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Aus dem Spital
15.  Okt 2020

«Plötzlich waren wir einer mehr auf der Welt»

Daniela Höfler, diplomierte Pflegefachfrau auf der Kinderintensivstation, kommt ursprünglich aus Bayern. Ab wann sie wusste, dass sie mit Kindern arbeiten möchte und wie es zu ihrem Bündner Meistertitel kam, erzählt sie im Interview.

Das Velofahren wurde im Lockdown immer wichtiger für Daniela Höfler.

Wie sind Sie in die Schweiz gekommen?
Mir wurde schon während meiner Ausbildung klar, dass ich irgendwann in der Schweiz arbeiten möchte. Mir war es wichtig, ein anderes Gesundheitssystem kennenzulernen. Ich wollte meinen Horizont erweitern und neue Erfahrungen sammeln. Für die Schweiz hat dann sicher auch die schöne Landschaft gesprochen.

Gibt es Klischeevorstellungen vom Pflegeberuf, die nicht stimmen?
Ja, da fällt mir spontan eines ein. Ich höre oft den Satz: «Krankenschwestern sind doch alle mit Oberärzten verheiratet». Das stimmt nicht. Es gibt nicht genug Oberärzte für alle (lacht). Dann sind halt auch die ganzen Arztserien, wie Grey's Anatomy und Co. fern jeglicher Realität. Da geht's dem Patienten nach einer Notoperation – die nur zehn Minuten dauert – sofort wieder gut. Oder nach Reanimationen können Patienten schon am nächsten Tag wieder heim. Da gehen Fiktion und Realität schon weit auseinander.

Wie sind Sie zum Pflegeberuf gekommen?
Ich habe in Bayern meinen Schulabschluss gemacht und danach ein freiwilliges soziales Jahr. Meine Firmpatin hatte mir vorgeschlagen, in die Pflege zu gehen. In dem freiwilligen sozialen Jahr war ich auf einer Krankenstation und da hat eine Stationsleiterin zu mir gesagt, dass ich mal eine gute Pflegefachfrau werde. Das hat mich sehr motiviert und so habe ich danach die Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin gemacht. Da war ich 17 Jahre alt. Anschliessend habe ich ein Jahr lang auf einer Intermediate Care Station gearbeitet – also bei den Erwachsenen. Es hat mich aber schon immer gereizt, mit Kindern zu arbeiten. Dann habe ich die Ausschreibung für die Stelle hier in Chur gesehen und mich beworben – und prompt auch eine Zusage erhalten.

Wie gut kannten Sie die Schweiz da schon?
Ich war ein paarmal durchgefahren mit den Eltern (lacht). Mittlerweile kenne ich die Schweiz deutlich besser. Heute wohne ich in Fläsch in einer WG.

Daniela Höfler, die vielleicht schnellste Pflegefachfrau am KSGR...

Und wie gefällt es Ihnen am Kantonsspital Graubünden?
Sehr gut. Es ist ein – für meine Verhältnisse – grosses Spital und doch fühlt man sich wie in einer Familie. Ich kenne natürlich hauptsächlich die Kinderklinik, aber man kennt sich untereinander und grüsst sich mit Namen. Das war in Deutschland schon anders. Da sind die Hierarchien zwischen Pflege und Ärzteschaft schon steiler. Ich habe kaum Heimweh hier (lacht).

Sie kommen aus Bayern. Wie lange dauert die Heimreise von Fläsch aus?
Gut zwei Stunden. Ich bin am Lech zwischen Füssen und München daheim. Eigentlich ein Katzensprung. Wirklich Heimweh hatte ich bisher auch nicht. Ich fahre alle zwei Monate für ein paar Tage heim. Je nachdem wie es zeitlich drin liegt neben Beruf und Training.

