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Gesundheit
08.  Okt 2020

Wie ein Kurzschluss im Hirn

Der 5. Oktober ist der Tag der Epilepsie. Fast ein Prozent der Bevölkerung ist gemäss der schweizerischen Epilepsie-Liga von Epilepsie betroffen. In der Schweiz sind das rund 70'000 bis 80'000 Menschen. Dr. Sylvan Albert, Leitender Arzt und Leiter Neurologie am Kantonsspital Graubünden erklärt, was bei einem Anfall passiert und wie man als Helfer richtig reagiert.

Aufklärungskampagne der schweizerischen Epilepsie‑Liga (epi.ch)

Was passiert im Körper, bei einem epileptischen Anfall?
Man muss wissen, dass es ganz unterschiedliche Arten epileptischer Anfälle gibt. Was Passanten manchmal beobachten sind die sogenannten grossen epileptischen Anfälle. Das kann auf Laien beunruhigend wirken. Da verkrampfen sich die Muskeln stark, es kommt zu Schüttelbewegungen und die Personen, die den Anfall erleiden, reagieren auch nicht auf Ansprache. In manchen Fällen kann sich durch die vertiefte Atmung und den Speichel auch Schaum vor dem Mund bilden. Auf jemanden, der das nicht kennt, kann das schon erschreckend wirken. Die Anfälle sind aber sehr vielfältig. Es kommt darauf an, welche Regionen im Hirn betroffen sind. Grundsätzlich basieren alle Vorgänge im Hirn auf Botenstoffen, Transmittern und elektrischen Potentialen der verschalteten Nervenzellen. Bei einem epileptischen Anfall kommt es zu einer abnorm starken Synchronisation von elektrischen Potentialen. Diese können bestimmte Hirnregionen oder von Anfang an das gesamte Hirn betreffen.

Ich habe mal gehört: ein epileptischer Anfall ist wie ein «Gewitter im Hirn». Kann man das bildlich so zusammenfassen?
Ich glaube, um sich etwas vorstellen zu können, ist das ein gutes Bild. Manche sagen auch, dass man sich einen epileptischen Anfall wie einen «Kurzschluss» im Hirn vorstellen kann.

Gibt es Kriterien wie Vorerkrankungen und den Lebenswandel, die Epilepsie begünstigen?
Jedes menschliche Hirn kann durch äussere Provokation epileptische Anfälle ausbilden. Provokation kann beispielsweise starker Schlafentzug, bestimmte Medikamente oder Drogen oder der Entzug von bestimmten Medikamenten oder Drogen sein – zum Beispiel auch Alkohol. Bei der Epilepsie im eigentlichen Sinne kommt es zu epileptischen Anfällen ohne solche äusseren Faktoren. Bei einem Teil der Menschen mit Epilepsie spielen familiäre Anlagefaktoren eine Rolle. Bei einem anderen Teil kann es im Lauf des Lebens durch Hirnverletzungen, zum Beispiel ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, ein Hirnschlag und eine Hirnentzündung zu Epilepsie kommen. Da Epilepsie auf Zellebene abläuft, bleibt die Ursache bei einem weiteren Teil von Betroffenen trotz umfassender Abklärungen unbekannt.

Was kann man tun, wenn jemand im Umfeld einen Anfall hat?
Es ist ganz wichtig zu wissen, dass die ganz überwiegende Zahl von epileptischen Anfällen von alleine vorbeigeht und für die Betroffenen keinen Schaden auslöst. Man soll aber durchaus erste Hilfe leisten.

Aufklärungskampagne der schweizerischen Epilepsie‑Liga (epi.ch)

Worauf muss man achten?
Zur Beurteilung ist es hilfreich zu wissen, ob eine Epilepsie schon bekannt ist oder ob es der erste Anfall ist. Häufig weiss man das als Helfer aber nicht. Konkret versucht man, falls möglich, Verletzungen durch Stürze zu minimieren, indem man der Person dabei hilft, sich auf den Boden oder ein Bett zu legen. Man versucht gefährliche Gegenstände aus dem Umfeld zu entfernen und gegebenenfalls die Kleidung zu lockern. Wenn möglich kann der Kopf zum Beispiel mit einem Kleidungsstück unterpolstert werden. Man soll die Betroffenen aber nicht festhalten oder ihnen etwas zwischen die Zähne schieben.

