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Aus dem Spital
07.  Jun 2018

Die Frauenklinik des KSGR im Wandel

In fast allen Bereichen hat sich die Frauenklinik Fontana in den letzten 50 Jahren fundamental verändert. Dr. med. Peter Martin Fehr, Departementsleiter Frauenklinik Kantonsspital Graubünden (KSGR), beschreibt den fachlichen Wandel in dieser Zeit. Daneben geht er aber auch auf Veränderungen bei den Mitarbeitenden, in der Dokumentation und im Qualitätsmanagement und der Infrastruktur ein.

Von der «Therapie für alle» zur personalisierten multidisziplinären Betreuung

Neubau Frauenklinik Fontana 1974

Das Frauenspital Fontana in dern 1970er-Jahren.

Die therapeutischen Optionen bei Brustkrebs haben sich fundamental verändert. Vor 50 Jahren wurde die Erkrankung chirurgisch behandelt. In der Regel beinhaltete dies die Brustentfernung mit Ausräumung der Lymphknoten in den Achselhöhlen. In den 70er- und 80er-Jahren wurde eine erste Deeskalation der chirurgischen Therapie mit brusterhaltenden Verfahren eingeführt mit nachfolgender Bestrahlung der Brust. Gleichzeitig erhärtete sich die Einsicht, dass Brustkrebs nicht ausschliesslich chirurgisch behandelbar ist.

Infolgedessen etablierten sich die unterstützende antihormonelle Therapie und die Chemotherapie. In den folgenden Jahren wurden die Therapien mit neuen Substanzen und Schematas modifiziert und auch die Diagnostik verfeinerte sich.

Als Revolution in der Behandlung des Brustkrebses zu Beginn des neuen Jahrtausends ist die Therapie anzusehen, die sich zielgerichtet gegen Lokalisationen im Bereich der Signalkaskade innerhalb der Zelle richtet. Dabei handelt es sich um Antikörper, die gegen einen Wachstumsfaktorrezeptor der Tumorzelle gerichtet sind. Die Therapie ist sehr gut wirksam und erhöht die Überlebenschancen unter bestimmten Umständen deutlich.

In der Folge wurden praktisch halbjährlich neue Substanzen entwickelt, die die Krebszelle an einem anderen Ort angreifen. Es etablierte sich die Erkenntnis, dass jeder Brustkrebs individuell ist und somit mit einer massgeschneiderten Therapie behandelt werden muss.

Die Therapie von Brustkrebs wurde komplex. Sie wird nicht mehr wie früher durch eine oder zwei Fachkräfte, sondern von einem Team aus verschiedenen Fachrichtungen (Radiologen, Pathologen, Gynäkologen, Onkologen, Radioonkologen, spezialisierte Pflege, Study Nurse) in speziellen Tumorboards festgelegt und durchgeführt.

Gynäkologie – Erweiterung der Therapiemöglichkeiten und Reduktion der Invasivität

Bei Blutungsstörungen, Myomen oder Senkungszuständen beinhalteten die therapeutischen Möglichkeiten der Frauenklinik vor 50 Jahren oft die Entfernung der Gebärmutter. Im Laufe der Jahre wurden viele nichtoperative Therapien entwickelt. So haben hormonelle Behandlungen bei Blutungsstörungen die Häufigkeit dieser drastischen Massnahme reduziert.

Die operativen Methoden haben sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt. So wurden in den 90er-Jahren Techniken zur Gebärmutterspiegelung eingeführt und verfeinert, wodurch die Rate an Entnahmen der Gebärmutter zusätzlich reduziert werden konnte.

Vor allem die Bauchspiegelung hat die operative Therapie der Gynäkologie massiv verändert. Dabei werden die Bauchhöhle und die darin liegenden Organe mit speziellen Stablinsen-Optiken durch kleine vom Chirurgen geschaffene Öffnungen in der Bauchdecke sichtbar gemacht und behandelt. Heute werden im KSGR bis 90% aller Eingriffe in der Gebärmutter sowie Operationen von Uteruskarzinomen durch die Bauchdecke und nicht mehr vaginal durchgeführt.

