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Aus dem Spital
12.  Jul 2017

Neben dem Körper ist oft auch die Seele betroffen

Das Care Team leistet im Kantonsspital Graubünden wichtige Hilfe für Patienten und Angehörige.

Von Michèle Albertin

Kantonsspital Graubünden Hauptstandort

Im Spital gibt es viele kritische Situationen, in den Patienten und Angehörige
Unterstützung durch das Care Team helfen kann.

Im Kantonsspital Graubünden geraten Patienten und Angehörige oftmals in schwierige, schier unüberwindbare Situationen. In diesen leistet das hauseigene Care Team wichtige Unterstützung.

Ein schwerer Unfall, ein Todesfall und andere schwerwiegende Ereignisse sind anspruchsvoll zu bewältigen und können Menschen aus der Bahn werfen. In den Sommermonaten erlebt das Kantonsspital Graubünden solche Situationen häufig im Zusammenhang mit schweren Unfällen; Menschen verletzten sich bei der Ausübung von Sportarten wie dem Gleitschirmfliegen, Downhill biken und Bergsteigen. Daneben gibt es aber auch vermehrt Unfälle auf den dicht befahrenen Strassen. Dabei ziehen sich die Betroffenen nicht selten tödliche oder sehr schwere Verletzungen zu und müssen ins Kantonsspital Graubünden gebracht werden.

«Bei so schweren Unfällen ist nicht nur der Körper, sondern auch die Seele verletzt», erklärt Susanna Meyer Kunz, Leiterin des Care Teams des Kantonsspitals Graubünden. «Es ist deswegen wichtig, dass wir in diesen Situationen auch der Seele Rechnung tragen.» Das Care Team des Kantonsspitals Graubünden unterstützt Patienten, Angehörige und auch Mitarbeiter dabei, mit diesen belastenden Ereignissen umzugehen. Diese Begleitung in der Phase des Spitalaufenthalts ist wichtig, um späteren posttraumatischen Belastungsstörungen vorzubeugen.

«Die Angehörigen sind in einem Spannungsfeld.»

Besprechungszimmer auf der Intensivstation (IPS) für Gespräche mit Ärzten oder Care Givern

Im Besprechungszimmer auf der Intensivstation werden die Gespräche mit den Ärzten
oder  den Care Givern geführt.

Auch die Familie von Martina H. * (Name von der Redaktion geändert) hat die Unterstützung vom Care Team beansprucht. Sie war mit einer Kollegin auf der Lenzerheide in den Ferien und ist bei einer Downhill-Abfahrt schwer verunglückt und zog sich bei dem Unfall eine Kopfverletzung und mehrere Knochenbrüche zu. Martina wurde ins Kantonsspital Graubünden eingeliefert, musste dort sofort operiert werden und wurde für einige Zeit ins künstliche Koma versetzt. Ihr Zustand war kritisch und es war nicht klar, ob sie den Unfall überhaupt überleben würde.

Rasch reisten die betroffenen Angehörigen an. Bereits auf der Notfallstation wurde für sie das Care Team aufgeboten, das täglich einen 24-Stunden-Dienst für das Kantonsspital Graubünden leistet. Meyer Kunz übernahm die Betreuung der Angehörigen und traf bereits eine halbe Stunde nach deren Eintreffen zum ersten Mal auf die Angehörigen. «Bei diesen ersten Kontakten geht es vor allem darum, mit den Betroffenen die Situation wahrzunehmen und zu schauen, was sie brauchen», beschreibt Meyer Kunz ihre Arbeit. Die Angehörigen befinden sich in einem Spannungsfeld zwischen Angst und Hoffnung und müssen damit für längere Zeit zurechtkommen. In dieser Phase werden die Familien von den Mitarbeitenden des Care Teams, den sogenannten Care-Givern, begleitet. «Wir nehmen mit den Angehörigen an Arztgesprächen teil und unterstützen sie in der Verarbeitung dieser vielen Informationen und der Unsicherheit», so Meyer Kunz. «Wir leiten parallel dazu auch ganz praktische notwendige Schritte ein», erzählt die erfahrene Seelsorgerin und Notfallpsychologin weiter. Dazu gehört dann beispielsweise die Kontaktaufnahme mit weiteren Personen, die informiert werden müssen. Oder auch die Unterstützung bei der Organisation von Übernachtungsmöglichkeiten, Besuchseinheiten bei Patienten und Anwesenheiten werden geklärt und es wird auch besprochen, wie sich die Angehörigen von ihren übrigen Pflichten befreien können, um die kritische Zeit bei den Patienten verbringen zu können.

