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Aus dem Spital
06.  Feb 2019

«Die Vorstellung des Halbgottes in weiss ist überholt»

Tsogyal Latshang ist aufgewachsen in der Nähe von Thun. Seit drei Jahren arbeitet sie am Kantonsspital Graubünden. Erst als Leitende Ärztin, dann als Chefärztin Pneumologie. Davor war sie am Universitätsspital Zürich, wo sie die Ausbildung als Pneumologin und Schlafmedizinerin gemacht hat. Sie betreibt Forschung im Bereich Schlaf- und Höhenmedizin. Dabei geht es darum herauszufinden, wie die Höhe über Meeresspiegel einen Einfluss auf Atmung, körperliche Leistungsfähigkeit und Schlaf hat. Diese Forschung findet in Davos und Kirgistan statt.

Welche Klischee-Vorstellung des Arztberufs ist kompletter Unsinn?
Ich glaube, die Vorstellung des narzisstischen Halbgottes in weiss ist überholt. Früher galt das wohl noch – ich habe aber das Gefühl, die heutigen Ärzte sind viel nahbarer.

Warum sind Sie Ärztin geworden?
Ich fand es schon als Kind interessant, Menschen helfen zu können. Mit acht wusste ich, dass ich Ärztin werden wollte. Für die Spezialisierung auf Pneumologie und Schlafmedizin habe ich mich dann erst während des Studiums entschieden.

Wie schalten Sie vom Berufsalltag ab?
Wahrscheinlich kann man das nicht ganz. Überall, wo ich bin, entdecke ich typische Krankheitsbilder und vermute dann die Ursachen dahinter. Das ist wohl eine Berufskrankheit. Wahrscheinlich wird ein Maurer eine Mauer auch immer aus einer gewissen professionellen Perspektive betrachten. Wenn ich aber bewusst abschalten will, lese ich sehr gerne – zum Beispiel die Geschichten um Commissario Brunetti von Donna Leon. Ich treffe mich aber auch mit Freunden und wir diskutieren gemeinsam oder gehen aus.

Tsogyal Latshang bei der Höhenforshung in Kirgistan

Kennen Sie einen guten Arztwitz?
Oh, ich kann nicht so gut Witze erzählen. Aber den einen versuche ich wiederzugeben: Kommt ein Patient zum Arzt und beklagt sich über stille und geruchlose Blähungen. Der Arzt verschreibt ihm ein Medikament und bittet ihn darum, nach zwei Wochen wieder vorbeizukommen. Zwei Wochen später beklagt sich der Patient: «Herr Doktor, was haben Sie mir da gegeben? Die Blähungen sind immer noch da, jetzt stinken sie aber fürchterlich» darauf der Arzt: «Gut, jetzt haben wir uns um Ihre Nase gekümmert. Nun schauen wir, was mit Ihrem Gehör nicht stimmt.»

Wie oft werden Sie im privaten Umfeld um spontane Diagnosen gebeten?
Das passiert mir schon auch oft. Es ist aber oft schwierig. Zuviel Nähe ist bei einer Diagnose nicht nur hilfreich. Deshalb behandle ich auch nicht so gerne Familienmitglieder oder nahe Freunde. Es kommt auch vor, dass ich bei Anlässen meinen Beruf nicht erwähne, um nicht den ganzen Abend nach Diagnosen gefragt zu werden.

Was war Ihr schönstes Erlebnis als Ärztin?
Da gibt es natürlich viele. Eine Situation, an die ich mich jetzt spontan erinnere, war mit einem Patienten, der aufgrund starken Übergewichtes eine schwere Schlafapnoe hatte. Er kam massiv übermüdet und mit einer sehr schlechten Sauerstoffsättigung von ungefähr 75 Prozent im Körper zu uns. Der Normalwert liegt bei 90 Prozent und mehr. Der Patient konnte aufgrund seiner Schlafprobleme kaum noch am normalen alltäglichen Leben teilnehmen. Wir konnten ihm dann mit einer Schlafmaske helfen. Seine Situation hat sich so massiv verbessert, dass er wieder arbeiten konnte. Es macht grosse Freude, wenn man jemandem wieder zu einem normalen Leben verhelfen kann.

