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29.  Sep 2017

Schwangerschaft über 40 – Risiko oder Normalität?

Aufgrund der immer besseren medizinischen Versorgung krebskranker Patienten/-innen und deren Chance nach abgeschlossener Krebsbehandlung ein normales Leben weiterzuführen, hat die Fertilitätsprotektion bei solchen Patienten in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen. Hierzu fand am 23. August 2017 ein Minisymposium am Kantonsspital Graubünden statt.

Durch die zunehmende Nachfrage nach dieser Behandlung hat eine Gruppe von Ärzten der schweizerischen Reproduktionsmedizin den Verein SGRM FertiSave gegründet, um die Anliegen dieser Patienten aufgrund neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse zu vertreten, auf deren Wünsche aufmerksam zu machen und die medizinischen Daten zu erfassen und auszuwerten.
Daraufhin haben sich schweizweit schon 17 Kliniken – unter anderem das Kantonsspital Graubünden – verpflichtet, solche Fälle zu begleiten und zu dokumentieren.

Wann soll überhaupt an Fertilitätserhalt gedacht werden?

Zunächst muss abgeschätzt werden, wie hoch die ovarielle Reserve (aufgrund Ultraschall, AMH-Wert) vor einer allfälligen Chemo-/Radiotherapie überhaupt aussieht. Danach muss evaluiert werden, wie schädigend die Art der geplanten Chemo-/Radiotherapie sich auf die Fertilität auswirkt.

Auch nicht maligne Erkrankungen – besonders aus dem rheumatologischen Bereich – werden teilweise mit fertilitätsschädigenden Chemotherapeutika behandelt. Dementsprechend haben auch diese Patienten/-innen einen Anspruch auf fertilitätserhaltende Therapien.

Seit Google und Apple ihren Mitarbeiterinnen die Bezahlung einer Eizellkryokonservierung (ein Einfrieren der Eizellen) zur zeitlichen Verschiebung der Familienplanung angeboten haben, ist natürlich auch das «Social Freezing» in aller Munde. Ob aus beruflichen oder privaten Gründen (noch nicht den richtigen Partner gefunden zu haben oder die Familienplanung nicht passend in die aktuelle Lebensweise sei dahin gestellt) kommt immer häufiger der Wunsch nach einer Durchführung eines Fertilitätserhalts auf.

Fertilitätserhalt bei Krebspatienten

In den Jahren 2013 bis 2015 wurden in der Schweiz bei 288 Frauen und 837 Männern ein Fertilitätserhalt durchgeführt und dokumentiert. 259 Patientinnen wurden aufgrund maligner Erkrankung (in erster Linie Mammakarzinom) und 29 aufgrund nicht maligner Erkrankung durchgeführt. Bei den Männern waren es 580 aufgrund maligner Erkrankungen (in erster Linie Hodenkarzinom) und 157 aufgrund anderer Gründe (z.B. vor Vasektomie).
Gründe für die Nichtdurchführung von Massnahmen zum Fertilitätserhalt waren: Schon zwei Kinder, Metastasen, Kosten und Zeitfaktoren.


Das Alter der zwei grössten Gruppen von Frauen, bei denen ein Fertilitätserhalt durchgeführt wurde, war bei den Frauen mit Mammakarzinom 25-40 Jahre und bei Frauen mit Hodkin-Lymphom 15-30 Jahre.
Aus diesem Grund ist bei den Mammakarzinom-Patientinnen eher eine ovarielle Stimulation und bei den jüngeren Frauen mit Hodkin-Lymphom eher eine Ovarkryokonservierung zu empfehlen.
In Studien zeigt sich der Vorteil der Applikation von GnRH Analoga während der fertilitäts-toxischen Therapie klar zugunsten der GnRH-Therapie bezüglich des Wiedereinritts des natürlichen Zyklus und des Abwendens einer vorzeitigen Menopause.


Das Risiko der Gewebeentnahme ist insgesamt durch den operativen Eingriff – revisionsbedürftige Blutung postoperativ – als sehr klein einzuschätzen (zwei Fälle auf 1‘500 Operationen bei Fertiprotekt). Das Risiko einer vorzeitigen Menopause allein aufgrund der Entnahme eines Ovars für den Fertilitätserhalt ist jedoch belegt. Deshalb wird nun, wenn möglich, nur ein halbes Ovar entnommen. Die Geburtenrate nach Retransplantationen von Ovargewebe liegt bei 23-31% und nach Kombination der verschiedenen Fertilitätserhalt-Therapien bei 40-50%.


Der Zeitbedarf für die verschiedenen Therapien beträgt zwischen einer halben und zwei Wochen. Ob die onkologische Therapie um diese Zeit verschoben werden kann, muss mit dem behandelnden Onkologen abgesprochen werden.

Schwangerschaft über 40 – Risiko oder Normalität?

Immer öfters möchten sich Paare mit der Familienplanung noch Zeit lassen.

