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Aus dem Spital
22.  Mrz 2017

Wenn es zu Hause nicht mehr geht

Nach einem Spitalaufenthalt wieder nach Hause zu können, ist nicht selbstverständlich. Wir begegnen täglich Patienten, bei denen man eine Rückkehr in die eigene Wohnung oder das eigene Haus in Frage stellen muss. Ein Unfall oder eine Erkrankung können Menschen in ihrer Lebenssituation auf allen Ebenen einschränken, manchmal nur vorübergehend, manchmal aber auch dauerhaft. Die Rückkehr nach Hause, in die gewohnte Umgebung oder auch in die Berufstätigkeit wird dann auf einmal zu einer schier unüberwindbaren Herausforderung und nichts ist mehr, wie es einmal war.

Frau Simeon weiss, wie es ist, wenn dieses Thema im Spital besprochen wird. Sie lebte allein in einer Mietwohnung, bevor sie wegen eines Infekts im Kantonsspital Graubünden hospitalisiert wurde. Der Alltag daheim war für die damals 79-jährige verwitwete Rentnerin schon länger etwas schwierig – sie lebte im 4. Stock eines Mehrfamilienhauses ohne Lift. Eine frühere Fussverletzung bereitete ihr Komplikationen, sie war auf einen Rollator angewiesen und konnte damit die Wohnung kaum mehr selber verlassen. Im Haushalt benötigte sie Hilfe von ihren Angehörigen und der Spitex, die auch die Körperpflege teilweise übernahm. Ein Eintritt in ein Heim kam für Frau Simeon bis zu diesem Zeitpunkt jedoch nie in Frage.

«Ich wollte davon nichts hören»

Frau Simeon ist heute froh, dass sie den Schritt in das Seniorenheim Cadonau gemacht hat.

Frau Simeon ist heute froh, dass sie den Schritt in das Seniorenzentrum Cadonau gemacht hat.

Der Infekt und der damit verbundene Spitalaufenthalt schwächten Frau Simeon zusätzlich und sie kam nur schwer wieder auf die Beine. In dieser Situation wurde eine erneute Rückkehr nach Hause vom Behandlungsteam zum ersten Mal in Frage gestellt. Der Spital-Sozialdienst besuchte die Patientin und sprach mit ihr über die verschiedenen Anschlusslösungen, die nach dem Spital bestehen. Der Widerstand bei der Patientin war zu diesem Zeitpunkt jedoch gross: „Ich wollte davon nichts hören, ich wollte nur nach Hause gehen und bin auf die Vorschläge des Spitals nicht eingegangen.“

Diesen Widerstand erleben die Mitarbeiterinnen des Spital-Sozialdienstes oft. Gerade Patienten, die zum ersten Mal in einem Pflegeheim betreut werden müssen, tun sich damit sehr schwer. Es macht Angst, die eigene Selbständigkeit zu verlieren und auf Unterstützung angewiesen zu sein. Das Eingeständnis, dass es selber nicht mehr geht, ist für viele Menschen schwierig. Patienten erleben bei diesen Absprachen verschiedene Gefühlsphasen und es ist wichtig, dass man sie emotional auffängt. Und sie benötigen Zeit, sich mit diesem Schritt auseinanderzusetzen.

Notruf-Uhren und Schlüsselsafes

Mit Hilfsmitteln kann heutzutage in einem Bad - wie hier im Pflegeheim - sehr viel Unterstützung geboten werden.

Mit Hilfsmitteln kann auch in einem Bad, wie hier im Pflegeheim, viel Unterstützung geboten werden.

Wenn immer möglich, wird als Alternative zu einem Pflegeheimeintritt die Rückkehr nach Hause diskutiert. Heutzutage kann daheim sehr viel ermöglicht werden. Die Spitex und andere Betreuungsdienste, wie der Palliative Brückendienst, 24-Stunden-Betreuungsdienste oder andere Entlastungsdienste leisten hier Arbeit von unschätzbarem Wert. Hilfsmittel wie Rollatoren, Pflegebetten, WC-Aufsätze oder Handgriffe im Bad erleichtern den Alltag. Notrufuhren und Schlüsselsafes erhöhen die Sicherheit. Der Grundriss der Wohnung, der Wohnort selber oder auch die Verfügbarkeit von betreuenden Angehörigen spielen bei diesen Lösungen eine wesentliche Rolle. Daneben hängen diese umfassende Betreuungsnetze auch von finanziellen Mitteln ab. Nicht alle Unterstützungsleistungen und Hilfsmittel sind von einer Versicherung gedeckt oder können über die Ergänzungsleistungen abgerechnet werden.

Dennoch ist wichtig, dass man diese Alternativen diskutiert und den Patienten, wenn möglich, verschiedene Optionen zur Auswahl vorlegt. Vor allem auch bei jüngeren Patienten ist wichtig, die Rückkehr nach Hause zu diskutieren. Denn: für pflegebedürftige oder schwer erkrankte Personen, die noch nicht im AHV-Alter sind, fehlen in unserem Kanton geeignete Anschlusseinrichtungen.

