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Gesundheit
05.  Sep 2019

Wenn Medikamente nicht mehr weiterhelfen

Das letzte Mittel, wenn sonst nichts mehr hilft: die Transplantationsmedizin. Organtransplantationen schenken schwerkranken Patientinnen und Patienten ein neues Leben. Was auf der einen Seite Leben rettet, ist auf der anderen Seite eng mit tragischen Schicksalen, schweren Entscheidungen und ethischen Fragen verknüpft. Dies führt dazu, dass Organtransplantationen auch in der Öffentlichkeit sehr emotional diskutiert werden, zum Teil auch aufgrund ungenauer Informationen. Dr. med. Adrian Wäckerlin, Chefarzt für Interdisziplinäre Intensivmedizin am Kantonsspital Graubünden (KSGR), bringt in unserem Blog Licht ins Dunkle und informiert über ein sehr wichtiges Thema.

Organspende

Das KSGR ist bereits seit über 20 Jahren ein Spenderspital. Dies bedeutet, dass es potentielle Spenderinnen und Spender erkennt, die nötigen Abklärungen bezüglich des Einverständnisses trifft und den gesamten Ablauf der Organspende im Haus gewährleistet. Die eigentliche Transplantation wird nicht am KSGR, sondern zum Beispiel am Unispital Zürich durchgeführt. Pro Jahr gibt es im Durchschnitt drei bis vier Spender am KSGR. Dabei handelt es sich ausschliesslich um hirntote Spender/innen.

Potenzielle Organspender
Voraussetzung für eine Organspende ist der Hirntod. Dieser wird durch einen detaillierten, gesetzlich festgelegten Diagnoseablauf von zwei speziell qualifizierten Ärzten festgestellt. «Die Diagnose Hirntod bedeutet, dass weder das Grosshirn noch der Hirnstamm durchblutet werden. Das heisst, die Zellen erhalten keinen Sauerstoff und sterben dadurch ab. Im Hirnstamm liegt das Atemzentrum, wird dieses nicht mehr durchblutet, kann die Patientin nicht mehr selbstständig atmen», erklärt Dr. Wäckerlin den Zustand einer potenziellen Organspenderin. So sind weder Aufwachen noch Genesung möglich. Der Patient oder die Patientin verstirbt.

Schwierige Entscheidungen in einer schweren Zeit
«Der Hirntod ist keine Diagnose, mit der man in das Spital eingeliefert wird. Patienten werden mit einer schweren Schädelhirnverletzung, einer Hirnblutung, einem Schlaganfall oder nach einer Wiederbelebung ausserhalb des Spitals eingeliefert», beschreibt Dr. Wäckerlin die typischen Fälle. Bei diesen Patienten werden primär selbstverständlich der Erhalt des Lebens und die Genesung auf der Intensivstation angestrebt. Dennoch kann es bei solch schweren Verletzungen zu Anzeichen, wie das Aussetzen der Atmung, erweiterte Pupillen und ein Absinken der Körpertemperatur, kommen, die auf einen Hirntot hinweisen. Ist der Hirntod gemäss den gesetzlichen Vorgaben diagnostiziert, gilt es den Willen der Patientin bezüglich Organspende zu ermitteln. Dies kann durch einen Organspendeausweis, einen Eintrag im Organspenderegister, eine Patientenverfügung und Gespräche mit den Angehörigen geschehen. Besonders schwierig ist die Situation, wenn der Betroffene sich nie zum Thema geäussert hat. Es liegt nun an den Angehörigen abzuschätzen, was die Verstorbene gewollt hätte – eine schwierige und belastende Entscheidung für die Angehörigen.

Tendenz: Nein zur Organspende
In der Schweiz wird in 50- 60% der Fälle eine Organspende abgelehnt. Etwas über 120 hirntote Spender pro Jahr gibt es in der Schweiz. Demgegenüber standen 2018 ca. 2200 kranke Empfängerinnen auf der Warteliste. Auch wenn ein hirntoter Spender bis zu sieben Organe spenden kann, gibt es nicht genügend Spender. Weltweit gesehen variiert die Bereitschaft der Menschen, Organe zu Spenden stark zwischen den verschiedenen Ländern. Gründe dafür werden untersucht. Es gibt Hinweise darauf, dass auch die gesetzlichen Bestimmungen eine Rolle spielen.

Ob Zustimmung oder Ablehnung; wichtig ist eine Antwort
Aktuell gilt in der Schweiz die erweiterte Zustimmungslösung. Das heisst, dass der Patient oder seine Angehörigen einer Organspende explizit zustimmen müssen. Es gibt aber auch Länder, in denen die Situation umgekehrt ist. Dort müssen der Patient oder seine Angehörigen die Organspende explizit ablehnen. Solche Länder weisen tendenziell eine höhere Organspenderrate auf. Verschiedene Möglichkeiten werden aktuell auch in der Schweiz auf politischer Ebene diskutiert. «Unabhängig von der geltenden Rechtslage wäre es wünschenswert, wenn sich mehr Menschen mit der Frage einer Organspende beschäftigen und ihre persönliche Entscheidung treffen würden. Dies entlastet die Angehörigen enorm», betont Dr. Wäckerlin.

Die Organspende
Liegt eine Zustimmung vor, muss der Hirntote kreislaufmässig stabil gehalten werden. Seine Organe müssen mit verschiedenen Methoden untersucht werden. So kann deren Zustand festgestellt, der richtige Empfänger gefunden und das optimale Funktionieren der Organe sichergestellt werden. Diese Abklärungen dauern 12 bis 24 Stunden. Anschliessend werden die Organe im Operationssaal entnommen und angemessen verpackt mit Ambulanz oder Helikopter zum Spital der Empfängerin oder des Empfängers transportiert. Dort liegt der Empfänger im Operationssaal. Bereit für das Organ und ein neues Leben. Beim Spender wird die Operation beendet. Im Anschluss können die Angehörigen bei Bedarf in der Aufbahrung nochmals Abschied nehmen.

Schwierige, herausfordernde Situationen
Organspenden sind für die Angehörigen sowie das medizinische Personal emotional sehr belastend. Auch logistisch und organisatorisch ist die Transplantationsmedizin sehr herausfordernd. Ein entsprechendes Bekenntnis von Seiten des Spitals ist demnach für Organspenden unabdingbar. Transplantationsmedizin ist eine sehr erfolgreiche Medizin. Sie schenkt Patientinnen ein neues Leben, die mittelfristig nicht überleben können. Dennoch bleibt die Organspende untrennbar mit sehr traurigen Schicksalen verknüpft.

Weitere Informationen zur Intensivmedizin am KSGR finden Sie unter www.ksgr.ch/intensivmedizin

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Ansprechpartner

Dr. med. 
Adrian Wäckerlin

Stv. Departementsleiter ANIR und Chefarzt Intensivmedizin

Tel.+41 81 256 64 45

Fax.+41 81 256 64 37

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