Die Wahl der Technik wird bei jeder Patientin individuell festgelegt. Mit Etablierung der minimal invasiven Techniken über die Bauchspiegelung hat sich die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Spital von zehn bis 14 Tage in den 70er- und 80er-Jahren auf heute drei Tage verkürzt. Dies hat zu einer massiven Reduktion der betriebenen Betten in der Frauenklinik geführt. In den 90er-Jahren wurden noch zwei vollständige gynäkologische Abteilungen betrieben, während 2018 noch eine Wochenstation betrieben wird.

Generationenwechsel und Feminisierung

Neben fachlichen Änderungen haben sich natürlich auch die Mitarbeitenden verändert. Die Nachkriegs- und Babyboomer-Generation (zu der auch der Autor gehört) lebt bekanntlich, um zu arbeiten – hohe Pensen von 60 bis 90 Stunden pro Woche waren üblich und Patientinnen wurden kontinuierlich durch die gleiche Person betreut.

Es folgten die Generationen X und Y. Hier ist das Lebensmotto: «ich arbeite, um zu leben oder ich arbeite und möchte Spass daran haben». Die steile Karriere ist nicht mehr zwingend das Hauptziel. Selbstverständlich gibt es auch heute ausserordentlich viele motivierte und exzellente Mitarbeitende – dies ist unabhängig von Generation und Lebensmotto.

Die wöchentliche Höchstarbeitszeit bei den Ärzten wurde im Verlauf der Jahre gesetzlich bei 50 Stunden pro Woche festgelegt. Die augenscheinlichste Veränderung in der ärztlichen Belegschaft ist aber die Feminisierung. Vor 50 Jahren war die Gynäkologie ein männerdominiertes Fach. Heute hat die Frauenklinik auf Stufe Chef-, Ober- und Assistenzärzte nur noch je einen «Quotenmann». Damit verbunden ist vor allem auf Kaderstufe ein gewisser Anteil an Teilzeitpensen. Die Herkunft der Mitarbeitenden sowohl in der Pflege als auch bei den Ärzten hat sich deutlich verändert. Die früher rein schweizerischen Teams wurden von multinationalen Teams abgelöst.

Wechsel in Dokumentation und Qualitätsmanagement – vermehrter Aufwand

Anforderungen an administrative Arbeiten, insbesondere in der Dokumentation, haben sich fundamental verändert. Es ist erstaunlich (und der Autor beneidet in gewisser Weise die früheren Ärzte darum), wie wenig vor 30 bis 40 Jahren dokumentiert wurde. Die ausführliche Dokumentation in Diagnose und Therapie ist eine Folge der veränderten rechtlichen Situation im Gesundheitswesen und den gestiegenen Ansprüchen an Qualität und deren Nachweis.

Qualität wurde früher über den Arzt definiert: «Er ist schon lange im Job, hat das, was er macht, schon viele Male gemacht, also macht er es gut». Heute gilt dieser Ansatz natürlich und berechtigterweise nicht mehr. Die Frauenklinik des KSGR verfügt über ein eigenes Qualitätsmanagement. Bereiche wie das Brust- und Endometriosezentrum wurden mit grossem Aufwand von externen Experten auditiert und zertifiziert.

Patientinnen sind informiert und kompetent

Die Patientin von heute ist informiert und vernetzt. Früher hat eher der Arzt festgelegt, welche diagnostischen und therapeutischen Schritte gewählt wurden. Heute legt die informierte und auch kompetente Patientin gemeinsam mit dem Arzt das Prozedere fest.

Die Ansprüche der Patientinnen sind klar gestiegen. Die hochstehende medizinische Versorgung wird dabei als selbstverständlich vorausgesetzt. In den Brennpunkt treten vermehrt Dinge rund um das medizinische Kerngeschäft: Hotellerie, Verpflegung, Parkplatz, Terminvergabe, Internet usw.

Ökonomischer Druck – war früher alles besser?

