Blog

Aus dem Spital
16.  Sep 2019

«Alles läuft reibungslos» – eine südasiatische Sicht auf das KSGR

Dr. Afrina Jahan ist eine der wenigen orthopädischen Chirurginnen in Bangladesch. Sie arbeitet im Birdem General Hospital sowie in ihrer privaten Praxis. Nun hat es die vielbeschäftigte Ärztin in die Alpenstadt Chur verschlagen. Uns hat sie erzählt, wie ihr Aufenthalt am Kantonsspital Graubünden (KSGR) war und was sie an der Schweiz bewundert.

Afrina Jahan

Sie waren noch nie in Europa und kannten demnach auch Chur nicht. Wie kam es zu Ihrem Aufenthalt am KSGR?
Nachdem ich einen Aufbaukurs der AO-Foundation abgeschlossen hatte, eröffnete sich mir die Möglichkeit, mich für ein Stipendium für einen Aufenthalt in einem anderen Spital zu bewerben. Dabei hatte ich die Wahl zwischen einem regionalen Austausch, also einem Aufenthalt in Südasien, und einem internationalen Austausch. Ein Spital in der Nähe hätte sich nur minimal von meinem gewohnten Arbeitsumfeld unterschieden. Ich wollte aber neue Perspektiven gewinnen und von den Besten lernen, sowohl für mich persönlich als auch für die Entwicklung der Notfallversorgung in Bangladesch. Aus diesem Grund habe ich mich für einen Aufenthalt in Europa entschieden und so bin ich in Chur gelandet.

Nach welchen neuen Perspektiven und Kenntnissen haben Sie konkret gesucht?
In Bangladesch haben wir keinen organisierten medizinischen Notfalldienst. Oft kommen die Patienten erst acht bis zehn Stunden nach dem Unfall bei uns im Spital an. In der Schweiz sind Ambulanz oder Helikopter oft schon innerhalb von zehn bis 15 Minuten bei den Patientinnen. Dies hat natürlich enorme Auswirkungen auf die Behandlungsmöglichkeiten. Ich bin daher besonders daran interessiert zu sehen, wie ein Polytrauma, also ein Patient mit mehreren, zum Teil lebensbedrohlichen Verletzungen in verschiedenen Körperregionen, behandelt wird. Dies umfasst den ganzen Prozess; von der Alarmierung, dem Transport zum Spital über die Registrierung und die Erstversorgung bis hin zu der Operation und dem Prozess der Rehabilitation danach.

Was konnten Sie in dieser Hinsicht mitnehmen?
Ich konnte sehr viele Eindrücke, Erfahrungen und Informationen sammeln. Die Betreuung der Patientinnen am KSGR ist ausgezeichnet. Die Prozesse sind sehr gut aufeinander abgestimmt und die Koordination funktioniert hervorragend. So können Patienten bereits sehr kurz nach dem Unfall operiert werden. Ich habe einen solchen Betreuungsstandard für unmöglich gehalten, aber jetzt, wo ich die Abläufe gesehen habe, glaube ich, dass wir auch in Bangladesch darauf hinarbeiten können.

Dann ist die klare Organisation der Prozesse der zentrale Punkt, den Sie mitnehmen?
Der zentrale Punkt ist für mich die Koordination und die Verlässlichkeit. Das KSGR funktioniert als System, in dem jeder gewissenhaft seinen Aufgaben nachgeht und so für das Funktionieren des ganzen Systems sorgt. Dies funktioniert in Bangladesch nicht so gut. Da muss ich ständig kontrollieren, ob auch alle Aufgaben ausgeführt wurden. Ausserdem funktioniert auch die Koordination zwischen den verschiedenen Akteuren oft nicht.

