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Schwangerschaft
07.  Jun 2017

Der Wunsch, ein Baby zu bekommen

Immer mehr Paare sind heutzutage von einem unerfüllten Kinderwunsch betroffen – für viele eine sehr belastende Situation. Das Kinderwunschzentrum des Kantonsspitals Graubünden bietet Betroffenen Unterstützung und Beratung.

Mit der leitenden Ärztin Naomi Ventura sprach Michèle Albertin.
Bilder: Kantonsspital Graubünden / Marco Hartmann

Frau Ventura, erzählen Sie uns etwas zur Entstehung des Kinderwunschzentrums am Kantonsspital Graubünden.
Naomi Ventura: Meine ganze Ausbildung zur Reproduktionsmedizinerin habe ich am Kantonsspital St. Gallen im Fachinstitut Fiore (Fachinstitut für Reproduktionsmedizin und gynäkologische Endokrinologie) absolviert. Bereits dort behandelte und betreute ich Patienten hauptsächlich zu diesem Thema – darunter auch viele Bündner Paare, da vor Ort ein solches Angebot fehlte. Aufgrund dieser Nachfrage ist die Idee entstanden, hier in Chur ein Kinderwunschzentrum zu realisieren. Der damals neu gewählte Chefarzt der Frauenklinik, Peter Martin Fehr, zeigte sich für dieses Projekt sehr offen, und mit ihm konnten wir die Idee in die Realität umsetzen. Im November 2012 wurde das Kinderwunschzentrum am Standort Fontana eröffnet, und ich trat als Leiterin ein.

Besprechungs- und Untersuchungszimmer Kinderwunschzentrum

Besprechungs- und Untersuchungszimmer im Kinderwunschzentrum.

Wie hat sich das Kinderwunschzentrum seit der Eröffnung entwickelt?
Das Kinderwunschzentrum konnte sich in den letzten Jahren etablieren und weiterentwickeln. Wir pflegen einen intensiven und guten Kontakt zu den niedergelassenen Gynäkologen. Diese führen in der Regel die ersten Aufklärungen und Untersuchungen durch, häufig führen diese dann zu Zuweisungen ins Kinderwunschzentrum. Das Thema ist heute generell präsenter, Paare informieren sich selbstständig und gelangen auch aus eigener Initiative vermehrt zum Beispiel per Website an unser Zentrum. Die steigenden Patientenzahlen zeigen den vermehrten Bedarf, allein im letzten Jahr haben wir 120 neue Paare beraten. Wir sind gut ausgelastet und führen eine Vielzahl von unterschiedlichen, in der Schweiz zugelassenen Behandlungen durch. Heute sind wir eines von 27 zertifizierten Kinderwunschzentren in der Schweiz.

Welche Dienstleistungen bietet das Kinderwunschzentrum in solchen Situationen an?
Wir bieten alle Abklärungen und reproduktionsmedizinischen Behandlungen gemäss Schweizer Fortpflanzungsmedizin-Gesetz an. Die Palette möglicher Massnahmen und Therapien ist gross und hängt sehr von der medizinischen Situation sowie dem Paar selbst ab. Man kann schon mit wenigen kleinen Massnahmen unterstützend oder korrigierend einwirken und damit die Chancen auf eine Schwangerschaft erhöhen. Es gibt medikamentöse und hormonelle, aber auch operative Therapiemöglichkeiten, die den Prozess unterstützen oder die Heranreifung von Eizellen fördern. Man kann Spermien direkt in die Gebärmutter einführen oder Eizellen extrakorporell künstlich befruchten. Den möglichen Massnahmen gehen eingehende Abklärungen und Besprechungen voraus, damit wir zusammen mit dem Paar die passende Behandlungsmethode auswählen können.

«Die Fruchtbarkeit nimmt aus unbekannten Gründen generell ab.»

Wie läuft eine Behandlung im Kinderwunschzentrum ab?
In der Regel gibt es ein orientierendes Gespräch, in dem die medizinische Situation des Paares ausführlich erfasst wird; beide werden auch medizinisch untersucht, um die körperlichen Voraussetzungen abzuklären und nach möglichen körperlichen Gründen für die verminderte Fruchtbarkeit zu suchen. Nach diesen Klärungen besprechen wir mit dem Paar die möglichen Massnahmen und Therapieformen sowie die damit verbundenen Kosten. Danach entscheidet sich das Paar für die nächsten Schritte.

Was können die Gründe für eine verminderte Fruchtbarkeit sein?
Es gibt Frauenkrankheiten, die zu verminderter oder fehlender Fruchtbarkeit führen. Das sind beispielsweise die Endometriose-Erkrankung, aber auch Polypen, Gewächse und gutartige Tumore an Eierstöcken und Gebärmutter. Hormonelle und zyklusbedingte Störungen können die Fruchtbarkeit ebenfalls ungünstig beeinflussen. Ebenso ist es normal, dass bei Frauen ab 38 Jahren die Reserve der Eizellen vermindert ist, dies kann beispielsweise durch starkes Rauchen noch verstärkt sein. Daneben kann natürlich auch die Spermienbildung oder Spermienqualität des Mannes unzureichend sein. Insgesamt stellen Ärzte in den letzten Jahren fest, dass die Fruchtbarkeit in unserer Gesellschaft aus unbekannten Gründen generell abnimmt.