Training ist ein gutes Stichwort. Sie sind vor kurzem Bündner Meisterin im Rennvelofahren geworden?
Ja genau. Ende Juli war die Bündner Strassenmeisterschaft und da habe ich gewonnen. Es waren nicht so viele Damen am Start. Die, die mit dabei waren, waren aber sehr stark.

Wo war das?
Start war beim Driving Center in Cazis und dann sind wir insgesamt 52 Kilometer auf der Rundstrecke gefahren. Es war eigentlich ein wunderschöner Tag. Ich hatte Frühdienst am Kantonsspital. Dann hat mich eine Freundin abgeholt und wir sind nach Cazis gefahren – und dann hat es zu regnen begonnen.

...sicher aber Bündnermeisterin auf dem Velo.

Moment! Sie haben erst eine Frühschicht geleistet und sind danach mal eben Bündner Meisterin geworden?
Ja (lacht).

Von wann bis wann geht eine Frühschicht?
Von sieben Uhr morgens bis kurz vor vier am Nachmittag.

Sie arbeiten auf der Kinderintensivstation. Wie anstrengend ist das?
Der Job ist teilweise körperlich anstrengend. Die grössere Herausforderung ist aber sicher, psychisch mit den jeweiligen Schicksale der Kinder und Familien umzugehen. Wir betreuen auf der Kinderintensivstation Patienten ab der 24. Schwangerschaftswoche bis hin zu 16 Jahren oder älter. Jedes Kind, das zu uns kommt, hat seine ganz eigene Geschichte. Wir versuchen die Eltern und Kinder so gut wie möglich zu betreuen. Was mich sehr beeindruckt, ist, dass man schon bei den ganz kleinen Kindern einen grossen Willen spürt.

Wie sehr braucht es da den Ausgleich, den Sie sich auch beim Velofahren holen?
Es ist schon sehr belastend, wenn es ein kleines Kind nicht über den Berg schafft. Da ist das Team ganz, ganz wichtig. Die Kollegen, die Ärztinnen und Ärzte und auch die Eltern. Man spricht viel miteinander. Beim Velofahren kann ich aber nochmals anders abschalten und den Kopf lüften.

Wie lange fahren Sie schon so ambitioniert?
Also eigentlich komme ich vom Triathlon. Mit dem Rennvelofahren habe ich erst dieses Jahr begonnen. Während des Lockdowns waren die Schwimmbäder geschlossen und es fanden auch keine Wettkämpfe statt. So habe ich mehr auf dem Velo trainiert. Das war schon immer eher meine Stärke – und jetzt mache ich hauptsächlich nur noch das.

Wie viel trainieren sie denn?
Zwischen 10 und 15 Stunden pro Woche.

Fährt man da noch «normal» Velo?
Ich komme mit dem Auto zur Arbeit. Fürs Training ist der Arbeitsweg nicht das richtige. Das Training ist sehr unterschiedlich und lässt sich nicht so gut auf dem Arbeitsweg machen.

Gibt es eine Situation aus Ihrem Berufsleben, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Mhm. Das schönste Erlebnis – das war noch während meiner Ausbildung – war eine Geburt. Es war eine ganz normale Geburt, hat drei-vier Stunden gedauert und plötzlich war das Kind da und wir waren einer mehr auf der Welt. Das hat mich enorm berührt. Ich hatte Tränen in den Augen. Das war wunderschön.

Und so wuchs dann der Wunsch weiter, mit Kindern zu arbeiten?
Genau – und heute bin ich in Chur und arbeite auf der Kinderintensivstation (lacht).

Weitere Informationen zu Kinder- und Jugendmedizin finden Sie unter www.ksgr.ch/kinder-jugendmedizin.

1 Kommentar
20.  Okt 2020

caviezel nadja

Erfrischender ,sympatischer Beitrag !
Herzliche Gratulation zum Bündnermeistertitel,starke Leistung.Würde mich freuen dir persöhnlich zu gratulieren.
Mit liebem Gruss.Nadja

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Christophe D'Onofrio
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