Schweizer Mütter gehören zu den ältesten Europas – wie aktuelle Medienberichte melden.
Schaut man in die aktuelle Statistik des Schweizer Bundesamtes – so betrug das Durchschnittsalter von Müttern bei der Geburt 1975 noch 28 Jahre. Inzwischen ist es auf über 32 Jahre gestiegen und der Trend setzt sich weiter fort. Auch die Anzahl der Kinder hat sich seither deutlich verändert: Waren es 1975 noch über vier Kinder pro Frau, so sind es heute im Schnitt noch ca. 1,6 Kinder pro Frau.
Dasselbe Phänomen findet sich in den Statistiken weltweit in allen entwickelten Ländern wieder. Während die Geburtenzahlen bei jüngeren Frauen immer weiter zurückgehen, steigt sie einzig bei den über 35-jährigen stetig an.

Wenn Frauen gefragt werden, was sie zu einer späteren Realisierung der Familienplanung bewegt, werden häufig Karrieregründe genannt. „Zuerst kommt die Ausbildung, dann die berufliche Karriere.“ Auch der Freizeitwert steht hoch oben. Die Stars und Sternchen machen es vor: Auf den Sozialen Medien und in Hochglanzmagazinen posieren sie strahlend schön, immer glücklich lächelnd und top gestylt für die Kamera.

Aber was sind die Risiken oder Nachteile einer späten Mutterschaft?

Zum einen nimmt die Fruchtbarkeit nach 35 stetig ab, zum anderen nimmt die Rate an Fehlgeburten deutlich zu. Eine 40-jährige Frau hat im Durchschnitt ein Fehlgeburtsrisiko von 40%, altersabhängig steigend. Dem zugrunde liegt ein erhöhtes Risiko für Fehlbildungen und Chromosomenstörungen, beispielsweise das Down-Syndrom. Hier liegt das Risiko bei 1:100 ab dem 40. Lebensjahr.
Da der Organismus bei einer Schwangeren auch nicht mehr jünger wird, gibt es spezifische mütterliche Risiken in Verbindung mit einer späten Schwangerschaft: Es kommt häufiger zu Mehrlingsschwangerschaften, da mehr Frauen die Hilfe der Reproduktionsmedizin in Anspruch nehmen. Unter anderem dadurch kommt es häufiger zu Frühgeburten. Vermehrt auftretende Stoffwechselstörungen wie beispielsweise der Gestationsdiabetes, ein erhöhter Blutdruck und eine erhöhte Rate an Kaiserschnitten sind nur einige weitere Risiken.

Was bedeutet das für die Ungeborenen?

Bedingt durch die höhere Rate an placentar bedingten Wachstumsretardierungen, Frühgeburten oder genetischen und strukturellen Anomalien ergibt sich für die Kinder eine erhöhte Frequenz an Begleiterkrankungen. Alleine die Wahrscheinlichkeit zu früh geboren zu werden, mit allen daraus resultierenden Konsequenzen, erhöht sich um 20-40%.
Psychisch kann eine späte Schwangerschaft für eine werdende Mutter eine grosse Belastung sein. Sorgen um die Zukunft, um die berufliche Entwicklung, eine geringere körperliche Belastbarkeit, Schwierigkeiten in der Umstellung des gewohnten Lebens führen bei vielen Frauen zu grossen Zweifeln an ihrer Entscheidung, (nochmals) schwanger zu werden.

Ist alles nur schlecht?

Nein! Nicht für alle Frauen trifft es zu, dass sie automatisch mit zunehmendem Alter eine Risikoschwangerschaft haben. Die oben beschriebenen Risiken treten nur bei einem Teil der Frauen auf. Die meisten Schwangeren jenseits der 40 erleben eine normale oder gar „Traumschwangerschaft“. Gemäss dem Spruch: „Man ist immer so alt, wie man sich fühlt“, gilt auch hier ganz klar das biologische Alter und die körperliche Verfassung nicht ausser Acht zu lassen. Also ist 40 nicht gleich 40. Späte Schwangere haben auch viele Vorteile auf ihrer Seite. Sie leben gesundheitsbewusster, machen Sport, ernähren sich demensprechend gut und konsumieren vergleichsweise weniger Nikotin oder Alkohol in der Schwangerschaft.

Viele von ihnen blicken gelassen in die Zukunft: Sie haben ihre finanziellen- und Karriere-Ziele erreicht und können sich nun ganz gelassen ihrer neuen Lebenssituation widmen.
Eine gute ärztliche Betreuung hilft ihnen, einerseits die Schwangerschaft entspannt zu erleben und andererseits rechtzeitig die Risiken frühzeitig zu erkennen.

Haben Sie Fragen zum Fertilitätserhalt oder zur Reproduktionsmedizin? Erste Informationen finden Sie auf unserer Webseite: www.ksgr.ch/kinderwunschzentrum

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Ansprechpartner

Dr. med. 
Naomi Ventura

Leitende Ärztin und Leiterin Kinderwunschzentrum

Tel.+41 81 254 82 24

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