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Aus dem Spital
19.  Jul 2018

Das KSGR als Digital-Pionier

Anamnese

Eine Pflegefachfrau (rechts) erklärt der Patientin das Anamnese-Tool.

Wer sich kennt, kann besser miteinander kommunizieren und interagieren. Was in Privat- und Berufsleben gilt, hat auch beim Arzt seine Gültigkeit. Bei medizinischen Behandlungen ist es für ein Spital und dessen Personal sehr wichtig, den Patienten, seine Krankengeschichte und den Grund für seinen Besuch im Spital zu kennen. Auf der Notfallstation des Kantonsspitals Graubünden (KSGR) findet dies seit einiger Zeit digital statt.

Je mehr das medizinische Personal über den Patienten weiss, desto besser kann ihm geholfen werden. Das Kennenlernen von Patienten nennt man Anamnese. Der Begriff Anamnese stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Erinnerung – und genau das ist der Zweck der ärztlichen Anamnese: das Erinnern an alle wesentlichen Informationen aus dem bisherigen Patientenleben.

Im KSGR hat im Bereich Anamnese die Digitalisierung Einzug gehalten. Heute werden auf der Notfallstation des KSGR alle relevanten Daten digital erfasst und verarbeitet. Das spart Zeit, verhindert Fehler und sorgt damit für mehr Patientensicherheit.

Beispiel Sportunfall

Nehmen wir als Beispiel einen Sportunfall: Der Patient kommt mit einem schmerzenden Knöchel zum Arzt. Der Patient erzählt dem Arzt, wie es dazu gekommen ist. War es ein Misstritt oder ist ihm jemand auf den Fuss getreten? Ist der Schmerz schleichend oder plötzlich aufgetreten? Hatte er früher bereits Schwierigkeiten mit dem Fuss oder wurde er vielleicht schon einmal am Fuss operiert? Diese und weitere Fragen helfen dem Arzt, das Problem einzugrenzen und die richtige Behandlung zu bestimmen.

Systematische Herangehensweise

«In der Anamnese werden systematisch Fragen beantwortet, die dem Arzt Aufschluss über den Patienten, sein akutes Leiden und seine medizinische Vorgeschichte geben» erklärt Dr. med. Thomas S. Müller, Chefarzt Zentrale Notfallstation des KSGR. Die Anamnese ist die wesentliche Grundlage für das Stellen einer Diagnose und entsprechend von grosser Bedeutung für die Behandlung. Kann der Patient nicht selber Auskunft geben, weil er vielleicht nicht ansprechbar ist, kommen Angehörige, Personen aus seinem Umfeld und natürlich auch der Hausarzt zum Zug. Sie alle tragen in solchen Fällen zur Anamnese bei und können dadurch beste Voraussetzung für die Behandlung des Patienten liefern.

Viele Fragen führen zum Ziel

Anamnese

Digitalisierte Version der Anamnese

Früher fand die Anamnese hauptsächlich in Gesprächen und vor allem mittels offener Fragen und gegebenenfalls konkreter Nachfragen statt und wurde auf Papier festgehalten. Danach wurden die Notizen am PC erfasst. «Bei jedem Arzt- oder Abteilungswechsel muss die Anamnese mit dem Patienten mitgeliefert werden» ergänzt Müller. Dennoch kam es natürlich vor, dass ein Patient seine Geschichte mehrfach erzählen musste. Zuerst dem Pfleger, dann der Ärztin und bei einem allfälligen Arztwechsel dem nächsten Arzt. Das ist verständlich, da jeder, der mit dem Patienten zu tun hat, aus seinem fachlichen Blickwinkel einen Teil der Anamnese wiederholt, um ein möglichst genaues Bild zu erhalten. Für Patienten kann es jedoch ermüdend sein, wenn sie ihre Geschichte zum dritten oder vierten Mal erzählen müssen.

Ebenfalls in digitaler Form ist die von der Pflege durchgeführte Triage. Die Triage ist die Beurteilung der Dringlichkeit der Behandlung anhand der Beschwerden der Patienten.
Der Patient wird von der Pflege bezüglich seiner Leiden gezielt befragt. Die Antworten werden mit wenigen Klicks im Anamnese-Tool eingegeben. Der sich daraus ergebende Fliesstext wird in der Krankengeschichte des Patienten abgebildet.

