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Aus dem Spital
05.  Aug 2019

Ein Leben für die Handchirurgie – und die Berge

Silvia Schibli ist Stellvertretende Chefärztin für Handchirurgie am Kantonsspital Graubünden (KSGR). Neben ihrem Engagement am KSGR arbeitet sie auch am Paraplegikerzentrum in Nottwil. Die Begeisterung für ihre Arbeit wird – wenn überhaupt – nur übertroffen von ihrer Liebe zu den Bergen.

Warum sind sie Ärztin geworden?
Das war eigentlich schon immer mein Traumjob. Die Spezialisierung auf Handchirurgie war für mich auch relativ früh im Studium klar. Die Handchirurgie umfasst für mich extrem viele verschiedene Aspekte: Es ist Knochenchirurgie, es ist Mikrochirurgie an den ganz feinen Gefässen und Nerven, es ist Weichteilchirurgie an den Sehnen und Hautlappen. Während meines Wahlstudienjahres habe ich einen Einsatz in Afrika geleistet und dort einen Handchirurgen kennengelernt, der Eingriffe an Sehnen zur Rekonstruktion gelähmter Hände machte. Die Feinheit der Operationen hat mich damals fasziniert – und tut es auch heute noch.

Wie muss man sich so einen Eingriff vorstellen?
Man nimmt funktionierende Muskel-Sehneneinheiten und lenkt die Sehnen um, damit neue Funktionen entstehen. Wir haben zum Beispiel drei Sehnen, die unser Handgelenk strecken. Kann nun ein Patient seine Finger nicht mehr beugen, kann man eine dieser Sehnen auf die Fingerbeugesehnen umlenken. Diese Eingriffe nennt man Sehnentransfer.

Silvia Schibli beim Hilfseinsatz in Afrika

Silvia Schibli beim Hilfseinsatz in Afrika.

Wie sind Sie denn darauf gekommen, diesen Einsatz in Afrika zu machen?
Ich wollte schon immer mal im Ausland arbeiten, das war die erste Möglichkeit dazu.

Leisten Sie auch heute noch Arbeitseinsätze im Ausland?
Ja, ich war vor kurzem in Burkina Faso. Das war ein Einsatz mit Interplast, einer Organisation, die Handchirurgie und plastische Chirurgie in Entwicklungsländern ermöglicht. Ein guter Kollege von mir leitete den Einsatz und hat mich gefragt, ob ich mitkommen könne. Wir haben dort vor allem verbrannte Kinderhände rekonstruiert. Viele Kleinkinder stolpern in Feuerstellen und verbrennen sich ihre Hände. Da es keine richtige Versorgung gibt, verheilen die Hände in der Faustposition und durch die Narbenbildung können die Kinder dann ihre Finger nicht mehr bewegen.

Wie oft leisten Sie solche Einsätze?
Leider nicht allzu oft. Ich war vor einigen Jahren in Kambodscha, dann länger nicht mehr. Solche Einsätze müssen halt immer auch mit Beruf und Privatleben vereinbar sein.
Sie arbeiten seit 1998 am KSGR, wohnen Sie denn auch hier in der Gegend?
Das ist etwas kompliziert... In Chur habe ich eine Wohnung, aber eigentlich wohne ich in Lachen am Zürichsee, dort hat mein Mann eine Hausarztpraxis. Zusätzlich arbeite ich im Paraplegikerzentrum in Nottwil. Lachen liegt dann so ungefähr in der Mitte zwischen Chur und Nottwil.

Sie beide sind Ärzte, Ihr Mann hat eine Hausarztpraxis in Lachen, Sie arbeiten in Chur und Nottwil. Wie oft sehen Sie sich?
Also diese Woche habe ich ihn noch nicht gesehen. Wenn ich hier in Chur bin, arbeite ich oft bis spät abends und bleibe dann in Chur. Nach Nottwil pendle ich von Lachen.

Ist das nicht schwierig für eine Beziehung?
Man muss sich Inseln schaffen. Für meinen Mann und mich sind die Zeiten, in denen wir gemeinsam in die Berge können, extrem wichtig. An den Wochenenden und in den Ferien grenzen wir uns dann ganz bewusst vom Arbeitsalltag ab.

Zurück zum beruflichen: Inwiefern spielt die Handchirurgie eine Rolle im Paraplegikerzentrum?
Es geht auch dort um die Sehnentransfers. Dieses kleine Fachgebiet nennt sich Tetra-Handchirurgie und damit befassen sich weltweit nur wenige Handchirurgen. Bei Tetraplegikern, die an allen vier Extremitäten gelähmt sind, können wir durch Sehnentransfers gewisse Funktionen in den Händen wiederherstellen. Das gibt keine voll funktionsfähige, normale Hand, aber für die Betroffenen ist bereits eine einfache Greiffunktion ein grosser Gewinn an Selbständigkeit.

