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Aus dem Spital
04.  Jan 2017

«Man wird dankbarer für die eigene Situation»

Für viele bedeuten die Feiertage eine willkommene Abwechslung zu der sonst hektischen Arbeitszeit: ein paar freie Tage, schöne Stunden mit der Familie oder mit Freunden, gutes Essen, entspannen und den Arbeitsstress einfach hinter sich lassen. Man lässt das alte Jahr gemütlich ausklingen und rüstet sich für das neue. In den Genuss dieser Auszeit kommen aber nicht alle, denn es gibt auch einige Berufsleute , die gerade an diesen Tagen im Dauereinsatz sind. In vielen medizinischen Berufen sind Pikettdienste, Notfalleinsätze und Endlos-Schichten an den Feiertagen Normalität. Die Rettungsdienste arbeiten intensiv und kümmern sich um Patienten, die in medizinische Notsituationen geraten sind. Auch die Mitarbeiter der rettung chur gehören zu jenen Berufsgruppen, die an 365 Tagen im Jahr arbeiten: So absolvieren sie im Jahr rund 4300 Einsätze – einen Teil davon an den Feiertagen. Zeit für Pausen bleibt da kaum. Auch Zeit, an Weihnachten oder Silvester ein paar Stunden mit der eigenen Familie und Angehörigen zu verbringen, gibt es ebenso wenig. Die häufig sehr anspruchsvollen und emotionalen Einsätze benötigen viele Fach- und Sozialkompetenzen und sind gerade an diesen Tagen nicht immer einfach zu bewältigen.

Gian-Martin Sommerau, Annina Birchler: Vorbereitung für Abfahrt des Rettungswagens

Für die bevorstehende Verlegung muss die Ausrüstung vorbereitet werden.

Herr Sommerau, wie ist es für Sie, an den Feiertagen arbeiten zu müssen?
Gian-Martin Sommerau: Es ist Teil des Jobs. Wenn man sich für diesen Beruf entscheidet, weiss man, dass es dazu gehört. Ich sehe auch die Vorteile: Man leistet sinnvolle Arbeit für Personen, die in Not geraten sind, und hat dafür auch an anderen Tagen frei. Es ist aber sicher auch so, dass einem der Dienst an diesen Tagen nicht immer gleich leicht fällt.

In welchen Momenten gelingt es besser und in welchen weniger?
Ich schätze gerade Weihnachten als Zeit mit der Familie. Die Atmosphäre ist gemütlich und es sitzen alle zusammen. In diesen Momenten fällt es mir natürlich auch schwer, mich aus der Runde zu trennen und zur Arbeit zu gehen. An Silvester hingegen macht es mir weniger aus. Da betreuen wir häufig Betrunkene und ich denke dann, dass es für Personen in diesem Zustand gar nicht mehr so lustig ist und ich in solchen Gruppen auch nichts verpassen würde.

Welche Einsätze kommen an den Feiertagen auf Sie zu?
Über die Weihnachtstage betreuen wir viele Menschen mit psychischen Problemen oder mit Herz-Kreislauf-Problemen. Die Feiertage können bei vorbelasteten Personen viel auslösen. So nehmen beispielsweise Personen, die alleine sind, dies deutlicherwahr als sonst, was auf Psyche und Körper schlagen kann. Auch Suizidversuche sind an den Feiertagen häufiger. Das viele Essen, die Wärme oder der Betrieb daheim können körperliche Symptome zur Folge haben. Einsätze bei Streitigkeiten in den Familien gibt es an diesen Tagen auch häufiger. An Silvester kümmern wir uns dann eher um das Partyvolk – da bergen wir viele feiernde Personen, die es mit Alkohol oder anderen Drogen übertreiben.

Wie ist Ihre Präsenz an diesen Tagen? Gibt es da spezielle Regelungen?
Wir haben normale Präsenzzeiten, das heisst, es sind jeweils zwei Rettungsteams im Einsatz. Diese bestehen entweder aus zwei Rettungssanitätern oder aus einem Rettungssanitär und einem Transporthelfer. Die beiden Teams sind dann entweder im Tages- oder im Nachtdienst eingeteilt, wovon der Tagesdienst von sieben Uhr morgens bis 19 Uhr abends dauert und der Nachtdienst von 19 Uhr abends bis sieben Uhr morgens. Mit diesen für uns normalen Dienstzeiten sind die Einsätze an den Feiertagen in der Regel gut abzudecken. Zusätzliche Pikettdienste werden bei uns nur an den Wochenenden im Winter gemacht, an denen wir viele Skiunfälle erwarten.

