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Aus dem Spital
23.  Sep 2020

«Die Charta wird am KSGR bereits gelebt»

Gemeinsam an einem Strang zu ziehen, ist erfolgsversprechender als Silodenken. So weit so unspektakulär. Was dies für ein Spital bedeutet und warum im Gesundheitsbereich ein Wandel nötig war, erklärt Prof. Dr. Thomas Fehr, Chefarzt und Departementsleiter Innere Medizin, im Interview.

Interprofessionelle Zusammenarbeit

Beispiel Schockraum: Interprofessionelle Zusammenarbeit findet am KSGR
bereits erfolgreich statt.

Das Gesundheitswesen, das historisch bedingt lange von strengen Hierarchien beeinflusst war, erlebte in den letzten Jahrzehnten einen Kulturwandel hin zur interprofessionellen Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Um diesen Wandel voranzutreiben, hat die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) 2014 die Charta «Interprofessionelle Zusammenarbeit im Gesundheitswesen» erarbeitet und 2020 aktualisiert. Revolutionär ist das nicht und dennoch ist es wichtig, Leitlinien und Prinzipien als Basis für die Zusammenarbeit festzuhalten. Eine Zusammenarbeit, die am Kantonsspital Graubünden bereits gelebt wird.

Herr Fehr, wo liegen die Probleme bei der Zusammenarbeit zwischen den Professionen im Gesundheitswesen?
Ich würde nicht von Problemen sprechen, es gibt aber historisch gewachsene Herausforderungen. Betriebe im Gesundheitswesen haben eine sehr lange Tradition der interprofessionellen Zusammenarbeit. Spitäler waren beispielsweise früher Einrichtungen in Klöstern. Die Pflege wurde von den Ordensschwestern übernommen und diese arbeiteten mit den Ärzten zusammen. Traditionell bestand zwischen den verschiedenen Professionen eine gewisse Hierarchie. Wenn man denn nun von einem Problem sprechen will, ist das wohl in dieser Hierarchie zu verorten. Die Berufsbilder haben sich aber in den vergangenen hundert Jahren enorm weiterentwickelt. Wir Ärzte sind Fachleute für Diagnosestellung und Einleitung von Therapiemassnahmen. Pflegefachleute pflegen, unterstützen und betreuen Patienten und Patientinnen. Sie passen das Angebot je nach benötigter Pflege und individuellen Bedürfnissen an.

Pflege besteht ja heute nicht mehr nur aus der klinischen Praxis, sondern ist auch eine Wissenschaft.
Genau. Heute kann man Pflegewissenschaften studieren und in der Pflege einen Doktortitel und eine Professur erlangen. Das gab es vor hundert Jahren nicht. Da und auch lange danach war die Pflege ein «Anhängsel» der Ärzteschaft, das muss man nicht schönreden.

Und am Kantonsspital Graubünden?
Es ist schon mal so, dass dieses historisch gewachsene Gefälle zwischen Ärzten und Pflegefachleuten in meiner Generation und in der und folgenden kaum noch ausgeprägt ist. Schon mein ganzes Berufsleben arbeite ich auf Augenhöhe mit der Pflege. Meine etwa gleichaltrigen Kolleginnen und Kollegen ebenso. Wir im Departement Medizin am KSGR haben beispielsweise einen Visitenstandard der definiert, wie die Patientenvisite aussieht. Der Kern davon ist, dass wir ein Behandlungsteam sind, das sich im Dreieck Pflege-Arzt-Patient bewegt – und alle drei Bereiche sind gleichberechtigt. Die Pflege bringt dabei natürlich einen anderen Fokus mit ein.

Welchen?
Die Pflege ist traditionell eher symptomorientiert und stellt sich Fragen wie: «Was kann ich gegen die Schmerzen des Patienten tun». Der Arzt sucht eher nach der Ursache der Schmerzen. Die Herangehensweisen unterscheiden sich und dadurch kann ein Problem aus verschiedenen Blickwinkeln angegangen werden. In der akuten Medizin ist wohl der Einfluss der Ärztinnen und Ärzte grösser. Je weiter man ins Management chronischer Krankheiten und den Reha-Bereich gelangt, desto grösser wird der Einfluss der Pflege. Das äussert sich nur schon darin, dass es heute, insbesondere im Management chronischer Krankheiten, Pflegesprechstunden gibt, die auf andere Bereiche fokussieren als die Sprechstunden bei einer Ärztin oder einem Arzt. Beispiele dafür sind die Diabetessprechstunde und die Herzinsuffizienzsprechstunde, die hier von der Pflege angeboten werden.

Und dennoch braucht es die Charta, die in neun Punkten festhält, wie die Zusammenarbeit zwischen den Professionen im Gesundheitsbereich verbessert werden kann?
Vieles hat sich verbessert – und dennoch: es ist nie falsch, sich weiter zu verbessern, sich weiterzuentwickeln. Wichtig ist, dass wir gegenseitig unsere Kompetenzen und die Ausbildung, die dahintersteht, respektieren und dadurch zum Wohle des Patienten im richtigen Moment die richtige Kompetenz zum Zuge kommt. Man lernt auch von den Erfahrungen anderer Teammitglieder – unabhängig von der Profession. Das ist nach der Ausbildung ein nächster Schritt der professionellen Sozialisierung. Mit Stolz und Freude darf ich aber sagen, dass die Charta hier am Kantonsspital Graubünden bereits gelebt wird. Paradebeispiel ist die Stroke-Unit. Das ist die Akuteinheit zur Versorgung von Hirnschlagpatienten. Dort findet jeden Morgen ein Rapport statt, bei dem Ärzteschaft, Pflege, Sozialdienst, Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie anwesend sind. Jeden Tag arbeiten diese Leute zusammen für die Patienten. Jeder Spezialist in seinem Bereich, jeder kennt die Kompetenzen des anderen und bringt seine eigenen mit ein. Alles zum Wohle und zur bestmöglichen Versorgung der Patienten – und das muss immer oberstes Ziel sein.

Weitere Informationen zu den interdisziplinären Angeboten der Inneren Medizin finden Sie unter Interdisziplinäre Angebote.

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Ansprechpartner

Prof. Dr. med. 
Thomas Hans Fehr

Ärztlicher Direktor, Chefarzt und Departementsleiter Innere Medizin

Tel.+41 81 256 63 06

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