«Ich musste es mir eingestehen»

Die Mitarbeiterinnen des Spital-Sozialdienstes besuchen die Patienten und informieren sie über ihre Austrittsmöglichkeiten.

Die Mitarbeiterinnen des Spital-Sozialdienstes informieren über die Austrittsmöglichkeiten.

Bei Frau Simeon wurde ebenfalls diskutiert, unter welchen Umständen eine Rückkehr nach Hause möglich sein könnte. Schlussendlich hat sich aber die Patientin selber dagegen entschieden: „Je näher der Austritt kam umso mehr musste ich mir eingestehen, dass ich mir mit einer Rückkehr nach Hause zu viel zumutete.“ Nach Gesprächen mit Ärzten und Pflegefachpersonen, dem Spital-Sozialdienst und den Angehörigen sagte sie Ja zu einem Übertritt in ein Pflegeheim. Vorerst noch vorübergehend, womit sie sich die Möglichkeit offen liess, später nochmals nach Hause zurückzukehren.

Bei einem Austritt in ein Pflegeheim informiert der Spital-Sozialdienst über die verschiedenen Möglichkeiten, die Kosten und den Ablauf. Die Sozialarbeiterinnen koordinieren und organisieren den Austritt in Absprache mit allen Beteiligten. Dazu gehören: Informationsaustausch, Anträge einreichen, Termine vereinbaren, weitere Absprachen treffen. Manchmal sind die Begleitungen sehr intensiv und es ist viel Klärungsarbeit nötig, in anderen Situationen sind engagierte Angehörige eingebunden und übernehmen viele Aufträge selbständig. In diesem Prozess macht dem Kantonsspital Graubünden die hohe Belegung der Pflegeheime manchmal etwas zu schaffen. Gerade auf dem Platz Chur und in der Umgebung sind die Pflegeheime oftmals komplett ausgelastet und haben kaum freie Plätze. Das bedeutet, dass Patienten dann vorübergehend auch in Pflegeheimen ausserhalb der Region platziert werden müssen. Das ist für Patienten dann natürlich besonders schwierig und kann zusätzlichen Unmut auslösen.

«Umsorgt fühlte ich mich wohl»

Im Spital selber gibt es keine Wartemöglichkeiten, die Aufenthalte sind in der Regel auf eine kurze, medizinisch indizierte Zeit begrenzt. Das ist für Patienten nicht immer nachvollziehbar und macht ihnen den Schritt sicher nicht einfacher. Wichtig ist, dass sich Menschen frühzeitig mit diesem Thema auseinandersetzen. Es hilft, wenn Patienten konkrete Vorstellungen haben, wenn sie Einrichtungen schon kennen und sich vielleicht schon einmal mit einem Heimeintritt befasst haben. Im Kantonsspital Graubünden wird zudem die Austrittsplanung frühzeitig thematisiert und sobald sich abzeichnet, dass eine Rückkehr nach Hause erschwert sein könnte, werden die Möglichkeiten besprochen. Trotzdem geht es für die Patienten manchmal zu schnell und nicht alle sind bereit, sich auf diese Diskussionen einzulassen.

Frau Simeon selber blickt auf ihren Entschluss, in ein Heim einzutreten, positiv zurück. Sie ist nicht mehr nach Hause zurückgekehrt, obwohl sie diese Option hatte. „Ich habe gemerkt, dass ich mich umsorgt sehr wohl fühle und wieder vermehrt soziale Kontakte pflegen kann. Ich habe mich deswegen dazu entschlossen, fest hier zu bleiben.“

Der Spital-Sozialdienst

Kantonsspital Graubünden Hauptstandort

Kantonsspital Graubünden Hauptstandort
Bilder: Michèle Albertin

Der Spital-Sozialdienst unterstützt Patienten und Angehörige bei der Austrittsplanung und/oder bei Übertritten in Anschlusseinrichtungen. Die Möglichkeiten sind vielseitig und abhängig von der medizinischen und pflegerischen Situation. Für die Organisation des Austritts arbeitet das Kantonsspital Graubünden mit verschiedenen Partnern und Institutionen eng zusammen. So zum Beispiel: Spitex, Pflegeheime, Reha-Kliniken, private Spitexdienste, ambulante Fach- und Beratungsstellen, Freiwilligendienste, Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden, Regionale Sozialdienste, Versicherungen und viele mehr.

Kontakt:
Spital-Sozialdienst
Kantonsspital Graubünden
Tel. +41 81 256 66 10


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Ansprechpartner

Michèle Albertin

Leiterin Spital-Sozialdienst

Tel.+41 81 256 74 50

Fax.+41 81 256 68 20

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