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Aus dem Spital
20.  Mai 2021

Von der grossen Herausforderung, gute Eltern zu sein

Das Elternsein kann herausfordern und viele Unsicherheiten und Fragen aufwerfen. Die Elternberatung unterstützt Eltern bei ihrer Aufgabe.

von Elena Kündig und Tanja Bürer-Frigg

Welche Eltern stellen sich diese Frage nicht? «Bin ich eine guter Mutter oder bin ich ein guter Vater?» Eltern zweifeln sehr oft an den eigenen Fähigkeiten, dem Kind gerecht zu werden und es richtig zu erziehen. Es schwirrt einem öfter der Kopf vor lauter guten Ratschlägen und Empfehlungen, die man ungefragt von den eigenen Eltern, Freunden und anderen Leuten bekommt. Hinzu kommt, dass man mit Wissen von aussen überflutet wird, insbesondere mit widersprüchlichen Tipps und Empfehlungen aus Ratgebern oder direkt von Dr. Google.

Die Suche nach Orientierung
Den Fachfrauen der Elternberatung am Kantonsspital Graubünden (KSGR) sind diese und ähnliche Fragestellungen und Probleme nur zu gut bekannt, wie Elena Kündig und Tanja Bürer von der Elternberatung bestätigen. «Wir hören in den Beratungsgesprächen sehr viel von Selbstzweifeln der Eltern, fehlender Orientierung und Unsicherheit darüber, ob ihr Umgang mit ihren Kindern diesen gerecht wird, sie fördert oder, im Gegenteil, womöglich sogar schadet.»

Elternsein mit allen seinen Facetten ist eine Mammutaufgabe. Die nötigen Kompetenzen dafür sind nicht erlernbar. Man wächst quasi in seine Rolle als Eltern hinein und vieles ist «learning by doing». In der heutigen Zeit mit Internet, Foren, Blogs, Fachliteratur und diversen Experten gibt es viel Wissen rund um das Kind, seine Entwicklung und Erziehung. Aber warum verunsichert dieses ganze Wissen so sehr? Warum vertrauen immer weniger Eltern auf ihren Instinkt, auf ihr Bauchgefühl, auf ihre Lebenserfahrung und auf ihren innigen Wunsch, erzieherisch das Beste für ihr Kind zu wollen?

Wandel der Normen
In unserer Gesellschaft gebe es immer mehr Freiheiten und Wahlmöglichkeiten, was mit dem Schwinden von Normen einhergehe. «Die Individuelle Lebensgestaltung ist offener als noch beispielsweise vor 50 Jahren», erklären die beiden Fachfrauen und ergänzen: «Der Einzelne kann heute sein Leben freier gestalten. Junge Paare dürfen unverheiratet zusammenleben und sogar Kinder haben. So etwas wäre früher, in der Generation unserer Eltern oder Grosseltern, fast unmöglich gewesen.»

Dafür habe es früher aber auch einheitliche Regeln, beziehungsweise Standards gegeben, wie man Kinder zu behandeln und grosszuziehen habe. Zudem habe man diese Regeln kaum in Frage gestellt: «Man hinterfragte deutlich weniger, welche Auswirkungen die jeweilige Erziehungsform auf die Kinder haben könnte. Das machte es wohl einfacher, entsprach jedoch gleichermassen kaum den Bedürfnissen der Kinder.»

Kündig und Bürer sind sich auch darüber einig, dass Eltern heute oft das Gefühl hätten, ihr Kind müsse immer glücklich sein, dürfe keinen Frust erfahren und man müsse ihm alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumen. Weinende, schreiende und tobende Kinder seien Ergebnis einer inkompetenten Erziehung. Ein Gedanke, der den Druck auf Eltern massiv erhöht.

Eltern wollen das Beste für ihre Kinder
Begriffe wie «Helikopter-Eltern» oder «Rasenmäher-Eltern» begegnen einem heutzutage, wenn es darum geht, das Elternsein zu beschreiben. Beide Bezeichnungen stehen dafür, dass Kinder einerseits ständig beobachtet und überwacht werden, ihnen andererseits aber auch alles an Hindernissen aus dem Weg geräumt wird. «Diese beiden Begriffe bringen im Prinzip den innigen Wunsch der Eltern wunderbar zum Ausdruck: Eltern wollen nur das Beste für ihre Kinder und ihnen die besten Startchancen für ihr Leben ermöglichen», sagen die beiden Elternberaterinnen. So sei auch ein hoher Anspruch an die eigenen Erziehungskompetenzen, aber auch an die eigenen Kinder deutlich spürbar.

Empfehlungen der Elternberatung
Eltern sollten auf sich selbst und auf ihre Kinder vertrauen und ihren Kindern auch etwas zutrauen. Aufgabe der Eltern sei es, die Kinder aufs Leben vorzubereiten, indem sie ihnen ermöglichen, Schwierigkeiten zu durchleben. Man solle seine Kinder begleiten beim Überwinden von Schwierigkeiten und entwicklungsbedingten Herausforderungen. «Das stärkt die Kinder und gibt ihnen Mut und Zuversicht, auch andere zukünftige anspruchsvolle Situationen zu meistern und es gibt ihnen die zentrale Erfahrung, selbstwirksam zu sein.»

