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Aus dem Spital
06.  Jul 2018

Der schmale Grat zwischen Leben und Tod – ein Tag auf der Intensivstation

Text von Diana Etter, Mitarbeiterin Unternehmenskommunikation  

Stimmt es, dass die meisten Patienten die Intensivstation (IPS) nicht lebend verlassen? Und sind die Patienten auf der IPS alle nicht ansprechbar, werden also künstlich beatmet und liegen im Koma? Und wie läuft das überhaupt so auf einer IPS ab – was wird da den ganzen Tag gemacht? Diese und weitere Fragen habe ich, Diana Etter, Mitarbeiterin in der Unternehmenskommunikation, mir schon des Öfteren gestellt. Und Sie wahrscheinlich auch. Zeit, dem Ganzen mal nachzugehen.

«Die Arbeitskleidung ist auch eine Art Schutz für uns Pflegende», das ist das, was mir vor allem bleibt, als ich bei Sandra Rupp, Pflegeleiterin auf der IPS, nachfrage, wie ich mich auf den Tag bei ihnen vorbereiten kann – ob man das Erlebte auf der Station nicht mit nach Hause nehme. «Nein, normalerweise nicht», sagt Sandra. «Es gibt schon Fälle, die einem sehr nahe gehen. Aber grundsätzlich lernt man damit umzugehen.»
Ich werde es zumindest versuchen.

Es geht los

Morgenrapport auf der IPS

Es ist 7:00 Uhr und die Tagschicht auf der IPS beginnt. Gestartet wird mit dem Morgenrapport – der Übergabe der Nacht- auf die Tagesschicht. Die Schichtleitung der Nachtschicht berichtet über den Zustand der Patienten während der Nacht. Die Tagesschicht teilt die Mitarbeitenden der Frühschicht pro Patient zu. Hierbei werden max. ein bis zwei Patienten von einer Pflegeperson betreut – je nach pflegerischen Anforderungen und gesundheitlichen Einschränkungen des Patienten.

Für meinen Schnuppertag auf der IPS werde ich Reinhold Kleinheinz, kurz Reini genannt, zugeteilt. Er ist Experte Intensivpflege und seit gut drei Jahren auf der IPS im KSGR. Reini ist heute hauptsächlich für eine Patientin zuständig. Nennen wir sie Frau Meyer.
Reini kennt Frau Meyer schon – er hat sie bereits die letzten zwei Tage betreut. Auf der IPS wird versucht, den Pflegenden möglichst immer die gleichen Patienten zuzuteilen. Denn die Pflegenden kennen so schon die Geschichte des Patienten und deren Angehörigen und wissen, worauf sie achten müssen. Und auch für die Patienten ist es angenehmer, ein bekanntes Gesicht an ihrem Bett zu wissen.

Elf Betten und jährlich rund 1‘300 Patienten

Frau Meyer liegt in einem der zwei Vierbettzimmer auf der IPS. Gesamt hat die IPS derzeit elf Betten. Jährlich werden rund 1‘300 Patienten auf der Intensivstation behandelt. Um Frau Meyers Bett herum stehen zwei Monitore. Hier werden alle Vitalfunktionen überwacht: Herzschlag, Sauerstoffsättigung, Blutdruck, Lungenfunktion u.v.m. Mehrere Aggregate mit Dosierspritzen stehen auf der anderen Bettseite. Am Oberkörper von Frau Meyer und in ihren Armen sind überall Zugänge gelegt. Am Kopf und Oberkörper sind Elektroden angeschlossen. Viele Schläuche gehen von der Patientin zu den Geräten. In ihrem Mund liegt ein Tubus, der mit dem Beatmungsgerät verbunden ist. Frau Meyer wird künstlich beatmet.