Es ist vermessen zu behaupten, früher habe für Kliniken kein Druck aus ökonomischer Sicht bestanden. Es war aber eher so, dass dieses Thema zwischen Spitalverwalter, Chefarzt und Pflegeleitung verhandelt wurde. Das Gesundheitswesen wurde in den letzten 50 Jahren immer teurer, die Ressourcen jedoch sind nicht grenzenlos angestiegen. Dies führte dazu, dass ökonomische Fragestellungen auch in sämtlichen Bereichen der Frauenklinik zum Thema und für deren Beantwortung alle Mitarbeitenden miteinbezogen wurden. Als Folge davon haben wir die Prozesse in optimiert.

Ein gutes Beispiel ist das präoperative Ambulatorium. Die Patientinnen traten früher einen oder mehrere Tage vor einer Operation in die Frauenklinik ein. In den Tagen vor dem Eingriff wurden die benötigten Zusatzuntersuchungen (Labor, EKG, Röntgenuntersuchungen) sowie die Eintrittsuntersuchung und das Prämedikationsgespräch der Narkose durchgeführt. Die Patientin hatte lange Wartezeiten.

Heute durchlaufen die Patientinnen eine ambulante präoperative Sprechstunde. Die Patientin tritt dann am Operationstag zu einer definierten Zeit ins Spital ein. Dadurch und durch die Verwendung der minimal invasiven Techniken ist die Aufenthaltsdauer im Spital auf durchschnittlich drei Tage gesunken.

Die Frauenklinik wurde laufend erneuert

Frauenklinik Fontana 2018

Frauenklinik Fontana 2018

Für Mitarbeitende und besonders für Patientinnen hat sich das Erscheinungsbild der Frauenklinik erheblich verändert. Vor 50 Jahren war die Frauenklinik ein steriles Gebäude mit dem typischen Spitalgeruch. Karge Einrichtungen auf den Bettenstationen, die Gebär- und Operationssäle bis unter die Decke gekachelt. Heute wird grosser Wert auf ein wohnliches Ambiente gelegt. Jedes Patientinnenbett ist mit einem multimedialen Terminal ausgestattet. Die Patientin verfügt überall über Zugang zum W-LAN.

Auch für die Mitarbeitenden hat sich so einiges geändert. So wurde viel in die bestehende Infrastruktur investiert. Als Beispiel sei hier der voll integrierte Operationssaal erwähnt, der auf dem neuesten Stand der Technik ist.

Einen weiteren grossen Wandel am Arbeitsplatz der Mitarbeitenden hat die Digitalisierung gebracht. Diese hat Schritt für Schritt sämtliche Bereiche verändert. So verfügen sämtliche Arbeitsplätze der Bettenstationen, Gebärabteilung, Operationssäle, Sprechstunden und Sekretariate über PCs. Die Krankengeschichte, die Pflegedokumentation, das Labor, Ultraschall- oder Röntgenbilder sind jederzeit von jedem Terminal abrufbar. Verordnungen (Medikamente, Labor, Röntgen, Physiotherapie usw.) werden am Bildschirm erledigt.

Fazit

Die Frauenklinik hat sich in den letzten 50 Jahren in vielen Bereichen grundlegend verändert. Diese Veränderungen hatten immer das Ziel, den Patientinnen eine qualitativ hochstehende medizinische Betreuung in einem angenehmen Umfeld zu ermöglichen und den Mitarbeitenden der Frauenklinik einen attraktiven Arbeitsort zu bieten. Man darf darauf gespannt sein, wie die Frauenklinik des KSGR in 50 Jahren aussehen wird. Ich selber bin es sehr.


Weitere Informationen zur Frauenklinik Fontana finden Sie unter www.ksgr.ch/willkommen-in-der-frauenklinik.

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Ansprechpartner

Dr. med. 
Peter Martin Fehr

Chefarzt Gynäkologie und Departementsleiter Frauenklinik, Mitglied der Geschäftsleitung KSGR

Tel.+41 81 254 81 28

Fax.+41 81 254 81 30

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