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Aus dem Spital
07.  Feb 2019

Von der Intensivstation KSGR zum Top of Europe – Teil 1

Leben auf über 3'000 Metern über Mehr - Ein Thema, zwei Teile: Im ersten Teil erzählt die ehemalige KSGR-Mitarbeiterin Christine Käser über ihr Leben auf dem Jungfraujoch. Im zweiten Teil beschreibt Dr. med. Anna Giulia Brunello, welchen Einluss auf den Körper es hat, wenn man längere Zeit auf über 3‘000 m ü. M. lebt.

Christine Käser hat von Mai 2002 bis Oktober 2017 im Kantonsspital Graubünden gearbeitet, die letzten sieben Jahre im Sekretariat der Intensivmedizin. Seit 1. November 2017 ist sie zusammen mit ihrem Ehemann Ruedi als Betriebsleiterpaar in der Hochalpinen Forschungsstation auf dem Jungfraujoch tätig. Wir haben sie zum Interview getroffen:

Wie erfährt man von einer Arbeitsstelle auf dem Jungfraujoch?

Christine und Ruedi Käser an ihrem Arbeitsort, der Forschungsstation auf dem Jungfraujoch

Christine und Ruedi Käser an ihrem Arbeitsort, der Forschungsstation auf dem
Jungfraujoch

2010 ist eine Reportage über eines der Betriebsleiterpaare in der SAC-Zeitschrift erschienen. Das portraitierte Paar hat ganz ähnliche Ausbildungen wie wir. Ich komme aus dem medizin-technischen Bereich, Ruedi hat als Ingenieur gearbeitet – anscheinend und interessanterweise eine passende Kombination. Zusätzlich sind wir beide sehr gerne und viel draussen. Wir gehen oft wandern, machen auch Mehrtagestouren und geführte Gletschertrekkings.

Zwischenzeitlich ist die Idee, auf dem Jungfraujoch zu arbeiten, in den Hintergrund geraten. Der Gedanke an diesen speziellen Arbeitsplatz hat uns aber über die Jahre begleitet. Ruedi hat dann im April 2017 spontan die Sekretärin der Stiftung angerufen und erfahren, dass die Stelle in den nächsten 14 Tagen offiziell ausgeschrieben wird. Gesucht wurde ein Ehepaar, vorzugsweise über 50 mit Lebens- und Bergerfahrung. Das Anforderungsprofil passte perfekt auf uns und so haben wir sofort eine Bewerbung verfasst.

Wir wurden dann zum ersten Bewerbungsgespräch nach Bern und fürs zweite Gespräch aufs Jungfraujoch in die Forschungsstation eingeladen. So konnten wir vor Ort sehen, was uns erwarten würde. Eigentlich wäre nur ein Tagesbesuch vorgesehen gewesen. Eine zusätzliche Übernachtung auf 3‘500 m ü. M. sollte unsere Entscheidungsfindung noch unterstützen. Bei dieser Gelegenheit haben wir auch unsere jetzigen Arbeitskollegen näher kennen gelernt.
Insgesamt haben sich etwa 40 Paare auf die Stelle als Betriebsleiterpaar beworben. Die Entscheidung fiel erfreulicherweise auf uns.

Geschichte der Forschungsstation

Geforscht wurde auf dem Jungfraujoch schon lange vor dem Bau der Hochalpinen Forschungsstation. Als die Jungfraubahn 1912 ihren Betrieb aufnahm, waren keine wagemutigen Expeditionen mehr nötig. Treibende Kraft hinter der Idee, eine eigentliche Forschungsstation mit Laboren und fest installierten Beobachtungsgeräten zu bauen, war der Geophysiker Alfred de Quervain. 1930 wurde die Stiftung Hochalpine Forschungsstation gegründet und bereits ein Jahr später wurde die Station eröffnet. Wenige Jahre danach wurde speziell für Meteorologen und Strahlungsforscher ein Observatorium auf dem Sphinxfelsen gebaut. Dies ist heute das Wahrzeichen des Jungfraujoch. Die Station ist auf 3‘454 m ü. M. die höchstgelegene in Europa und weltweit die einzige auf dieser Höhe, die mit einer Bergbahn erreichbar ist.
Die Forschungsstation ist international ausgerichtet. Seit ihrer Gründung 1930 gehören der Stiftung neben Institutionen aus der Schweiz auch solche aus Belgien, Deutschland, Grossbritannien und Österreich an.