Alles wird genauestens überwacht. Technik total. Trotzdem, sich alleine und zu 100 Prozent nur auf die Geräte verlassen, sollte man nicht, erklärt mir Reini. Deshalb überprüft er nach der Übergabe der Nachtschicht alle angeschlossenen Geräte. Schaut, ob alles richtig verkabelt ist und funktioniert und, dass die Medikamentenversorgung gewährleistet ist. Verbände werden, wenn nötig, gewechselt. Eine Mobilisation wird durchgeführt. Dabei spricht Reini die ganze Zeit mit Frau Meyer, begrüsst sie, erklärt ihr, wo sie ist, was mit ihr passiert ist. Er drückt ihre Hand und erklärt ihr immer, was er gerade macht. Reini prüft die Körpertemperatur und die Haut der Patientin.
«Dieser Kontakt ist sehr wichtig. Wir wissen nicht, wie viel die Patienten, die im Koma liegen, wirklich im Unterbewusstsein mitbekommen. Das kann nicht überprüft werden. Erfahrungen zeigen aber, dass das Sprechen mit den Patienten und regelmässige Berührungen einen positiven Einfluss auf den Zustand des Patienten haben.»

Frau Meyer geht es nicht gut. Sie liegt seit zwei Tagen im künstlichen Koma. Eine Infektion hat sich in ihrem ganzen Körper ausgebreitet, so dass es zu einer schweren Sepsis (Blutvergiftung) gekommen ist. Hinzu kommen eine akute Lungenentzündung und der Verdacht auf eine Thrombose.

Das künstliche Koma

Die Patienten werden mehrmals täglich umpositioniert, um die Lunge zu belüften und,
dass es keine Druckstellen gibt.

Mediziner sagen zum künstlichen Koma Analgosedierung. Das ist eine kombinierte Gabe von Analgetika (Schmerzmitteln) und Sedativa (Beruhigungs- und Schlafmitteln). Das künstliche Koma ist eine Langzeitnarkose, das heisst, der Patient «schläft». Und wird künstlich über einen Tubus , einen Schlauch in der Luftröhre , beatmet. Damit der Patient eine künstliche Beatmung zulässt, müssen zumeist Sedativa und Schmerzmittel verabreicht werden. Ohne diese Medikamente würde der Beatmungsschlauch, vom Patienten kaum toleriert.
Frau Meyer wurde aufgrund massiver Atemprobleme ins künstliche Koma versetzt. Diese Massnahme soll unmittelbar ihr Überleben ermöglichen und mittelfristig zu ihrer Heilung beitragen. Zusätzlich wurde Frau Meyer relaxiert, d. h., es wurde eine medikamentös herbeigeführte, länger andauernde, reversible Ausschaltung der Muskelfunktion vorgenommen.

Nachdem Reini alle Geräte überprüft hat, nimmt er Frau Meyer Blut ab. Dieses geht direkt zur Untersuchung ins Labor. Mit den aktuellen Ergebnissen lässt sich beurteilen, inwieweit sich ihr Zustand verbessert hat. Anschliessend bekommt Frau Meyer weitere Medikamente verabreicht, die auf ihrem Therapieplan stehen. Hier darf ich auch mithelfen. Zuerst Hände desinfizieren und danach Handschuhe anziehen. Dann zeigt und erklärt Reini mir, welche Medikamente Frau Meyer heute Morgen noch bekommen muss. Und, wie man ihr diese über ihre Zugänge am Oberkörper verabreicht. Ich darf der Patientin unter Aufsicht auch ein Medikament geben. Ganz vorsichtig – ein bisschen Berührungsängste habe ich schon. Hoffentlich mache ich alles richtig. Reini ist sehr zufrieden und die Patientin versorgt.

8:30 Uhr: Auf einmal ein Alarm vom schräg gegenüberliegenden Bett. Die Patientin zeigt einen erhöhten Herzschlag. Was ist los? Um das zu diagnostizieren, wird ein EKG (Elektrokardiogramm – eine Untersuchung, um die elektrische Aktivität des Herzmuskels aufzuzeigen) gemacht. Es kann nichts Akutes festgestellt werden. Vielleicht eine Reaktion auf die Absetzung der Schlafmedikamente? Die Patientin befindet sich nach einer Reanimation ebenfalls im künstlichen Koma, soll jetzt aber wieder zurück ins Bewusstsein geholt werden.

9:00 Uhr: Bei Frau Meyer steht nun die Körperpflege auf dem Tagesprogramm. Sie bekommt die Zähne geputzt, wird gewaschen und eingecremt. Anschliessend muss sie umpositioniert werden. Das wird gemacht, damit ihre Lunge besser belüftet wird und sie keine Druckstellen bekommt. Die Umpositionierung findet mehrmals am Tag statt. Gleichzeitig dazu wird das Bett frisch bezogen. Auch das kann mehrmals am Tag nötig sein, wenn z. B. ein Verband nässt oder ein grosses Geschäft ins Bett geht.