«Man kommt auch auf Gefühle zu sprechen.»

Patienten und Angehörige, die das Care Team in Anspruch nehmen, sind oftmals orientierungslos und handlungsunfähig. In diesen Momenten braucht es dann ganz praktische Tipps in der Organisation und im Umgang mit den nächsten nötigen Schritten. «In dieser Phase arbeiten wir dann auch mit weiteren internen Diensten, wie beispielsweise dem Spital-Sozialdienst zusammen, um für Betroffene die Anwesenheit hier möglich zu machen und ihre offenen Fragen zu klären», meint Meyer Kunz.

In der Begleitung kommt man beim ersten Kontakt in der Regel auch auf die Gefühle zu sprechen, die durchlebt werden. Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf solche Ereignisse. Es kommen Trauer, Wut, Unverständnis, Schuld, Aggressivität und auch Apathie zum Ausdruck. Betroffene zeigen körperliche Reaktionen wie Schlafstörungen, Träume, Appetitlosigkeit und Kopfschmerzen. Diese Gefühle und Reaktionen werden in den Gesprächen mit den Care-Givern thematisiert und es werden Strategien besprochen und erarbeitet, wie sie auszuhalten sind und wie damit umgegangen werden kann.

Nach den Worten von Meyer Kunz haben Menschen in so schwierigen Situationen in der Regel ein grosses Sicherheitsbedürfnis und wünschen sich positive Prognosen. Im Spital müssen sie jedoch häufig mit unklaren Aussichten und vielen unsicheren Informationen umgehen. Umso wichtiger, dass sie dabei begleitet sind, regelmässige Standortgespräche erhalten und die Präsenz der Fachpersonen spüren.

Das Care Team steht rund um die Uhr bereit

Intensivstation (IPS) im Kantonsspital Graubünden

Auf der Intensivstation wird die Unterstützung durch die Care Givers häufig benötigt.

Bei der Begleitung durch die Care-Giver werden Betroffene auch über normale Reaktionen des Körpers, über Gefühle und Gedanken informiert, damit sie merken, dass ihr persönliches Erleben durchaus normal ist. Das Wissen, wie ein Körper oder eine Psyche auf Ereignisse und Einflüsse reagieren kann, hilft, besser damit zurechtzukommen.

In einem weiteren Schritt werden Strategien erarbeitet, die Patienten und Angehörigen helfen, wieder die Kontrolle über den Körper zu erlangen. «Wie gehe ich mit den Gefühlen oder der Unsicherheit um, welche Strategien helfen zur Beruhigung und wie kann ich diese Phase bewältigen?», schildert Meyer Kunz diese Zeit.

Die Intensität oder Häufigkeit der Begleitungen ist vom Bedarf abhängig. Es gibt Patienten oder Angehörige, die über Stunden begleitet werden und mehrere Gespräche mit den Care-Givern führen. Es können aber auch nur kurze, einmalige Kontakte sein. Wie Meyer Kunz weiter erläutert, führt das Care Team bei den Patienten, Angehörigen und auch Mitarbeitern eine sogenannte psychologische Erstversorgung durch. In den ersten drei bis vier Wochen können belastende Reaktionen völlig normal sein. Wenn sie andauern, braucht es weiterführende psychologische, seelsorgerliche oder traumatherapeutische Behandlungen.

Bei Martina H. zeigte sich die Unterstützung durch das Care Team positiv. Die Familie hat davon profitiert und auch Martina hat im Verlauf ihres Aufenthalts die Begleitung durch das Care Team beansprucht, um die Ereignisse und die lange Spital-Phase zu bewältigen. Sie konnte nach einigen Tagen aus dem künstlichen Koma geholt und auf die chirurgische Abteilung verlegt werden. Dort musste sie sich noch einigen Eingriffen und diversen Therapieeinheiten unterziehen, bevor sie dann heimatnah in eine Reha-Klinik entlassen werden konnte. In der Zwischenzeit konnte sie sich von den schweren Verletzungen erholen.

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Susanna Meyer Kunz
Ansprechpartner

Susanna Meyer Kunz

Leiterin Care Team

Tel.+41 81 256 68 14

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