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Aus dem Spital
01.  Okt 2020

«Als Mutter bin ich auf eine andere Art empathisch»

Simone Bur arbeitet seit 2009 am Kantonsspital Graubünden auf dem Kindernotfall und im Kinderambulatorium als stellvertretende Stationsleiterin. Die Liebe und indirekt der Unihockeysport haben sie nach Chur gebracht.

Simone Bur

War für Sie schon immer klar, dass Sie auf einer Kinderabteilung arbeiten möchten?
Ja, als ich ungefähr fünf Jahre alt war, habe ich ein Ambulanzfahrzeug gesehen beziehungsweise bewusst wahrgenommen und meine Mutter gefragt, was da los sei. Sie hat mir erklärt, dass sich da drin wohl jemand befinde, der sich fest wehgetan habe und schnell Hilfe brauche. Ab diesem Zeitpunkt war für mich klar, dass ich auch helfen will und so wuchs der Wunsch, als «Krankenschwester» – so hat man dem damals noch gesagt – zu arbeiten. Auch, dass dies bei den Kindern sein wird, war für mich schon damals klar.

Also war das schon immer Ihr Traumberuf?
Ja. Ich habe zwar auch in ein paar andere Berufe hineingeschnuppert und dann auch erst eine Ausbildung als Pharmaassistentin gemacht. Das war aber eigentlich mehr, weil ich noch nicht 18 Jahre alt war und vorerst nicht weiter zur Schule gehen wollte.

Aber den Schritt in die Medizin haben Sie dann schon gemacht.
Genau. Das war der ideale Einstieg für mich. Es war eine super Grundlage und ich lernte bereits die Medikamente gut kennen. Im Hinterkopf war mir aber klar, dass ich danach die Ausbildung zur Pflegefachfrau machen werde. Nach der Lehre habe ich dann die dreijährige Ausbildung mit Schwerpunkt Kind, Jugendliche, Frau und Familie gemacht.

Mussten Sie sich da schon zu Beginn der Ausbildung auf einen Schwerpunkt festlegen?
Ja. Als ich 2006 mit der Ausbildung anfing, lief der Pilot der neuen HF-Ausbildung. Da musste man sich auf einen der vier Schwerpunkte bewerben. Wir waren rund 30 Schülerinnen und Schüler und davon wollten sich 23 einen der sechs freien Plätze im Schwerpunkt Kinder ergattern. Die anderen Bereiche waren Akutmedizin, Geriatrie und Psychiatrie. Während der Ausbildung macht man drei Praktika, eines davon in einem der anderen Bereiche. Ich habe mein Fremdpraktikum in der Psychiatrie gemacht und hatte das grosse Glück, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu arbeiten. Das war wie ein Lotto-Sechser.

Ihrem Dialekt nach kommen Sie nicht aus der Region Ostschweiz. Sie klingen nach Bern. Was hat Sie nach Chur verschlagen?
Ja, wo die Liebe hinfällt (lacht). Mein Freund und ich haben uns in Bern kennengelernt. Seine Sportlerkarriere hat ihn dann nach Chur verschlagen. Er spielte Unihockey in der Nationalliga A. Ich war noch in der Ausbildung und bin zwischen Bern und Chur hin und her gependelt. Ich habe jede freie Minute hier oben verbracht. Mir war klar: Wenn die Beziehung hält, komme ich nach der Ausbildung nach Chur.

Wo spielte Ihr Freund denn? Malans? Chur?
In Chur. Dummerweise. Sonst hätte er mehr Erfolg gehabt (lacht).

Das schreibe ich so…ok?
(Lacht) Ja, das ist ok, ist ja kein Geheimnis. Aber er fühlte sich sehr wohl. Die Teamkollegen waren super.

Simone Bur

Spielten Sie auch?
Ja, habe ich. Auch als Goalie. 1. Liga Grossfeld. 

Dann haben Sie sich über den Sport kennengelernt?
Ja, ich war so ein bisschen sein Groupie (lacht), wenn man das so sagen kann.

