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Aus dem Spital
03.  Jun 2021

Balance, Fight, Emotion

Lukas Buchli, diplomierter Pflegefachmann HF, arbeitet als Pflegeverantwortlicher auf der Akutgeriatrie am Standort Kreuzspital. Er wollte schon immer in der Pflege arbeiten. Sein sportlicher Ausgleich zum Beruf führte ihn an die Mountainbike-Weltspitze. Er hat in beiden Bereichen viel für den jeweils anderen gelernt.

Wie lange arbeiten Sie schon am Kantonsspital Graubünden?
Ich bin ein Wiedereinsteiger. Momentan bin ich seit fünf Jahren wieder hier. Meine Ausbildung habe ich 2001 abgeschlossen. Danach habe ich vier Jahre in Glarus gearbeitet. Danach kam ein fast zehnjähriger Unterbruch.

Wofür?
Ich war Spitzensportler. Mountainbiker über die lange Distanz. Hier im Kanton kennt man da wohl am ehesten den Nationalpark-Bike-Marathon oder das Etappenrennen «Swiss-Epic».

Das ist etwas anderes, als was Nino Schurter macht?
Ja. Nino fährt olympische Distanz. Das kennt man wohl eher. Dort werden mehrere Runden gefahren. Bei uns ist es meist nicht ganz so technisch, dafür viel länger. Meist wird eine grosse Schlaufe gefahren, eben zum Beispiel rund um den Schweizer Nationalpark.

Das haben Sie vorerst aber neben dem Beruf gemacht?
Ja, genau. Angefangen hatte ich damit, um einen Ausgleich zum Job zu haben. Dann hat mich das Mountainbiken immer mehr fasziniert und ich wurde auch besser. Der Pflegejob ist auch sehr dankbar dafür. Ich konnte gut mit dem Pensum etwas zurückfahren, um mehr Zeit zum Biken zu haben. Irgendwann habe ich dann voll auf die Karte Sport gesetzt.

Davon konnten Sie gut leben?
In den ersten Jahren war ich mehr Lebenskünstler als sonst was, aber der Schweizermeistertitel und weitere auch internationale Erfolge halfen mir dabei, auch wirtschaftlich ein Standbein aufzubauen. Ich hatte die Möglichkeit, im Winter ein paar Wochen in der Pflege zu arbeiten. Fünf Jahre lang war ich aber nicht im Beruf tätig. Ich wusste jedoch auch, dass ich den Sport nur ein paar Jahre auf Weltklasse-Niveau betreiben kann. Das hat gut geklappt und ich konnte von 2008 bis 2016 in der Weltspitze mitfahren. In den letzten zwei Jahren sendete mir mein Körper immer mehr Signale des «Raubbaues» und ich schaffte es, noch in Top-Form vom Spitzensport zurückzutreten.

Sie kamen also vom Ausgleichssport zum Spitzensport.
Genau. Irgendwann war dann der Pflegeberuf der Ausgleich zum Spitzensport.

Wie meinen Sie das?
In Einzeldisziplinen ist man sehr auf sich selbst fokussiert. Man ist Athlet, teilweise auch Trainer, Ernährungswissenschaftler, Vermarktungsprofi und Mechaniker in einem. Man muss für sich entscheiden, wann man trainiert, ob man zur Massage sollte oder nicht. In der Pflege ist es um 180 Grad gedreht. Da geht es eigentlich nie um einen selber, sondern man ist Sprachrohr und Vertretung für jemand anderes – für Patientinnen und Patienten. Das hat mir je länger desto mehr gefehlt.

Sie haben während Ihrer Zeit als Bike-Profi auch Vorträge gehalten und dort oft vom Dreieck «Balance, Fight, Emotion» gesprochen. Was hat es damit auf sich?
Ich habe immer versucht, mein Sportlerleben nach diesen drei Punkten zu leben. Es geht um die Balance – ob nun zwischen Belastung und Ruhe, die Balance beim Essen, die Balance zwischen Ich-Fokus und dem Fokus nach aussen. Den Fight braucht es im Rennen und auch im Verlauf der Saison oder bei den einsamen Trainings ganz alleine bei Regen und Wind. Die Emotionen sind dann Lohn und Antrieb. Sie können auch als Werkzeug eingesetzt werden, um sich zu pushen zum Beispiel. Für die Emotionen macht man es dann ja schlussendlich und man kann mit Emotionen sich selbst auch pushen.

