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Gesundheit
19.  Sep 2019

Ein letzter Wunsch

Ein letzter Wunsch

Vor etwas mehr als einem Jahr trat ein Mann mittleren Alters auf unsere Palliativstation ein. Wochenlang hatten verschiedene Spezialisten des Kantonsspitals Graubünden alles daran gesetzt, seine Gesundheit wiederherzustellen. Als der Patient zu uns auf die Palliativstation kam, war sein Körper von seiner schweren Krankheit gezeichnet. Er war so schwach, dass er das Bett nur für kurze Zeit verlassen und keine Nahrung zu sich nehmen konnte. Sogar das Rauchen hatte er während des Spitalaufenthaltes aufgegeben. Sein Geist hingegen war rege und sein Lebenswille ungebrochen.

Im Rahmen des Eintrittsgespräches fragten unser Assistenzarzt und ich ihn nach seinen Zielen. Es sei sein grösster Wunsch, so der Landwirt, seine Tiere zu sehen, ehe sie auf die Alp gehen würden. Der Sommerweideplatz sei mit dem Auto nur schwer erreichbar Der Termin des Alpauftriebs stand kurz bevor. Der Patient sagte uns, dass er lieber sterben würde, als seine Tiere nicht mehr sehen zu können. Die ebenfalls anwesende Ehefrau des Patienten erwiderte, die Verantwortung für einen etwaigen Zwischenfall nicht tragen zu können.

Nach Beendigung des Gespräches suchte ich den Kontakt zu meiner Stationsleitung und zum ärztlichen Leiter der Palliativstation. Ich fragte, ob sie sich vorstellen könnten, dass ich, ausgerüstet mit Medikamenten für etwaige Notfälle, mit dem Patienten und seiner Frau zu seinen Tieren fahre. Sie stimmten dem Vorhaben zu, versichernd, im Bedarfsfall telefonisch erreichbar zu sein.

Als ich mit dem Patienten sprach, war er begeistert und auch seine Frau willigte ein. In der Nacht vor dem Besuch seiner Herde war er so nervös, dass er und sein Zimmernachbar kaum ein Auge schliessen konnten.

Am darauffolgenden Tag kamen wir nach einer halbstündigen Fahrt an der Weide an. Die Tiere waren bereits an den Rand des Zaunes getrieben worden und ein Freund, der sich seit acht Wochen um die Tiere gekümmert hatte, erklärte dem Patienten, was während seines Spitalaufenthaltes in der Herde geschehen war. Anschliessend fuhren wir zum Wohnhaus der Familie, wo sich der Patient eine Zigarette gönnte. Nach nicht allzu langer Zeit meinte er, dass es jetzt genug sei und wir zurück nach Chur fahren sollten.

Er wiederholte die Tour nach Hause noch zwei weitere Male – ohne dabei jedoch seine Tiere zu sehen.
Kurze Zeit später betreute ich den Patienten im Spätdienst. Er war sehr unruhig und wollte nach Hause. Um ihn abzulenken, brachte ich ihn im Rollstuhl in den Garten des Fontanaspitals. Der Patient erzählte mir, dass seine Ausflüge nach Hause immer gut waren – aber keiner sei so schön wie der Erste gewesen.
In der folgenden Nacht verstarb er – er ist für immer nach Hause gegangen.

«Du zählst, weil Du Du bist. Und Du wirst bis zum letzten Augenblick Deines Lebens eine Bedeutung haben. Und wir werden alles dafür tun, damit Du nicht nur in Frieden sterben, sondern auch bis zuletzt leben kannst.». Dame Cicely Saunders, eine der Pionierinnen der Palliative Care, hat in diesen einfachen Worten einen Leitspruch für unser tägliches Tun auf der Palliativstation formuliert.

Es mag genau das sein, das mich nach Jahren der Arbeit mit schwerkranken Menschen noch immer fasziniert. Wir versuchen, unsere Patientinnen und Patienten ganzheitlich zu betrachten und zu behandeln. Die Krankheiten, an denen sie leiden, mögen zum Zeitpunkt der Begegnung einen grossen Platz in ihren Leben und im Leben ihrer Angehörigen einnehmen. Aber neben diesen Gebrechen ist da noch viel mehr. Dieses Mehr macht die Menschen zu den Persönlichkeiten, die sie sind. Dieses Mehr ist ihr Leben. Diesem Mehr gilt es Bedeutung zu schenken. Leben bis zuletzt.

von Johanna Stadler, Fachliche Leitung Palliativstation am KSGR

Veranstaltungshinweis

«Wenn nichts mehr zu machen ist, ist noch viel zu tun — Palliative Care im Kanton Graubünden»

Das Kantonsspital Graubünden und palliative gr laden am Donnerstag, 3. Oktober, zu einer öffentlichen Veranstaltung im GKB Auditorium. 

Was genau ist eigentlich Palliative Care? Und wie sieht es damit im Kanton Graubünden aus? Die gemeinsame öffentliche Veranstaltung «Wenn nichts mehr zu machen ist, ist noch viel zu tun — Palliative Care im Kanton Graubünden» des Kantonsspitals Graubünden (KSGR) und palliative gr beantwortet neben vielen anderen Fragen auch diese.

Nach Inputreferaten von Monika Lorez-Meuli (Geschäftsführerin palliative gr) zum Thema «Palliative Care in Graubünden» und Dr. med. Cristian Camartin (Leitender Arzt Palliative Care Kantonsspital Graubünden) zum Thema «10 Jahre Palliative Care am KSGR» kommen Angehörige zu Wort. In einer Podiumsdiskussion erzählen sie von ihren Erfahrungen mit der Palliative Care im Kanton. Im Anschluss wird ein Apéro offeriert.

Ort: GKB Auditorium, Engadinstrasse 25, 7000 Chur
Zeit: Start der Veranstaltung um 18 Uhr
Dauer: ca. 90 Minuten
Eintritt: frei

Weitere Informationen finden Sie in unserem Veranstaltungskalender.

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Ansprechpartner

Dr. med. 
Cristian Camartin MSc

Leitender Arzt, Leiter Palliative Care

Tel.+41 81 256 78 44

Fax.+41 81 256 63 79

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