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Aus dem Spital
11.  Jul 2019

«Radioaktivität ist ein emotional besetztes Thema»

Dr. med. Stefan Kneifel ist Chefarzt Nuklearmedizin am Kantonsspital Graubünden (KSGR). Er ist in Bayern aufgewachsen, durch die Ausbildung in der Schweiz gelandet und auch wegen der Liebe nach Graubünden gekommen.

Herr Kneifel, was ist Ihre Aufgabe am KSGR?
Die Nuklearmedizin beschäftigt sich mit den radioaktiven Substanzen in der Medizin. Sei es in der Diagnostik oder in der therapeutischen Anwendung.

Wie funktioniert das?
Seit den Vierzigerjahren gibt es zum Beispiel die Radiojodtherapie beim Schilddrüsenkrebs. Damit können wir diesen Krebs sehr gezielt mit radioaktiven Substanzen bekämpfen.

Woher wissen diese Substanzen, wo sie im Körper hin sollen?
Sie selber wissen es nicht. Es sind bestimmte Stoffwechselwege, die wir ausnützen. Wir wissen, dass Schilddrüsenzellen viel mehr Jod aufnehmen als alle anderen Zellen. Wir geben also ein radioaktives Jodisotop und bestrahlen so gezielt Schilddrüsenzellen. Das funktioniert bei gutartigen Erkrankungen wie einer Schilddrüsenüberfunktion, aber auch bei bösartigen wie Schilddrüsenkrebs.

Und das funktioniert bei der Diagnostik und bei der Therapie?
Ja. Wir können entweder eine Substanz nehmen, die anzeigt oder eine die bekämpft.

Stefan Kneifel

Dr. med. Stefan Kneifel verbringt seine Freizeit gerne in der freien Natur.

Und in diesem Fall ist absolut sicher, dass keine Strahlung dahin kommt, wo sie nicht hin soll?
In jedem Fall prüfen wir vorher mit einer diagnostischen Untersuchung, wie die Verteilung der radioaktiven Substanz während der Therapie sein wird. Bei der Schilddrüsentherapie können beispielsweise die Speicheldrüsen auch etwas von dem Jod aufnehmen. Da müssen wir die Patienten darauf hinweisen, hin und wieder einen Zitronenschnitz oder ein Bonbon zu lutschen, damit sich die Speicheldrüsen entleeren und sozusagen durchgespült werden. Wir können aber mit dieser Form der Therapie viel gezielter behandeln, als wenn wir das von aussen durch Bestrahlung machen.

Wie gut wissen Ihre Patientinnen und Patienten über die Nuklearmedizin Bescheid?
Manche haben ein wenig Angst davor. Die Strahlenbelastung ist aber in vielen Fällen tiefer, als wenn man eine Röntgenuntersuchung macht. Einerseits ist ab und an Unsicherheit da, andererseits versprechen sich Leute manchmal auch zu viel von der Nuklearmedizin. Da müssen wir Aufklärungsarbeit leisten. Es ist Medizin und keine Zauberei.

Warum ist die Angst vor Radioaktivität so gross?
Radioaktivität ist ein emotional besetztes Thema. Dabei kommt Strahlung überall in der Natur vor. Oft wird die Gefahr überschätzt.

Gibt es Orte, wo sie unterschätzt wird?
Beim Thema Radon. Radon ist ein natürliches radioaktives Gas, das entsteht, wenn Uran zerfällt. Dieses findet sich im Untergrund. Oft ist das in Berggebieten der Fall. Nun gibt es überall alte Keller und Weinkeller, die einen Naturboden haben, wodurch das Radon in die Wohnräume gelangen kann. Radon ist krebserregend und nach dem Rauchen die zweithäufigste Ursache für Lungenkrebs. Dennoch wird es unterschätzt. Es ist eine unsichtbare Gefahr, die sich messen lässt und vor der man sich auch mit baulichen Massnahmen gut schützen kann. Ich denke, da könnte man mehr Aufklärungsarbeit leisten.

Stefan Kneifel

2009 ist Kneifel aus beruflichen und persönlichen Gründen in Graubünden gelandet.
Es gefällt ihm auch heute noch sehr gut hier.

Kommen wir zu Ihnen – wie sind Sie zur Medizin gekommen?
Während des Gymnasiums wollte ich eigentlich Altphilologe werden.