Gian-Martin Sommerau, Annina Birchler: Einlieferung Patient im Notfall

Gian-Martin Sommerau und seine Kollegin Annina Birchler holen eine Patientin im Kantonsspital ab.

Erleben Sie die Einsätze an den Feiertagen anders oder emotionaler als an anderen Tagen?
Es kommt immer auf die Situation an. Wir müssen unsere Arbeit das ganze Jahr über gleich gut machen und müssen uns emotional immer abgrenzen können. An Weihnachten reagieren wir bei Einsätzen aber schon grundsätzlich sensibler und vorsichtiger. Gerade wenn wir Personen aus Familienfeiern abholen müssen, kommen wir in sehr intime Situationen rein, und da habe ich ab und zu schon das Gefühl, diese Intimität zu stören. Berührend sind an diesen Tagen auch Einzelschicksale, etwa wenn Personen ganz alleine sind und niemanden haben, der sich um sie kümmert. Das kann mich dann emotional schon treffen. An Silvester hingegen erlebe ich die Stimmung eher aggressiv und geladen. Da werden wir bei den Einsätzen häufig gestört, weil wir beispielsweise von betrunkenen Partygängern angepöbelt werden. Das löst dann bei mir eher Unmut aus.

Gibt es dabei auch Einsätze, die Sie manchmal hinterfragen?
Egal, aus welchem Grund die Menschen in Not geraten: Es ist wichtig und nötig, dass wir gerufen werden. Wir lehnen keine Einsätze ab, sondern gehen immer, wenn wir alarmiert werden. Natürlich gibt es immer wieder Situationen, bei denen es uns im Nachhinein betrachtet nicht gebraucht hätte, wenn Freunde oder Angehörige mehr Verantwortung übernommen hätten. Wir hinterfragen das aber nicht, sondern machen unsere Arbeit immer bestmöglich, schliesslich können wir vielen Menschen in Notlagen helfen. In vielen Momenten wird einem auch bewusst, wie gut es einem selber geht – und man wird dankbar für die eigene Situation.

Abfahrt Rettungswagen rettung chur

Abfahrt der Rettungssanitäter im Zweiergespann zu einem Einsatz.
Bilder: Michèle Albertin

Wie wird diesen vielen anspruchsvollen Situationen begegnet?
Wenn Patienten nicht kooperieren, kommen wir manchmal an Grenzen. Wir müssen dann einfordern, dass wir unsere Arbeit machen können – und den Personen auch erklären, dass es schwierig ist, wenn Einsätze durch Widerstand unnötig hinausgezögert werden. Schliesslich wird in solchen Situationen immer auch ein Rettungsteam blockiert, das allenfalls bereits an einem anderen Ort einen wichtigen Einsatz leisten könnte. Es ist wichtig, dass die Leute das verstehen und unsere Arbeit nicht blockieren. Da unterstützen wir uns im Team gegenseitig. Ansonsten kommt es immer auf die jeweilige Situation an. Manchmal haben wir etwas Zeit, mit den Patienten oder Angehörigen zu sprechen, manchmal aber auch nicht, weil Patienten schnellstmöglich versorgt werden müssen. Wenn es schwierig wird, können wir immer Unterstützung durch das Care-Team Grischun herbeirufen, beispielsweise wenn Hinterbliebene noch umsorgt werden müssen.

Wie kann man Sie rufen, wenn man in Not geraten ist?
Wir decken sämtliche Notrufeinsätze in Chur und Umgebung ab. Alarmiert werden wir durch die Sanitätsnotrufzentrale, die über die Nummer 144 zu erreichen ist. Dorthin werden auch Anrufe der Polizei oder Feuerwehr weitergeleitet, wenn zusätzlich medizinische Hilfe benötigt wird. Die Einsatzzentrale schickt unsere Teams dann auf die Einsätze, die in der Regel sofort gestartet werden. Wenn mehrere Alarmierungen gleichzeitig eingehen, ist es möglich, dass Einsätze nach Dringlichkeit priorisiert werden müssen.

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Michèle Albertin
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Michèle Albertin

Leiterin Spital-Sozialdienst

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