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Aus dem Spital
11.  Jun 2020

Ein bayerischer Rock'n'Roller in Chur

Jens Seidel arbeitet im Aufwachraum des Kantonsspitals Graubünden als Stellvertretender Teamleiter. Er ist diplomierter Pflegefachmann mit Zusatzausbildung IMC (Intermediate Care). Aufgewachsen in Bayern wurde er erst in zweiter Ausbildung zum Pflegefachmann und ist vor rund zehn Jahren in Graubünden gelandet.

Wann wussten Sie, dass Sie in der Pflege arbeiten möchten?
Ich hatte in meinem Leben eigentlich zwei Traumberufe. Ich wollte immer mal bei der Post arbeiten und habe dort auch meine erste Ausbildung als «Pöstler» gemacht und danach ein paar Jahre in München am Postschalter gearbeitet und war mit dem Velo unterwegs, um Post auszutragen. Das wurde mir dann aber irgendwann doch zu eintönig. Es hat mir Spass gemacht, aber irgendwie fehlte etwas. Da habe ich mich im Alter von 23 Jahren dazu entschieden, eine Ausbildung als Krankenpfleger zu machen. Und das bereue ich bis heute nicht.

Man hört es Ihnen an und Sie haben München erwähnt – Sie sind aus Bayern!
Ja genau. Ich bin in Freising aufgewachsen. Das ist in der Nähe von München. Aus der gleichen Region kommt auch das Erdinger Weissbier, was dem einen oder anderen wohl ein Begriff sein wird. Freising und Erding liegen im Nordwesten beziehungsweise Südosten des Münchner Flughafens.

Wie hat es Sie denn in die Schweiz verschlagen?
Während meiner Ausbildung hat eine unserer Lehrerinnen immer gesagt: «Wenn Sie mal die Möglichkeit haben, in der Schweiz zu arbeiten, dann tun Sie das!» Das habe ich dann vor rund zehn Jahren gewagt. Und es war eine gute Entscheidung, denn schliesslich habe ich hier auch meine Frau kennengelernt.

Seidel beim Rock'n'Roll

Begeisterter Tänzer: Früher hat Seidel an Rock'm'Roll-Turnieren teilgenommen.

Und Sie sind direkt in Chur gelandet?
Genau. Vier Jahre war ich noch in Thusis im Spital und jetzt wieder am Kantonsspital. Eine Kollegin wohnte in Flims und deswegen bin ich in die Region und so nach Chur gekommen.

Wie ist es für Sie, im Kantonsspital Graubünden zu arbeiten?
Ich arbeite sehr gerne hier und sehe immer wieder enorm motivierte Leute. Man ist hier wirklich da für die Patientinnen und Patienten. Da möchte ich auch meinen Kolleginnen und Kollegen ein grosses Lob aussprechen. Auch der Zusammenhalt untereinander, aber auch zwischen den einzelnen Disziplinen ist sehr motivierend.

Vom Pöstler zum Pfleger – gibt es Parallelen in den Berufen?
Ja, das würde ich schon sagen. Der «Kundenkontakt», wie man heute so schön sagt. Natürlich habe ich in der Pflege mehr Kontakt zu den Menschen, aber auch als Pöstler hat man viel Kundennähe und viele Gespräche mit den Leuten.

Gibt es einen besonderen Moment aus Ihrem Berufsleben, an den Sie sich besonders erinnern?
Viele. Was ich immer wieder schön finde ist, wenn mir Patienten nach ihrem Aufenthalt Danke sagen und sich bei uns wohlgefühlt haben. Das ist für mich mehr als nur ein Dankeschön. Da weiss ich, dass ich einen guten Job gemacht habe. Das andere, was mich in meinem Leben – auch privat – sehr geprägt hat, ist das Begleiten von Sterbenden. Das ist natürlich eine schwere Aufgabe, aber ich glaube auch, dass viele Menschen diesen letzten Weg sehr bewusst gehen und glücklich sind, wenn sie jemanden an ihrer Seite haben, der ihnen Zeit schenkt. Da ist sehr grosse Nähe.