Afrina Jahan

Wie haben Sie sich in dieser offensichtlich doch sehr anderen Welt zurechtgefunden?
Der Anfang war natürlich herausfordernd, da ich erst die Abläufe und das System kennenlernen musste. Danach ist die Zeit aber wie im Flug vergangen – zwei Monate haben sich wie zwei Wochen angefühlt. Der Chefarzt Unfallchirurgie Dr. Christoph Sommer und sein Team haben mir sehr geholfen und mich bei vielen Operationen dazu geholt. So konnte ich viel sehen.

Gibt es bei den Operationen grosse Unterschiede zwischen den zwei Spitälern?
In Bangladesch geht es primär um die Quantität. Die Leistung der Chirurgen wird an der Anzahl der durchgeführten Operationen gemessen. Hier am KSGR zählt nur die Qualität.

Nach meinem Aufenthalt am KSGR glaube ich, dass wir in Bangladesch selbst bei gleichbleibender Anzahl Operationen mit einer besseren Koordination eine höhere Qualität erreichen könnten.

Der Fokus auf Qualität ändert auch die Art zu lehren. Assistenzärzte werden hier unter anderem von den Chefärzten unterrichtet und bei Fragen ist immer jemand da, um zu helfen. In Bangladesch lernen wir eher durch Ausprobieren, die Vorgesetzten sind oft nicht da. Ich denke, dies sollte geändert werden, denn es ist wichtig, dass die jungen Ärzte die Technik von Anfang an richtig erlernen.

Was haben Sie während Ihrer Zeit am KSGR gelernt bezüglich Operationstechniken?
Ich habe ganz neue Operationstechniken kennengelernt für Verletzungen, die wir bei uns ganz konservativ mit einem Gips behandeln. Zusätzlich konnte ich mir bei Operationen, die ich ebenfalls durchführe, einige Tipps und Tricks abholen.

Mal abgesehen vom Spital, wie gross war der Kulturschock als Sie hier ankamen?
Der Unterschied zu Bangladesch ist riesig. Dort ist es laut und hektisch. Als ich hier ankam, hatte ich in den ersten Tagen das Gefühl, mein eigenes Herz schlagen zu hören. Es ist sehr ruhig und alles funktioniert reibungslos. Ich mag das Lebhafte in Bangladesch. Ich bin immer mittendrin, aber es ist auch schön, hier etwas die Ruhe zu geniessen. Ich fühle mich hier fast etwas in meine Teenagerzeit zurückversetzt, da ich mich nur um mich selbst kümmern muss. Ich habe zwei Kinder, da gibt es zu Hause immer viel zu planen, vorzubereiten und zu organisieren.

Was gefiel Ihnen an der Schweiz am besten?
Ganz eindeutig die Natur – die Schweizer Berglandschaft wird so gut erhalten. Bangladesch hatte ebenfalls eine sehr schöne Natur, aber auch hier hat die Koordination schlecht funktioniert. Es wurde unkontrolliert gebaut und dafür wurden Bäume gerodet. So ist heute leider nicht mehr viel unversehrte Landschaft übrig. Koordination ist also eindeutig etwas, das wir von der Schweiz lernen können. Dieser Austausch war für mich sowohl kulturell als auch akademisch eine grossartige Erfahrung. Ich genoss die Arbeit mit Christoph Sommer ebenso sehr wie die Schweizer Landschaft. Ich möchte mich beim gesamten Trauma-Team, insbesondere auch beim Leitenden Arzt Unfallchirurgie, Dr. Philipp Stillhard, und den Mitarbeitenden des KSGR herzlich dafür bedanken.

Weitere Informationen zu der Unfallchirurgie am KSGR finden Sie unter www.ksgr.ch/Unfallchirurgie.

0 Kommentare

Klicken, um ein neues Bild zu erhalten

Die mit einem * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.

name
Ansprechpartner

Dr. med. 
Christoph Sommer

Chefarzt Unfallchirurgie / Allgemeinchirurgie, Leiter Unfallchirurgie

Tel.+41 81 256 62 05

Fax.+41 81 256 66 94

E-MAIL