Also sind Sie nach Chur gekommen – und bleiben jetzt hier?
Ja. Uns gefällt es hier und so einen tollen Job wie hier am Kantonsspital finde ich nicht so schnell wieder. Am Anfang hatte ich zwar etwas Mühe, mich zu integrieren. Jetzt bin ich aber voll und ganz hier und es gefällt mir sehr gut. Ich war am Anfang sehr stark in der Churer Unihockeyfamilie daheim. Im KSGR bin ich als Frischling auf einer Abteilung gelandet, wo das Patientenspektrum sehr breit war. Als ich dann in den Kindernotfall wechselte, fand ich ein Team, in dem ich mich zuhause fühlte – was bis heute noch so ist.

Der Sport spielt eine grosse Rolle in Ihrem Leben. Ist es wichtig, eine Möglichkeit zu haben, den Alltag auf dem Kindernotfall zu vergessen?
Ja, der Sport ist aber als Ablenkungsprogramm etwas in den Hintergrund geraten. Ich verbringe viel Zeit in der Natur und bei Ausflügen mit der Familie. Da lässt sich gut Energie tanken. Klar gibt es Schicksale, die einen sehr berühren. Ich kann meinen Beruf aber gut mit der Arbeitskleidung im Spital lassen.

Muss man das lernen?
Nein, ich glaube, das bringt man mit. Wenn nicht, sollte man es aber lernen, sonst ist es viel zu belastend. Man muss empathisch sein, darf schwierige Dinge aber auch nicht zu nah an sich heranlassen.

Sind Menschen, die auf Kinderabteilungen arbeiten, anders als die Leute auf anderen Abteilungen?
Ob sie anders sind, weiss ich nicht. Was mir auffällt, ist, dass auf Kinderabteilungen alle ähnlich gestrickt sind: offen, herzlich, geduldig und offen dafür, von Kindern zu lernen. Es kommt ja oft vor, dass Verrichtungen schmerzhaft sind. Sie verzeihen einem viel, wenn man Geduld hat und ihnen erklärt, was man macht. Kinder sind wundervoll. Ich mag mich an einen Jungen erinnern, dem ich eine Infusion legen musste. Normalerweise haben wir dafür ein Pflaster, dass das Gewebe rund herum schmerzunempfindlich macht. Das dauert aber eine Stunde. Bei ihm konnten wir mit der Infusion nicht warten. Er hat sehr geweint, als ich ihm die Infusion legte. Als ich einige Zeit später nach ihm sah, war sein Vater zu Besuch und der Junge sagte zu ihm: «Schau Papi: Das ist das Mädchen, das mich gestochen hat… aber ich habe es immer noch sehr gern».

Kinder und Betrunkene sagen die Wahrheit, sagt man. Stimmt das? Also bei den Kindern?
Ja, definitiv. Aber meist im positiven Sinne. Und manchmal entstehen daraus auch sehr lustige Situationen.

Zum Beispiel?
Es war einmal ein Junge bei uns für eine Zirkumzision – also eine Beschneidung. Als er danach vom WC zurückkam, hat er zu mir gesagt: «Jetzt habe ich das gleiche 'Pfiifli' wie der Papa» (lacht).

Ist der Umgang mit Kindern einfacher als mit Eltern?
Ja. Ein sehr grosser Teil unserer Arbeit besteht aber natürlich schon darin, Eltern abzuholen und zu erklären, was ihrem Kind fehlt und ihnen die Angst und den Schrecken zu nehmen. Hat man die Eltern hinter sich, ist im Normalfall auch das Kind offener.

Sie haben selbst eine kleine Tochter. Hat sich Ihre Arbeit verändert, seitdem Sie Mutter geworden sind?
Die Arbeitsweise nicht. Aber die Einstellung. Ich kann Eltern heute viel besser verstehen. Es ist für mich nachvollziehbar, warum man sich als Mutter oder Vater enorme Sorgen macht, auch wenn es aus medizinischer Sicht – die ich ja mit meinem Hintergrund einschätzen kann – eigentlich nicht nötig wäre. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich anders reagiere als früher – aber ich bin auf eine andere Art empathisch.

Weitere Informationen zum Kinder-Notfall finden Sie unter www.ksgr.ch/kinder-notfall.

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Tel.+41 81 256 64 05

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