Von grossen und kleinen Geschäften

Patienten auf der IPS können, vor allem wenn sie im Koma liegen, nicht selbstständig auf die Toilette gehen. Daher bekommen die meisten Patienten einen Blasenkatheter gelegt. Darmrohre (für Stuhlinkontinenz) werden seltener gelegt, weil u. a. die Gefahr einer Druckstelle gross ist. Deshalb geht dann hin und wieder auch mal was in die Hose bzw. ins Bett, was von den Pflegenden wieder in Ordnung gebracht wird. 

9:45 Uhr: kurze Frühstückspause: Ein Apfel und ein Glas Wasser. Und weiter geht’s.

Eine Pflegeperson muss immer im Zimmer sein

Für die Patienten und auch die Angehörigen wird sich auf der IPS viel Zeit genommen.

10:00 Uhr: Kurze Besprechung zum Stand der Dinge im Team. Jeder Pflegende sollte nicht nur über seinen eigenen Patienten Bescheid wissen, sondern auch über die anderen im Zimmer, schliesslich gehen die Pflegenden auch mal in die Pause oder müssen austreten. Es gilt die Regel, dass immer mindestens eine Pflegeperson bei den Patienten im Raum bleiben muss.

Anschliessend an die Körperpflege kommt die diensthabende Assistenzärztin vorbei und untersucht die Herzschläge und die Lungen der bewusstlosen Patientin.
Später kommt noch die Physiotherapie und macht ein paar Übungen mit Frau Meyer.

Kardioversion

10:15 Uhr: Zwischenzeitlich findet in einem separaten Zimmer auf der IPS die elektrische Kardioversion eines ambulanten Patienten statt. Eine Kardioversion ist eine Massnahme zur Wiederherstellung des normalen Herzschlages bei Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern. Ziel ist es, das Herz wieder in den sogenannten Sinusrhythmus – den normalen, regelmässigen Herzschlag – zurückzuführen.
Die Kardioversion wird unter Kurznarkose durchgeführt und ist für den Patienten schmerzfrei. Mit Hilfe von Stromstössen, die durch einen Defibrillator abgegeben werden, wird der Herzrhythmus zurück in den Sinusrhythmus gebracht.

10:30 Uhr: Visite: Hier wird mit dem Chefarzt/Kaderarzt der Intensivstation detailliert der Zustand von Frau Meyer besprochen. Hat sich ihr Zustand verbessert oder verschlechtert? Welche weiteren Massnahmen müssen ergriffen werden? Welche Medikamente sollten ggf. zusätzlich verabreicht, welche abgesetzt werden.
Am Abend gibt es nochmals eine kurze Visite am Patientenbett. Dann wieder am nächsten Morgen.

11:00 und 13:00 Uhr: Bei Frau Meyer stehen nun einige Untersuchungen auf dem Plan: zuerst eine transthorakale Echokardiographie (kurz: Herzecho oder TTE). Das ist eine Ultraschalluntersuchung des Herzens. Und zweitens eine Bronchoskopie (Lungenspiegelung).
Beim Herzecho werden die Strukturen und die Funktion des Herzens sowie die Herzklappen beurteilt. Frau Meyer hat einen Herzschrittmacher. Hier muss jetzt untersucht werden, ob sich an den Herzklappen bereits Bakterien abgelagert haben.
Bei der Lungenspiegelung wird untersucht, inwieweit sich aufgrund der Lungenentzündung Eiter auf der Lunge befindet.
Das Herzecho sieht soweit gut aus. Es kann kein Bakterienbefall festgestellt werden. Wenn es einen gäbe, müsste der Patientin eigentlich der Herzschrittmacher entfernt werden. Da ihr Zustand aber kritisch ist, würde sie das wahrscheinlich nicht überleben.
Die Lungenspiegelung zeigt ein weniger gutes Bild: Die Lungen sind stark vom Eiter befallen.

Dazwischen, 12:30 Uhr: Mittagspause.

Tracheotomie

Vorbereitung und Durchführung einer Tracheotomie (Luftröhrenschnitt).