Wenn der Anfall abklingt und die Person noch nicht ganz wach ist, aber gut atmet, bringt man sie in die stabile Seitenlage. Danach unbedingt dabei bleiben bis die Person wieder bei Bewusstsein ist.

Wann sollte man den Notruf wählen?
Ob und wann der Rettungsdienst über die Telefonnummer 144 gerufen werden soll, ist keine einfache Entscheidung. Man sollte das sicher machen, wenn ein Anfall länger als drei Minuten dauert, die Person durch den Anfall verletzt ist und auch wenn es der erste epileptische Anfall ist. Zudem darf man immer die 144 anrufen, wenn man als Ersthelfer Zweifel an der Situation hat.

Ein epileptischer Anfall kann bis zu drei Minuten dauern?
Ja. Das kann einem als Helfer durchaus lange vorkommen. Dauert der Anfall noch länger, sollte man, wie gesagt, den Notfall anrufen. Hier kann eine anhaltende Störung der Atmung eintreten.  Manche Menschen bei denen Epilepsie schon bekannt ist, haben allenfalls Notfallkarten in einem Sichtfenster an ihren Taschen oder Rucksäcken. In diesen Fällen muss man unter Umständen bei kürzeren Anfällen nicht den Rettungsdienst rufen.

Wie fühlt sich so ein Anfall für die betroffene Person an?
Die Personen sind während des Anfalls ohne Bewusstsein und erinnern sich meist auch nicht an den Anfall. Beim «Aufwachen» sind die Menschen dann oft sehr erschöpft und müssen sich erst erholen und orientieren.

Es bringt also nichts, während des Anfalls auf die Person einzureden und sie beruhigen zu wollen?
Nein. Das nimmt jemand während des Anfalls in der Hauptphase nicht wahr.

Wie gut kann man denn mit Epilepsie leben?
Die meisten Menschen können gut mit einer Epilepsie leben. Das hängt natürlich im Einzelfall auch von der Ursache der Epilepsie und allenfalls auch der Kombination von verschiedenen Erkrankungen ab. Glücklicherweise gibt es heute sehr viele sichere und gut verträgliche Medikamente gegen epileptische Anfälle. Bei einer gut eingestellten Epilepsie und unter fortlaufender ärztlicher Behandlung darf man zumeist auch Autofahren. Nicht alle Berufe sind jedoch gleichermassen für Menschen mit Epilepsie geeignet. Zum Beispiel Busfahrer, Kranführer und ähnliche Berufe.

Gibt es Heilungsmöglichkeiten?
Wichtig ist es zunächst die Epilepsie mit Medikamenten zu kontrollieren. Die Medikamente müssen regelmässig und in der Regel auch längerfristig eingenommen werden. Bei Epilepsien im Kindesalter können diese besonders häufig ausheilen. Es ist generell durchaus möglich, dass die einer Epilepsie zugrundeliegende Erkrankung ausheilt und dann auch die Epilepsie verschwindet. Man spricht dann von einer überwundenen Epilepsie. Das weiss man aber je nach Situation erst nach zehn Jahren Beobachtungszeitraum ohne Anfälle. Schliesslich kommen auch operative Therapien der Epilepsie zum Einsatz, wenn die Erkrankung nicht ausreichend mit Medikamenten zu kontrollieren ist. Wenn die auslösenden Hirnzellen als Folge von intensiven Abklärungen in einem Spezialzentrum entfernt werden können, ist auch operativ eine Heilung möglich.


Weitere Informationen zur Neurologie am Kantonsspital Graubünden finden Sie unter www.ksgr.ch/neurologie
Weitere Informationen zur schweizerischen Epilepsie‑Liga finden Sie unter www.epi.ch

Was tun bei einem epileptischen Anfall?

Kurzfilm der Schweizerischen Epilepsie-Liga und des Schweizerischen Samariterbunds. Schweizer Mundart mit deutschen Untertiteln. Drehort: Aarau.

1 Kommentar
11.  Okt 2020

Michèle Baumann

Vielen Dank Dr. Albert für diese ausführliche und hilfreiche Erklärung.

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Ansprechpartner

Dr. med. 
Sylvan Justin Albert

Leitender Arzt Neurologie und Leiter Stroke Unit

Tel.+41 81 256 78 42

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