Idee zur Digitalisierung durch Studierende

Vor einigen Jahren haben sich ein paar Medizin-Studierende, die damals im KSGR arbeiteten, Überlegungen gemacht, wie die Anamnese effizienter und sicherer gemacht werden könnte. Sie gründeten ein Start-Up und begannen mit der Programmierung eines Anamnese-Tools. Ziel war ein Hilfsmittel, das es Patienten erlaubt, einen Teil der Anamnese selbständig bereits im Wartezimmer zu erledigen. Das KSGR kam in der Entwicklung relativ früh als Partner hinzu und half mit, das Tool zu optimieren. Vor zwei Jahren startete der Testbetrieb auf der Notfallstation des KSGR.

Seit sechs Monaten im Einsatz

Seit einem halben Jahr ist das Anamnese-Tool im KSGR operativ. Es funktioniert über einen Tablet-Computer. Beim Eintritt findet die Triage statt, in der bestimmt wird, wie dringlich ein Fall ist. Danach werden dem Patienten durch eine Pflegefachkraft weitere Fragen gestellt. Hat ein Patient die Triage und die ersten Fragen hinter sich gebracht, setzt er sich ins Wartezimmer und kann die Zeit dort effizient nutzen, um weitere Fragen zu sich, seinem Fall und seiner Krankheitsgeschichte auf dem Tablet zu beantworten. «Zu Wartezeiten in der Behandlung kommt es auf einer Notfallstation immer» erklärt Dr. Müller. «Eine Notfallstation ohne Wartezeiten ist eine Notfallstation ohne Patienten.» Während dieser Wartezeiten kann der Patient aktiv zum Anamnese-Prozess beitragen.

Informationsgleichstand für alle

Der Fragebogen passt sich automatisch an. Nehmen wir das Beispiel Sportunfall mit Schmerzen im Fuss wieder auf: «Wahrscheinlich hat die Mandeloperation von vor zwei Jahren keine Relevanz für diesen Fall. Entsprechend können weitere Fragen dazu wohl vernachlässigt werden.» Erklärt Dr. Müller. Die Antworten des Patienten fliessen in Echtzeit in einen Arztbericht ein, der im Informationssystem des KSGR abgelegt wird und für das medizinische Personal live verfügbar ist. «Ich als Arzt kann dann bereits vorinformiert auf den Patienten zugehen und weiss bereits, dass er sich beim Sport am Knöchel verletzt hat. Dadurch fühlt sich erstens der Patient ernst genommen und zweitens verfügen alle Menschen, die den Patienten behandeln, über die gleichen Informationen.»

Das KSGR als Pionier

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Anamnese-Tool im KSGR den Prozess vom Eintritt des Patienten bis zur Behandlung verkürzt. Der Patient sitzt nicht stundenlang gelangweilt im Wartezimmer und die erfassten Daten sind sehr schnell für alle relevanten Personen verfügbar. Dadurch konnten entsprechend Fehlerquellen ausgemerzt und damit die Patientensicherheit erhöht werden. Das Pionierteam setzt sich neben den beiden Erfindern aus verschiedenen Ärzten und Pflegenden der zentralen Notfallstation des KSGR zusammen. Bereits sind andere Spitäler auf das Tool aufmerksam geworden und besuchen das KSGR, um von den Erfahrungen aus Chur zu lernen. Wer weiss, vielleicht wurde in Chur der Grundstein zur digitalen Anamnese in Schweizer Spitälern gelegt.


Weitere Informationen zu der Zentralen Notfallstation finden Sie unter www.ksgr.ch/notfallstation.

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Ansprechpartner

Dr. med. 
Thomas S. Müller

Chefarzt Zentrale Notfallstation, Stv. Leiter Unfallchirurgie, Facharzt Chirurgie mit Schwerpunkt Allgemeinchirurgie und Traumatologie

Tel.+41 81 256 62 05

Fax.+41 81 256 66 94

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