Wie gestaltet sich der Arbeitseinsatz?

Christine Käser macht Wetterbeobachtungen für MeteoSchweiz

Christine Käser macht Wetterbeobachtungen für MeteoSchweiz

Die Forschungsstation ist das ganze Jahr besetzt. Wir teilen uns mit einem anderen Ehepaar die Arbeitseinsätze abwechselnd. Wir sind pro Monat ca. 16 bis 20 Tage am Stück im Einsatz.

Während der elf Tage Freizeit im Tal wird der Dienst von unseren Arbeitskollegen im Teilzeitpensum übernommen. Beiden Paaren stehen eine gemeinsame Küche, ein Wohnzimmer und je ein persönliches Schlafzimmer mit Dusche/WC zur Verfügung.

Das sind die wichtigsten Aufgaben des Betriebsleiterpaares:

  • Täglich 5x Wetterbeobachtungen für MeteoSchweiz. Die Beobachtungen (Wolkentyp, Höhe der Wolken, Sichtweite etc.) fliessen in die aktuellen Wettermodelle ein.
  • Unterhalt der Infrastruktur des Forschungs- und Gästebereichs. Den Forschern stehen bei Bedarf neun Einzel-, ein Drei-Bett-Zimmer, Esszimmer und eine gemeinsame Küche zur Verfügung.
  • Gastgeber für Forscher und Besucher. Die Station verzeichnet ca. 1‘000 Forschertage (Übernachtungen und Tagesbesuche) pro Jahr.
  • Konstante Überwachung/technischer Support verschiedenster Projekte und Installationen. 
  • Führungen durch die Forschungsstation für Besucher und Journalisten aus aller Welt.

Welche Herausforderungen bringt die Höhe von über 3‘000 Metern über Meer mit sich?

Das Sphinx Observatorium auf dem Jungfraujoch

Das Sphinx Observatorium auf dem Jungfraujoch

Auf dieser Höhe geht alles etwas langsamer. Nach ein paar Tagen Aufenthalt merkt man keinen grossen Unterschied mehr zum Tal und man nimmt sogar wieder zwei Treppenstufen auf einmal.

Wir haben vor und nach unserem ersten Einsatz auf dem Berg unsere Hämoglobinwerte bestimmen lassen. Es hat uns nicht überrascht, dass wir nach den 16 Tagen Jungfraujoch ca. 10% mehr rote Blutkörperchen hatten. Das verbessert den Sauerstofftransport erheblich. Rote Blutkörperchen haben eine durchschnittliche Lebensdauer von 120 Tagen. In der Zeitspanne, die wir im Tal verbringen, bleiben sie also zu einem grossen Teil erhalten. So profitieren wir auch im Tal von unserem Höhenaufenthalt und man empfindet eine Art Doping-Effekt. Man merkt, dass man bei sportlichen Aktivitäten auf einmal viel leistungsfähiger ist und fühlt sich fitter. Von früher bekannte Bike-Strecken lassen sich viel einfacher bewältigen und dies fast ohne Muskelkater. Vergleichbare Arbeiten belasten den Körper in der Höhe mehr als im Tal und man ist am Ende eines Tages oft recht geschafft. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass ausreichend trinken über den Tag verteilt allfälligen Kopfschmerzen vorbeugen kann.

Auch im Haushalt gibt es Unterschiede zum Leben im Tal. Wasser kocht hier beispielsweise bereits bei 89° C. Nudeln muss man dadurch ca. 1/3 länger kochen, als auf der Packung steht, weil sie ja nicht die gleiche Hitze wie im Tal abbekommen. Auch ein Frühstücksei muss länger als im Tal gekocht werden.

