: «Ich war beim Kochen und hatte gerade Gemüse geschnitten. Danach wollte ich mein Kochmesser mit Schwung in das Schneidebrett stecken. Dabei ist meine Hand abgerutscht und ich bin mit der geschlossenen Hand über die Messerklinge gerutscht. Dabei habe ich mir an drei Fingern bis auf den Knochen geschnitten.» Nach dem ersten Schock fuhr Lüscher in die Notfallaufnahme des Spitals Glarus, wo die Wunde erstversorgt wurde. Der dortige Dienstarzt kontaktierte umgehend die Handchirurgie des KSGR und schilderte Lüschers Fall, der daraufhin nach Chur verlegt wurde. Auf der Fahrt dorthin stellte Lüscher bereits fest, dass er seine Finger nicht mehr bewegen konnte und auch kein Gefühl mehr darin hatte. «Ich machte mir grosse Sorgen», erinnert er sich.

Notfalleingriff durch Handspezialisten
Lüscher hatte sich durch den Unfall Nerven und Sehnen seiner Finger durchtrennt. Handchirurg Christian Wirtz operierte die Hand und erklärt: «Die Greiffunktion von Mittel-, Ring- und Kleinfinger sowie die Sensibilität waren durch die Verletzung vollständig ausgefallen. Die Lokalisation der Sehnenverletzung auf Höhe der Sehnenscheidenkanäle machte die Sache heikel, da das Risiko von einem Reissen der Sehnennaht, aber auch von Vernarbungen und damit verbundener Bewegungseinschränkung hoch ist. Auch die Nervenverletzungen müssen bei dem Eingriff versorgt werden. Bereits kleine Funktionsausfälle können erheblichen Einfluss auf die gesamte Handfunktion haben». Es war also wichtig, dass alle filigranen Nerven und Sehnen in den Fingern sachgerecht versorgt werden konnten. «Eine typische Verletzung, die von Handchirurgen und -chirurginnen versorgt werden sollte, um die Funktion soweit wie möglich wiederherzustellen. Im letzten Jahrhundert wurden die Finger wegen solchen Verletzungen zum Teil noch amputiert, da die zu erwartende Prognose für die Handfunktion zu schlecht war», erklärt Wirtz.

Operation unter dem Mikroskop
Man könne sich die Nerven wie Elektroleitungen vorstellen, bei denen die Isolationsschicht wieder zusammengenäht werde. «Die Fäden, die dabei verwendet werden, haben kaum ein Gewicht. Wenn man die abschneidet, fliegen sie einfach davon.» Genäht werde daher unter dem Mikroskop. Hinzu kommt, dass man nicht allzu viel Zeit hat für einen solchen Eingriff. «Wir müssen für eine solche Operation die Blutzufuhr in die Hand stoppen. Spätestens nach zwei Stunden muss man die wieder zulassen, um Schäden zu vermeiden.»

Handchirurgie – eine junge Disziplin
Die Handchirurgie ist eine vergleichsweise junge Disziplin. Als Spezialfach hat sie sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgebildet. In der Schweiz gibt es den Facharzttitel für Handchirurgie erst seit einigen Jahren. Momentan sind etwa 180 Handchirurgen und -chirurginnen FMH in der Schweiz tätig. Die meisten davon hatten bereits einen chirurgischen Facharzttitel, bevor sie die mindestens vierjährige Weiterbildung zum Handchirurgen absolvierten. Unterdessen kann nach dem sechsjährigen Medizinstudium der Facharzttitel Handchirurgie FMH in einer mindestens sechsjährigen Weiterbildung erlangt werden.

Drei Erfolgsfaktoren und ein schmaler Grat
Die Operation von Patrik Lüschers Hand verlief gut. Damit war es aber noch nicht getan. «Neben der Chirurgie sind die spezialisierte Nachbehandlung durch die Ergotherapie und die Motivation des Patienten diejenigen Faktoren, die in etwa zu gleichen Anteilen über Verlauf und Erfolg – oder auch Misserfolg – einer Behandlung entscheiden», sagt Wirtz und Lüscher ergänzt: «Die Therapeutin hat mir Übungen gezeigt, mit denen ich meine Finger trainieren konnte. Wichtig ist dabei, so hat sie mir das erklärt, dass ich nicht zu viel und nicht zu wenig mache. Überlaste ich die Sehnen, können sie reissen, tue ich zu wenig, kann das Einfluss auf die Funktionalität meiner Finger haben.» Lüscher musste jede Stunde eine Übung machen, stets auf dem schmalen Grat zwischen «zu viel» und «zu wenig».

Die Kampagne «Handfacts»  der Schweizerischen Gesellschaft für Handchirurgie.

Die Spezialisierung macht's – Eine andere Art der Chirurgie
Mittlerweile ist Patrik Lüschers Hand beinahe wieder ganz die alte: «Ich mache noch Übungen zum Kraftaufbau. Ich habe im kleinen Finger noch etwas weniger Gefühl, als vor dem Unfall, bin aber enorm froh, dass ich meine Hand wieder nutzen, Dinge greifen kann und wieder spüre, wenn ich ein Schleifpapier anfasse.» Die Prognose, dass sich Lüschers Hand innerhalb des nächsten Jahres noch weiter erholen wird, ist gemäss Christian Wirtz sehr gut. «Wir haben hier ein gutes Beispiel dafür, dass, wenn alle drei Faktoren der Behandlung miteinander funktionieren, eine solche Verletzung wieder genesen kann.»

«Verletzungen dieser Art gehören meiner Meinung nach in die Hände eines Handchirurgen», sagt Wirtz. Ein Thema, auf das auch die Schweizerische Gesellschaft für Handchirurgie mit ihrer Kampagne handfacts.ch aufmerksam macht. Eingriffe an der Hand basieren auf einem eigenen Konzept und speziellen Techniken, die man während der Weiterbildung erlernt und über Jahre trainiert. Patienten mit Handproblemen brauchen eine individuelle Betreuung. Man muss sie kennenlernen und begleiten. Dies hat Einfluss auf die Entscheidung, welcher Eingriff der Richtige ist. Was für den Musiker gut ist, ist noch lange nicht das Richtige für die Schreinerin oder die Reinigungskraft. «Es ist eben eine andere Art der Chirurgie, die nicht eins zu eins gleichzusetzen ist mit der Orthopädie und der Unfallchirurgie, auch wenn gewisse Parallelen bestehen», sagt Wirtz.

Patrik Lüscher wird in Zukunft beim Kochen und bei anderen Tätigkeiten besser darauf achten, seine Hände zu schützen. Er weiss jetzt, was alles passieren kann und wie viel handchirurgisches Spezialwissen und Arbeit nötig waren, damit er seine Hand heute noch richtig nutzen kann.

Weitere Informationen zur Handchirurgie am KSGR finden Sie auf: www.ksgr.ch/handchirurgie.

1 Kommentar
01.  Mrz 2021

Markus Götsch

Ich gratuliere Herrn Dr. Wirtz,
was er beherrscht.
Dank Ihm können viele Patienten von seinem Wissen profitieren.
Ich wünsche Ihm alles Gute
Mit freundlichen Grüssen
Markus Götsch

Klicken, um ein neues Bild zu erhalten

Die mit einem * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.

Christian Wirtz
Kontaktperson

Dr. med.
Christian Wirtz

Leitender Arzt Handchirurgie

Tel.+41 81 256 62 22

E-MAIL