Untersuchung der Eiszellen unter dem Mikroskop.

Unter dem Mikroskop untersucht die Fruchtbarkeitsspezialistin Naomi Ventura die Eizellen.

Wie gehen Paare Ihrer Erfahrung nach damit um?
Heutzutage sind deutlich mehr Paare von einem unerfüllten Kinderwunsch betroffen, als dies früher der Fall war. Sicher kommt der Kinderwunsch heute bei vielen Paaren deutlich später, was für die betroffenen Paare eine sehr schwierige Situation darstellt. Die Behandlung im Kinderwunschzentrum ist natürlich oft mit viel Hoffnung verbunden. Hoffnung, dass etwas gemacht werden kann und, dass es Möglichkeiten zur Unterstützung gibt. Wenn es dann trotz dieser Massnahmen nicht klappt oder wir keine Massnahmen anbieten können, ist die Enttäuschung gross. Der Wunsch nach einem Baby ist in vielen Paarbeziehungen vordergründig und man richtet sich komplett danach aus, wobei ihn nicht immer beide Parteien gleich intensiv erleben. Wenn es auch nach mehrmaligen Versuchen nicht klappt, müssen diese Paare einen neuen Lebensplan für sich festlegen. Das kann eine grosse Belastung für die Paarbeziehung sein.

Wie gross sind die Erfolgschancen einer solchen Behandlung?
Das ist unterschiedlich und hängt mitunter vom Grund für die Unfruchtbarkeit ab. Generell liegt die Erfolgsquote bei unter 35-jährigen Frauen bei rund 42 Prozent, bei älteren Frauen sinken die Erfolgschancen mit zunehmendem Alter rapide; 40- bis 43-jährige Frauen haben noch rund 10–15 Prozent Erfolgschancen. Dennoch kann es helfen, Klarheit zu schaffen und den Grund zu eruieren, warum es nicht klappt. Es kann Paare nämlich durchaus entlasten, wenn sie wissen, dass es körperliche Gründe für eine Unfruchtbarkeit gibt oder dass keine Therapiemöglichkeit mehr besteht. Das macht es ihnen möglich, sich wieder neu zu orientieren. Aus diesem Grund ist es immer schwierig, zu bewerten, was den Behandlungserfolg wirklich ausmacht.

«Die Adoption ist eine mögliche Alternative.»

In welchen Situationen setzten Sie bei sich Grenzen?
Die Grenzen sind individuell und hängen vom Paar und der jeweiligen Situation ab. Es gibt Situationen, in denen es keine Erfolgsaussichten gibt und wir deswegen von Massnahmen abraten – gerade weil diese auch gefährlich respektive gesundheitsschädigend für die Frau sein können. Die Grenze ist auch erreicht, wenn beispielsweise keine Eizellen vorhanden sind oder beim Mann keine Spermien und das Paar in diesem Fall keine Fremdspende von Spermien (was in der Schweiz erlaubt ist) vornehmen möchte. Nach mehreren erfolglosen Befruchtungsversuchen stossen Paare oftmals auch selber an Grenzen, emotional wie auch finanziell. Hier versuchen wir, das Paar mit professionellem Coaching zu unterstützen. Die Behandlungen werden nicht über die Krankenkasse finanziert, damit ist den Paaren manchmal schon von Anfang an eine Grenze gesetzt. Daneben gibt es auch Paare, die sich den möglichen Therapien gar nicht aussetzen möchten, weil sie beispielsweise mit der Einnahme von Hormonen verbunden sind. Wichtig ist, dass man Paare in diesem Prozess gut berät und begleitet – sowie über Behandlungsverlauf, Wartefristen, Nebenwirkungen und Erfolgschancen aufklärt.

Was gibt es für Alternativen, wenn die Behandlung nicht greift?
Wenn sich Paare trotz erfolgloser Behandlung weiter Kinder wünschen, ist die Adoption eine mögliche Alternative. Dazu geben wir den Paaren Kontaktadressen entsprechender Beratungsstellen ab. Daneben ist es wichtig, herauszufinden, was Paare in dieser Situation brauchen. Wir können Begleitungen durch andere Beratungsstellen, Psychologen oder Paarberatungen organisieren, um das Paar auf dem Weg der Umorientierung zu begleiten.

Kinderwunschzentrum

Weitere Informationen und Hilfe bei unerfülltem Kinderwunsch finden Sie in unserem Kinderwunschzentrum: www.ksgr.ch/kinderwunschzentrum

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Ansprechpartner

Dr. med. 
Naomi Ventura

Leitende Ärztin und Leiterin Kinderwunschzentrum

Tel.+41 81 254 82 24

Fax.+41 81 353 80 55

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