Wie sind Sie denn dazu gekommen?
Da mich das Thema der Rekonstruktionsmöglichkeiten durch Sehnentransfers schon immer sehr fasziniert hat, habe ich mich stets damit befasst. Es gibt einen sehr aktiven schwedischen Tetra-Handchirurgen, der seit einiger Zeit in Nottwil arbeitet. Ich habe ihn in Nottwil und Schweden besucht. So ist der Kontakt entstanden. Als er sein Team in Nottwil vergrössern wollte, hat er mich angefragt. Dieses Angebot der Tetra-Handchirurgie gibt es weltweit nur an wenigen Zentren und das Paraplegikerzentrum Nottwil ist eines davon.

Wie hat sich Ihr Beruf verändert, seitdem Sie ihn ausüben?
Es gibt zwei Aspekte: Einmal ist da das Fachliche. Je mehr ich mich in mein Fachgebiet vertiefe, desto mehr Aspekte kommen zum Vorschein – es wird immer komplexer. Das ist enorm spannend und heisst auch, dass ich permanent am Ball bleiben muss. Der andere Punkt ist die Wahrnehmung von Ärzten in der Gesellschaft. Wir Ärzte, nicht nur die Chirurgen, werden alleine für das Kostenwachstum in der Gesundheitsbranche verantwortlich gemacht. Wir haben ein sehr gutes Gesundheitswesen und mit den steigenden Ansprüchen wachsen auch die Kosten. Die Schuld dafür wird im Allgemeinen dann den Ärzten angelastet, die aber nur ein Teil eines riesigen Gesamtsystems sind.

Silvia Schibli am Hang des Ranrapalca in Peru

Sie sitzen vor einem Wandkalender. Auf dem Bild sieht man eine Person auf einer Skitour – eines Ihrer Hobbies?
Ja – das bin ich auf dem Weg zum Hausstock in Glarus. Die Berge spielen eine enorm grosse Rolle in meinem Leben. Im Winter machen wir Skitouren, im Sommer Hochtouren oder sind mit dem Bike unterwegs.

Also hauptsächlich in den Alpen?
Nicht nur – wir bereiten uns gerade wieder auf eine Reise nach Peru vor. Die Cordillera Blanca in den nördlichen Anden gefällt mir sehr. Die meisten Gipfel sind da zwischen 5000 und 6500 Meter hoch. Wir sind meist zu dritt unterwegs, manchmal tagelang weit weg von der Zivilisation. Wenn da etwas passiert, dauert es sehr lange, bis man Hilfe erhält – wenn man überhaupt jemanden benachrichtigen kann. Und dennoch: Die Faszination dieser Berge ist so gross, dass es mich immer wieder dahin zieht.

Gab es denn schon wirklich brenzlige Situationen?
Das gab es – bei uns und vor allem haben wir schon Unfälle anderer Seilschaften miterlebt. Da kommt man schon etwas ins Nachdenken.

Der Alpamayo in Peru

Der Alpamayo in Peru. (alle Bilder: Sivia Schibli)

Wie oft gehen Sie denn auf solch grosse Touren?
Wir versuchen, alle zwei bis drei Jahre zum Bergsteigen ins Ausland zu gehen. Das braucht aber jeweils viel Vorbereitungszeit und Training. Sonst sind wir im Winter wie im Sommer möglichst jedes dienstfreie Wochenende in den Bergen unterwegs. Am liebsten abseits der grossen Massen.

Ihr Lieblingsberg?
Ganz klar der Alpamayo in Peru. Seine Form ist wunderschön. Er hat sogenannte Riffelwände, die nur bei Bergen nahe am Äquator durch die senkrechte Sonneneinstrahlung entstehen. Das Tolle ist, dass man mehrere Tage auf den Berg zu läuft, bevor man mit dem Gipfelaufstieg beginnt.
Waren Sie und Ihr Mann schon Berggänger, bevor Sie sich kennengelernt haben?
Ich bin schon als Kind sehr gerne in die Berge gegangen. Bei meinem Mann ist diese Leidenschaft etwas später erwacht. Aber seit wir uns kennen, gehen wir gemeinsam in die Berge.


Weitere Informationen zur Handchirurgie am KSGR finden Sie auf: www.ksgr.ch/handchirurgie.

1 Kommentar
05.  Aug 2019

Roger Plattner

Da kann ich nur zustimmen, dass Fr.Dr.Schibli eine grossartige Ärztin ist.. dank Ihr und Ihrem Team hab ich meine Hand nach vielen Operationen behalten können.. ich wünsche ihr auf diesem Weg alles Gute für die Zukunft und viel Freude, Glück und schöne Momente in ihren geliebten Bergen

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Ansprechpartner

Dr. med. 
Silvia Schibli

Stv. Chefärztin, Fachärztin FMH Chirurgie und Handchirurgie

Tel.+41 81 256 62 22

Fax.+41 81 256 66 60

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