Ein weiterer wichtiger Punkt ist Authentizität: «Kinder dürfen gerne erleben, dass es auch für ihre Eltern nicht immer einfach ist und sie nicht immer glücklich sind. Kinder werden ihre Eltern dabei beobachten, wie sie mit schwierigen Situationen umgehen und werden Verhaltensmuster kopieren.» Dabei hätten Eltern eine prägende Vorbildfunktion.

Klare Rollenverteilung
«Kinder sind sehr feinfühlig und spüren schnell, wenn Konflikte im Raum stehen. Diese Konflikte sollte man thematisieren – dem Alter der Kinder entsprechend.» Dies könne man tun, indem man klar formuliere, wie es einem gehe. Beispielsweise: 'Mami ist gerade traurig, weil … das hat aber nichts mit dir zu tun'. Auch die Einhaltung der eigenen Rolle sei wichtig: «Kinder und Eltern haben unterschiedliche Rollen, diese Rollen sollten nicht vermischt werden. Eine Parentifizierung – wenn Kinder eine Elternrolle übernehmen müssen – kann erhebliche Auswirkungen auf die seelische Gesundheit von Kindern haben.»

Kinder brauchen Eltern. Freunde für ihre Kinder hingegen sind andere Kinder. «Dennoch können Eltern ihren Kindern freundschaftlich und mit Respekt begegnen. Aber, sie sind die Erwachsenen, die das Leben kennen und die Regeln und Strukturen in der Familie bestimmen.» Elternsein gehe einher mit elterlicher Verantwortung, die nicht übertragbar sei. Es seien die Eltern, die für das seelische und physische Wohlbefinden sowie für die vertrauensvolle, wohlwollende und tragende Beziehungsgestaltung zu ihrem Kind verantwortlich sind.

Kinder wollen geliebt werden, so wie sie sind, mit allen ihren guten und schlechten Seiten. Sie wollen respektiert werden. Sie möchten sich beteiligen am Familienleben und es macht ihnen Spass, wenn sie Aufgaben und Verantwortung übernehmen können. Dies sei relativ einfach umzusetzen, erklären Kündig und Bürer: «Schon kleine Kinder können im kleinen Masse Verantwortung übernehmen und es macht sie stolz, wenn man ihnen etwas zutraut.»

Langeweile ist nicht per se schlecht
Langeweile fördert die Kreativität der Kinder. Schon kleine Kinder brauchen Zeiten, in denen sie alleine sind und selbständig Sachen entdecken und Bewegungen erlernen. Sie müssen nicht die ganze Zeit von ihren Eltern beschäftigt und bespasst werden. «Kinder dürfen, ja sollen sogar Frust erleben, wenn sie nicht bekommen, was sie wollen. Sie erlernen dadurch eigene Strategien, um mit ihrem Frust umzugehen und erweitern dabei ihre Frusttoleranz. Wenn ein Kind seine Gefühle wie Wut, Traurigkeit oder Angst zeigt und seine Eltern diese Gefühle ernst nehmen, fühlt es sich bei ihnen als Eltern geborgen. »

Man könne sich überlegen, was man in der eigenen Kindheit gut fand und was die eigenen Eltern in den eigenen Augen gut gemacht haben – genau das könne man mit den eigenen Kindern auch tun.

Kinder brauchen keine perfekten Eltern
Man dürfe mit sich selbst auch nicht zu kritisch sein: «Eltern sollten nachsichtig mit sich selbst sein und nicht zu hohe Ansprüche an sich selbst stellen. Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Im Gegenteil. Für eine gesunde psychische Entwicklung ist es wichtig, dass Kinder miterleben dürfen, wie Eltern mit Herausforderungen umgehen. Hier kommt die elterliche Vorbildfunktion stark zum Tragen. Kinder verzeihen Fehler und lieben ihre Eltern sowieso.»

Ein weiterer zentraler Hinweis seitens der Elternberatung: «Humor im Familienleben und das Fokussieren auf das Gute sind enorm wichtig. Man sollte die Zeit mit den eigenen Kindern geniessen und offen sein für die andere Sicht auf diese Welt.» Davon profitiere die ganze Familie.

Wenn man Schwierigkeiten nicht mehr alleine bewältigen könne, sei es wichtig, sich Hilfe von anderen Erwachsenen, beziehungsweise Fachpersonen zu holen. Bei Fragen zum Thema oder wenn man sich gerne beraten lassen möchte, stehen die Fachleute der Elternberatung des KSGR gerne zur Verfügung.

Weitere Informationen unter www.ksgr.ch/elternberatung

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Alexa Niedermann
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Alexa Niedermann

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