Ich vermute, dass man als Pflegefachperson diese Nähe zulassen und sich gleichzeitig auch abgrenzen können muss, um nicht daran zu zerbrechen. Wie schwierig ist das? Kann man das lernen?
Ich glaube, man lernt das bis zu einem gewissen Grad. Ich erinnere mich daran zurück, dass ich am Anfang meiner Ausbildung ab und an Mühe hatte, das zu verarbeiten. Mit der Zeit lernt man, sich im nötigen Masse auch abzugrenzen. Aber auch heute gibt es immer wieder Situationen, die mir sehr nahegehen. Es hilft ungemein, wenn man dann mit Arbeitskolleginnen und -kollegen spricht. Das berufliche Umfeld gibt einem da viel Halt.

Was sollte jemand mitbringen, der in der Pflege arbeiten möchte?
Man sollte das Fingerspitzengefühl und die Empathie haben, sich auf jeden Patienten individuell einlassen zu können. Es gibt kein Schema A, B und C, nach denen man vorgehen kann. Kommunikation ist sehr wichtig. Vor allem auch einfach mal zuzuhören. Es steht nicht immer die Pflege des Körpers im Vordergrund. Da sein. Was schwierig ist, wenn jemand die Pflegearbeit nur als Job sieht. Mein Beruf ist für mich Berufung.

Seidels Camping-Van

Vor kurzem hat sich Familie Seidel einen Camper angeschafft. Bald soll es auf Tour gehen.

Wie hat sich Ihr Beruf in den letzten Jahren verändert?
Ich denke, dass sich das Ansehen des Pflegeberufes zum Positiven gewandelt hat. Das habe ich früher auch anders erlebt, besonders in Deutschland. Hier in der Schweiz wird die Pflege mehr geschätzt. Ich habe auch das Gefühl, dass die Pflege in der Schweiz professionalisierter ist. Man hat als Pflegefachperson hier mehr Verantwortung. Das finde ich auch gut, denn als Pfleger hat man eine gute Ausbildung. Ich sehe mich mitunter auch als Sprachrohr zwischen Arzt und Patient – um gegenseitiges Verständnis zu schaffen und auch um zu übersetzen. Was ich sehr schätze ist, dass unser Feedback auch von Ärztinnen und Ärzten sehr geschätzt wird. Man hat schliesslich auch ein gewisses medizinisches Wissen und wird eingebunden.

Wenn Sie einen Wunsch an Ihre Patientinnen und Patienten äussern könnten, wie sähe der aus?
Hmm (denkt nach). Ich glaube, dann würde ich mir hin und wieder etwas mehr Verständnis wünschen, wenn wir nicht alle Wünsche sofort erfüllen können. Alle, die in der Pflege arbeiten, geben ihr Bestes, aber manchmal dauern Sachen etwas länger. 

Wir haben darüber gesprochen, wie belastend der Beruf sein kann. Was tun Sie, um abzuschalten?
Ich tanze sehr gerne. Bis vor einigen Jahren habe ich Rock'n'Roll-Turniere getanzt. Ausserdem unternehme ich natürlich viel mit meiner Familie. Wir sind gerne draussen. Vor kurzem haben wir uns einen Camper gekauft und bald wollen wir damit auf Tour gehen.

2020 ist das Jahr der Pflege. Dies, weil Florence Nightingale, die als Begründerin der modernen Krankenpflege gilt, vor 200 Jahren zur Welt gekommen ist. Eine bewundernswerte Persönlichkeit. Wen bewundern Sie?
Keine spezielle Person, aber ich bewundere Menschen, die sich Zeit nehmen für ihre Angehörigen. Ich erlebe immer wieder, wie Familien zusammenhalten und auch zusammenwachsen, generationenübergreifend. Wenn beispielsweise eine Grossmutter als Patientin bei uns ist und dann Partner, Enkel, Kinder und Verwandte zu Besuch kommen und Zeit mit der Grossmutter verbringen, berührt mich das sehr. Das bewundere ich. Auch, weil man das leider immer seltener miterlebt. Es ist sehr traurig, wenn jemand zwei Wochen bei uns ist und nicht ein einziges Mal besucht wird. Umso schöner ist es, wenn man miterleben darf, dass Familien zusammenhalten.

Weitere Informationen zum Aufwachraum finden Sie unter www.ksgr.ch/aufwachraum

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Jens Seidel
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Jens Seidel

Stellvertretender Teamleiter Aufwachraum

Tel.+41 81 256 76 99

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