14:00 Uhr: Im zweiten Vierbettzimmer auf der IPS steht eine Tracheotomie (Luftröhrenschnitt) bei einer Patientin an. Die künstliche Beatmung der Patienten auf der IPS erfolgt entweder über eine orale Intubation (Schlauch im Mund zu dem Atemweg) oder direkt über den Luftröhrenschnitt mit einer Trachealkanüle, durch den ein Atemschlauch angeschlossen wird.
Wenn Patienten unter Narkose intubiert und die Schlafmedikamente abgesetzt werden, damit sie wieder aufwachen, kann es dazu kommen, dass sich die Patienten stark gegen den Beatmungsschlauch (Tubus) wehren. Um die noch nötige Beatmung für die Patienten zu vereinfachen, wird dann der Luftröhrenschnitt gemacht.

14:15 Uhr: Die Familie von Frau Meyer ist da und lässt sich gerade von Reini auf den neusten Stand der Dinge bringen. Alle sind sehr über den Zustand der Patientin besorgt. Wird sie überleben? Wird sie wieder ganz gesund?
Ich frage Reini, ob da was dran ist, wenn gesagt wird, dass Patienten auf der IPS dem Tod näher sind als dem Leben. «Nicht bei allen. Der Zustand von Frau Meyer ist aber sehr kritisch. Man kann sagen, sie bewegt sich derzeit auf dem Grat zwischen Leben und Tod.»
Im Durchschnitt bleiben Patienten 2.3 Tage auf der Intensivstation. Die meisten, d. h. 95 Prozent, verlassen die Station lebend. Nur etwa 5 Prozent sterben auf der IPS.

14:30 Uhr: Die Spätschicht kommt. Und damit folgt die Übergabe der Früh- auf die Spätschicht. Der Ablauf bezüglich Übergabe der Patienten, Kontrolle der Geräte, Verabreichen der Medikamente usw. ist ähnlich wie am Morgen. Bis zur Ablöse der Nachtschicht. Und morgen geht’s dann wieder von vorne los.

Für mich bedeutet das Ende der Frühschicht auch mein eigenes Schichtende. Ich bin ganz schön geschafft – auch, wenn ich nicht viel mehr als Fragen gestellt und Antworten erhalten habe.
Ich ziehe meine Arbeitskleidung aus und bin wieder die Privatperson. Das sind ganz schön viele Eindrücke, die ich heute erhalten habe. In der Nacht träume ich von der IPS – klar, das Erlebte muss verarbeitet werden.

Was bleibt?

Ganz grosser Respekt vor den Mitarbeitenden, die sich jeden Tag so aufopferungsvoll um die Patienten und die Angehörigen kümmern. Die jeden Tag den schmalen Grat zwischen Leben und Tod vor sich haben und versuchen, die Patienten auf die richtige Seite zu holen.
Ganz viel Bewunderung für die Empathie, die die Mitarbeitenden gegenüber den Patienten und Angehörigen an den Tag legen.
Der Tag auf der IPS hat mir definitiv die «Angst» vor dieser Abteilung genommen. Hier ist man als Patient sehr gut aufgehoben. Die Mitarbeitenden gehen respekt- und liebevoll mit den Patienten um und nehmen sich viel Zeit für die individuellen Bedürfnisse. Das ist grossartig und mit Worten kaum auszudrücken. Ich hoffe, dass ich, sollte mal der schlimmste Fall aller Fälle eintreten, von unserem IPS-Team betreut werde.


Weitere Informationen zur Intensivmedizin finden Sie unter www.ksgr.ch/intensivmedizin.

Das KSGR bildet aus

Die Intensivstation im Kantonsspital Graubünden übernimmt als einzige in Graubünden die Funktion einer Weiterbildungsstätte für das Nachdiplomstudium Höhere Fachschule Intensivpflege (NDS HF IP). Weitere Informationen zur Weiterbildung finden Sie unter: www.ksgr.ch/weiterbildung-intensivmedizin.

1 Kommentar
15.  Jul 2018

Ursula Wernli

Gratuliere zu der positiven Darstellung der Intensivpflege.
Toll wie sich die Pflege im "Wachsaal mit 6 Betten" 1968 verändert hat.
ehemalige Krankenschwester im WS Chirgie

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Ansprechpartner

Dr. med. 
Adrian Wäckerlin

Stv. Departementsleiter ANIR und Chefarzt Intensivmedizin

Tel.+41 81 256 64 45

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