Tsogyal Latshang (rechts) im Kontakt mit Patienten in Kirgistan

Wie hat sich Ihr Beruf in den letzten zehn Jahren verändert?
Wir haben heute mehr und genauere Diagnostik. Nebst dem Röntgen kann man sich mittels Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomorgraphie (MRI) und anderen bildgebenden Methoden ein sehr genaues Bild vom Innern eines Patienten machen. Da brauchte es früher mehr klinische Erfahrung. Da gab es die guten «Kliniker», die mittels Abhorchen, Abklopfen und im Gespräch mit dem Patienten schon ziemlich genaue Diagnosen stellen konnten. Heute verlässt man sich mehr auf die Diagnostik, auch um die klinische Diagnose zu bestätigen.

Ist Dr. Google per se Unsinn?
Nun ja, man kann sich dadurch natürlich schon in eine Paranoia steigern. Ein Husten kann absolut harmlos, in anderen Fällen ein Anzeichen für eine schwere Erkrankung sein. Wichtig scheint mir, dass man sich nicht auf Google als Arzt verlässt, sondern immer noch das Gespräch mit seinem Hausarzt sucht. Es braucht seine Erfahrung und seine Ausbildung, um Symptome richtig bewerten zu können.

Was bietet Ihnen das KSGR, das andere Spitäler nicht bieten können?
Als Zentrumsspital hat das Kantonsspital Graubünden die Grösse, die es braucht, um speziellere und komplexere Erkrankungen zu behandeln. Gleichzeitig ist es aber auch klein genug, um den persönlichen Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen pflegen zu können. Den Spirit des Kantonsspitals Graubünden bemerkt man schon beim ersten Betreten. Hier arbeitet man interdisziplinär zusammen, um die bestmögliche Lösung für den Patienten zu finden. Das finde ich sehr toll. Mit dem Neubau kommen natürlich auch sehr tolle Möglichkeiten zur Weiterentwicklung. Auf gut Berndeutsch: «es fägt!» (lacht)

Tsogyal Latshang bei der Betreuung eines Patienten am KSGR

Was wünschen Sie sich von Ihren Patienten?
Sie sollen so bleiben, wie sie sind. (lacht). Nein, ehrlich: Ich wünsche mir, dass sie mehr Sorge zu sich selbst tragen. Es tut einem so weh im Herzen, wenn man einen vierzigjährigen Patienten hat, bei dem genetisch eigentlich alles in Ordnung ist, der aber seit Jahren mehrere Schachteln Zigaretten pro Tag raucht und sich nun wegen Lungenkrebs behandeln lassen muss.

Wie realistisch sind Ärzte-Serien im Fernsehen?
Zum Teil sind sie offenbar sehr gut beraten. Ich mag die Serie Scrubs sehr gerne. Medizinisch ist das natürlich nicht sehr realistisch, aber ich mag die Persönlichkeiten und die witzigen Geschichten und Situationen, die sie mit einander verbinden. Dr. House schaue ich mir hin und wieder auch an.

Wen bewundern Sie? Warum?
Da kommt mir spontan Professor Erich Russi in den Sinn, bei dem ich die Pneumologieausbildung am Universitätsspital Zürich gemacht habe und der ein sagenhafter Kliniker war. Er konnte mittels klinischer Diagnose schon so viel voraussagen und hat uns dieses Denken weitervermittelt. Ich habe enorm viel von Ihm gelernt.

Was Sie schon immer einmal sagen wollten: Frei nach Henry Ford: Wenn man immer nur das macht, was man kann, bleibt man immer nur das, was man schon ist.

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Ansprechpartner

PD Dr. med. 
Tsogyal Latshang

Chefärztin, Leiterin Pneumologie/Schlafmedizin

Tel.+41 81 256 63 51

Fax.+41 81 256 76 49

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