Was macht ein Altphilologe?
Der beschäftigt sich mit alten Sprachen, vor allem Latein und Altgriechisch.

Den Weg haben Sie dann aber offensichtlich nicht eingeschlagen.
Genau. Ich habe nach der Schule Zivildienst geleistet in einem Bezirkskrankenhaus in Oberbayern, nicht weit weg von München. Da hatte ich die ersten Einblicke in die Medizin. Ich fand das spannend und habe mir überlegt, dass ein Medizinstudium wohl einen abwechslungsreicheren zukünftigen Arbeitsalltag verspricht als die Altphilologie. Ausserdem bin ich davon ausgegangen, dass ich den Menschen als Arzt weniger auf die Nerven gehe, als ich dies als Lateinlehrer tun würde (lacht).

Und gute Lateinkenntnisse sind ja auch kein Nachteil, wenn man Medizin studieren will.
Ja. Pflicht war Latein zwar nicht mehr fürs Medizinstudium – aber hinderlich war es auch nicht.

Wie sind Sie dann bei der Nuklearmedizin gelandet?
Ich habe zuerst mit einer Doktorarbeit in der Onkologie begonnen. Da musste ich aber täglich stundenlang Zellen unter einem Mikroskop zählen. Das fand ich relativ rasch ziemlich öde. Ich sah dann am schwarzen Brett der Uni einen Aushang, auf dem es hiess: «Hacker suchen wir nicht – aber jemanden, der sich mit Computern auskennt.» Das hat mir sehr zugesagt, da ich mich damals wie heute ziemlich fürs Programmieren interessierte. Ich folgte also dem Aushang und landete so bei einer Doktorarbeit im Bereich Nuklearmedizin. Die zuständige Physikerin und ich verstanden uns sehr gut, so dass ich dort hängengeblieben bin.

Und sind auch heute noch zufrieden mit Ihrer Entscheidung?
Ja sehr. Die Nuklearmedizin ist sehr interdisziplinär. Wir haben mit vielen anderen Disziplinen zu tun, haben aber gleichzeitig auch unsere eigenen Patientinnen und Patienten, die wir über viele Jahre begleiten. Es ist ein sehr abwechslungsreiches Fach, das mir sehr viel Freude macht.

Wie sind Sie in der Schweiz gelandet?
An der Uni in München gab es die Regelung, dass man sein praktisches Jahr entweder in München machen musste oder ins Ausland gehen konnte. Ich wollte nach 27 Jahren in Bayern auch mal weg, und so bin ich dann am Universitätsspital in Zürich gelandet. 2003 bin ich von Zürich nach Basel ans Universitätsspital gegangen und habe dort als Oberarzt gearbeitet. In Graubünden bin ich dann 2009 aus mehreren Gründen gelandet: Am KSGR wollte man die Hybrid-Bildgebung aufbauen. Das hatte ich in Basel schon gemacht. Zudem bin ich schon zu der Zeit jedes Wochenende nach Disentis gependelt, da mein damaliger Partner von dort kam. Es hat also privat und beruflich sehr vieles gepasst.

Wo wohnen Sie denn heute?
Im Moment immer noch in Disentis, da hat der Wohnort die Beziehung überlebt. Mein heutiger Lebenspartner und ich sind aber im Moment daran, in Valendas zu bauen.

Warum Valendas?
Wir haben uns umgesehen nach einem Ort, wo wir eine Immobilie kaufen könnten. Valendas als Dorf hat uns sehr gut gefallen, sowohl von der Natur als auch von den Leuten her. Es gab aber gerade kein passendes Haus für uns. Dann habe ich mich erinnert, dass, als ich von Basel nach Graubünden wechselte, mich unser damaliger Controller fragte, ob er mir ein Grundstück in Valendas verkaufen könne. Ich konnte damals nicht so viel damit anfangen. Als wir uns dann entschieden, selber ein Haus zu bauen, habe ich mich an den Controller erinnert und mich bei ihm erkundigt, ober er das Grundstück noch habe. Er hatte – und so freuen wir uns aktuell auf das neue Haus!

Weitere Informationen zur Nuklearmedizin finden Sie unter www.ksgr.ch/nuklearmedizin.

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Stefan Kneifel

Chefarzt, FMH Nuklearmedizin

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