Kann man das auch auf den Pflegealltag ummünzen?
Ja, genau. Ich muss auch hier schauen, dass ich immer die Balance halte. Manchmal muss man kämpfen und oft geben einem Emotionen zusätzliche Kraft. Die Emotionen sind aber auch für Patientinnen und Patienten wichtig. Mit Emotionen kann man sehr viel zur Genesung und zu einem angenehmeren Spitalalltag beitragen.

Der Männeranteil in der Pflege liegt bei rund 15 Prozent. Wie sehr fühlen Sie sich als Exot in Ihrem Beruf?
Es kommt hin und wieder vor, dass ich als Arzt angesprochen werde. Das ist aber eher selten. Im Pflegeteam wird die männliche Arbeitskraft immer gerne gesehen. Im Privaten merke ich, dass die Achtung vor dem Beruf sehr hoch ist – losgelöst vom Geschlecht.

Wann wussten Sie, dass Sie in der Pflege arbeiten möchten?
Nach meiner Blinddarmoperation. Da war ich in der sechsten Klasse und von da an war der Gedanke immer da. Ich bin in einer Bauernfamilie mit drei Brüdern aufgewachsen und da war der Weg der Berufslehre eigentlich der, den man eingeschlagen hat. Studieren war irgendwie nie ein Thema. Einer meiner Brüder hat zwar Agronomie studiert, damit war er aber eher der Exot im Tal. Lustig ist, dass er schlussendlich den Familienhof übernommen hat (lacht).

Was berührt Sie am meisten in Ihrem Beruf?
Der Familienzusammenhalt, den man auf der Akutgeriatrie oft miterlebt. Das sind sehr berührende Momente. Aber auch sonst gibt einem der Beruf sehr viel. Ich kann mich an ein konkretes, schönes Erlebnis erinnern. Vor einiger Zeit habe ich einen Brief eines ehemaligen Patienten erhalten, in dem er sich für meine Unterstützung und Arbeit bedankte. Ich konnte mich überhaupt nicht an den Patienten erinnern. Das habe ich zu Beginn sehr bedauert und mich selbst gefragt, ob ich so abgestumpft sei. Es hat mir aber auch gezeigt, was professionelle Pflege auch ist: Wenn man es schafft, unabhängig vom Gegenüber so empathisch zu sein und alles für einen Patienten oder eine Patientin zu geben, dass man dieser Person in so guter Erinnerung bleibt. Ich habe da für mich offenbar die richtige Balance zwischen Empathie und gesunder Abgrenzung gefunden.

Was braucht es sonst noch, um in der Pflege arbeiten zu können.
Flexibilität. Wir arbeiten in einem 24-Stunden-Betrieb mit unterschiedlichsten Arbeitszeiten. Planung ist nicht immer bis ins letzte Detail möglich. Auch ganz wichtig scheint mir eine gewisse Gelassenheit zu sein. Um noch eine Parallele zum Spitzensport zu ziehen, kommen mir die Worte meines ehemaligen Nationalmannschaftstrainers in den Sinn: «Ein wahrer Champion zeichnet sich durch Gelassenheit aus.» Beides ist wohl auch lernbar. Das sehe ich bei unseren Lernenden, die eine grosse Persönlichkeitsentwicklung machen während ihrer Zeit hier.

Würden Sie Ihren Beruf nochmals wählen?
Ja, unbedingt.

Weitere Informationen zur Akutgeriatrie finden Sie unter ksgr.ch/akutgeriatrie
Weitere Informationen zur Pflege finden Sie unter ksgr.ch/pflege-fachsupport

3 Kommentare
08.  Jun 2021

Joos Marlene

Deine Worte haben mich sehr beeindruckt.-
Du bist wahrlich eine authentische Person!

26.  Jun 2021

Urs Baselgia

Du hast mich schon als Marathon-Biker beeindruckt und jetzt noch einmal.
Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft!
Urs Baselgia

05.  Jul 2021

Angela Wiedmer- Danz

Danke für den Block Beitrag, ich habe dich sportlich verfolgt und dann noch das Glück gehabt mit dir zu arbeiten. Als sehr zuverlässiger, innovativer, humorvoller und ruhiger Pool habe ich dich stets geschätzt. Alles Gute für dich und deine Familie, chars salüds Angela

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Nicole Schumacher
Kontaktperson

Nicole Schumacher

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