Zimmer zur Vermietung für die Forscher

Zimmer zur Vermietung für die Forscher

Uns sind auch schon mehrere Wasserkocher kaputt gegangen. Dies liegt daran, dass die Siedetemperatur auf 100° C eingestellt ist, das Wasser jedoch schon bei 89° C kocht. Der Thermostat versucht auf die 100° C aufzuheizen und schafft es nicht über die 89° C. Irgendwann überhitzt der Kocher und geht kaputt. Wir haben nun einen Wasserkocher gefunden, bei dem man die Siedetemperatur einstellen kann. Kaffee und Tee trinken wir hier oben dann eben einfach etwas weniger heiss. Dafür verbrennt man sich dann im Tal den Mund, weil man nicht dran denkt, dass dort die Heissgetränke eben heisser aufgebrüht werden.

Unsere Lebensmittel bestellen wir im Tal, in Wengen. Diese werden uns mit der Jungfraubahn in Kisten auf den Berg geliefert. Das muss gut geplant werden. Wenn zum Kochen etwas fehlt, können wir nicht mal schnell in den nächsten Supermarkt oder an die Tankstelle um die Ecke und das Fehlende besorgen. Dann ist Improvisieren angesagt.
Die Verpackungen der Lebensmittel, die uns auf den Berg geliefert werden, kommen alle aufgeblasen an, z. B. gerüsteter Nüsslisalat im Plastiksack. Der Sack ist ganz prall aufgeblasen. Kaputt gegangen ist bisher zum Glück noch nicht viel. Einige Joghurts haben den Druckunterschied nicht „überlebt“ und beim Öffnen der Gesichtscrèmetube einer Forscherin war der Inhalt fast nicht mehr zu bremsen.

Forschungen auf dem Jungfraujoch

Messungen und Beobachtungen zum Wettergeschehen begründeten die Forschung auf dem Jungfraujoch. Aktuell gehören ca. 80% der Forschungsprojekte in den Bereich Umwelt- und Klimaforschung. Weitere Bereiche sind Medizin, Biologie, Glaziologie etc.
Heute werden die Messdaten der meisten Forschungsprojekte auf dem Jungfraujoch direkt übers Internet an die Arbeitsplätze der Forscher im Tal gesendet. Von den ungefähr 50 Projekten werden mehr als 100 Variablen gemessen. Neben 30 weiteren Beobachtungsstandorten ist die Hochalpine Forschungsstation Jungfraujoch Teil des Netzwerkes Global Atmosphere Watch (GAW), das unter der Schirmherrschaft der World Meteorological Organization (WMO) steht.

Wie fällt Ihr Fazit nach einem knappen Jahr auf 3‘500 m ü. M. aus?

Sonnenuntergang über dem Nebelmeer

Sonnenuntergang über dem Nebelmeer

Unser Mut, für die letzten Jahre im Arbeitsleben etwas ganz Neues zu wagen, wurde belohnt. Wir haben schon unzählige interessante Begegnungen mit Menschen aus aller Welt gehabt. Die Wetterschauspiele, Sonnenauf- und -untergänge faszinieren immer wieder.

Die Tage auf dem Joch sind sehr abwechslungsreich und vergehen wie im Flug und das Leben und Schlafen auf 3‘500 m ü. M. macht uns glücklicherweise keine Mühe.

Nächste Woche folgt der zweite Teil des Beitrags– dort erfahren Sie mehr über die medizinischen Auswirkungen auf den Körper, wenn man auf über 3‘000 m ü. M. lebt, und welche Höhenkrankheiten es gibt.

Weiterführende Links & Quellen

www.hfsjg.ch – Hochalpine Forschungsstation Jungfraujoch und Gornergrat

www.bergzeit.ch – Höhenkrankheit: Symptome erkennen und behandeln

www.beobachter.ch – Lungenödem

Gebirgs- und Outdoomedizin – Erste Hilfe, Rettung und Gesundheut unterwegs" – AG Brunello, M. Walliser, U. Hefti, SAC Verlag-Bern, 2. Deutsche Auflage 2012

1 Kommentar
08.  Feb 2019

Markus Götsch

Das ist eine super Sache

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Dr. med. 
Anna Giulia Brunello

Leitende Ärztin

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