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Aus dem Spital
08.  Mrz 2019

«Es gibt Dinge, die können wir in Ordnung bringen – andere nicht»

Ivan Broger ist Co-Chefarzt Orthopädie am Kantonsspital Graubünden. Seine Spezialgebiete sind Eingriffe an der Wirbelsäule und an den unteren Extremitäten wie Hüfte oder Knie. Aufgewachsen ist er in der Ostschweiz und hat das Gymnasium in St.Gallen besucht, bevor er sein Medizinstudium in Zürich absolviert hat.

Welches Bild, das die Öffentlichkeit von Ärzten hat, ist Ihrer Meinung nach falsch?
Ich glaube, die Wahrnehmung des Arztberufes hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Wo Ärzte früher fast als unfehlbare und allwissende Wunderheiler gesehen wurden, sehen sie sich heute mit ausgeprägter Kritik konfrontiert. In der medialen Berichterstattung ist das Licht, das auf Ärzte geworfen wird, manchmal auch sehr düster. Da wird auch mal von Abzocker-Ärzten gesprochen. Das Bild des Arztes hat einen starken Wandel mitgemacht.

Nur zum Negativen?
Nicht nur. Ich bemerke einfach auch im privaten Umfeld, dass die Wahrnehmung des Arztes eine andere ist, als vor zehn, fünfzehn Jahren. Das wird Bankangestellten wohl ähnlich gehen. In der Berichterstattung werden oft die Saläre besprochen. Was die breite Masse dabei ausser Acht zu lassen scheint, sind der Einsatz und die überdurchschnittlichen Arbeitsstunden, die Ärzte tagtäglich leisten. Das ist kein Nine-to-five-Job. Der Arbeitsfluss in einem öffentlichen Spital richtet sich nicht nach den Arbeitszeiten des Arztes. Der Notfall passiert, wann er passiert. Das hat einen direkten Einfluss auf die Arbeitszeit und damit auch auf das Privat- und Familienleben, die dann hinten anzustehen haben.

Ivan Broger

Dr. med. nutzt Freiräume gezielt für sportliche Aktivitäten...

Wann wussten Sie, dass Sie Arzt werden möchten?
Das war gegen Ende des Gymnasiums. Als Gymnasiast in St.Gallen liegt natürlich ein Wirtschaftsstudium an der Universität St.Gallen relativ nahe. Viele meiner damaligen Klassenkameraden haben dann auch an der Uni SG studiert. Ich interessierte mich mehr für Naturwissenschaften und ging den Weg des Medizinstudiums. Es war aber nicht so, dass ich schon als Kind die Berufung zum Arzt in mir gespürt hätte.

Sie haben die mitunter sehr langen Arbeitstage erwähnt. Wo holen Sie sich den nötigen Ausgleich?
In der Familie und im Sport. Für viel mehr anderes gibt es kaum Zeit. Wie viele meiner Kollegen lege ich einige meiner Freizeit-Aktivitäten in den frühen Morgen. Laufsport kann ich ohne grosse Infrastruktur betreiben – auch zu Randzeiten. Sehr gut erholen kann ich mich auch, wenn ich Zeit mit meiner Familie, also mit Frau und Kindern, verbringe.

Apropos Familie: Werden auch Sie als Arzt oft im Privaten um Diagnosen gebeten?
Ja, oft. Das letzte Mal an Weihnachten. Derjenige hat jetzt ein neues Hüftgelenk (lacht). Das passiert einfach. Früher hat mich das irgendwie gestört. Ich empfand es als eine Art Eingriff in mein Privatleben. Heute sehe ich das anders und habe auch keine Mühe damit. Mein Schwiegervater war Hausarzt und mittlerweile sind wir das medizinische Beratungsduo in der Familie.

Haben sich die Fragen der Patienten verändert seitdem Sie praktizieren?
Ich merke immer wieder, dass die Vorstellung davon, was nach einer medizinischen Behandlung als Endergebnis resultiert, zwischen Arzt und Patienten oft sehr unterschiedlich ist. Entsprechend muss man als Arzt auch die eigene Kommunikation anpassen. Es ist einfach utopisch, wenn ein Patient mit einer schweren Abnützung des Rückens das Gefühl hat, er könne nach dem Besuch des Spitals wieder schwere körperliche Arbeit verrichten. Es gibt Dinge, die können wir reparieren. Andere nicht – und wenn das so ist, müssen wir das klipp und klar kommunizieren. Sonst gehen Patient und Arzt von unterschiedlichen Voraussetzungen aus. Diese Fähigkeit zur klaren Kommunikation müssen wir auch den jungen Assistenzärztinnen und -ärzten in Aus- und Weiterbildung vermitteln.

Ivan Broger

...um im Arbeitsalltag stets sein Bestes geben zu können.

Ist die Überinformation der Patienten allenfalls ein Grund für ab und an utopische Erfolgs-Vorstellungen?
Die mediale Informationsflut hat in den letzten Jahren drastisch zugenommen. Die Fähigkeit zur Verarbeitung und zum Filtern dieser Informationen steht dazu in krasser Diskrepanz. Man braucht heute manchmal viel Zeit dafür, jemandem zu erklären, warum der Heilungsweg, den er im Internet gefunden hat, für seine individuelle Situation leider nicht funktioniert. Es ist auch für uns Ärzte nicht immer einfach, die guten von den weniger guten Publikationen zu unterscheiden. Wenn es für den Mediziner schon nicht einfach ist – wie komplex ist es dann erst für einen Laien?

Ist die veränderte und kritischere Erwartungshaltung an die Medizin die grösste Veränderung der vergangenen Jahre in Ihrem Job?
Ja schon. Wenn ich mir überlege, dass es früher, ab einem gewissen Altersspektrum der Patienten, keine neuen Kniegelenke mehr gab, dann ist das schon krass. Das kann man heute nicht mehr machen – und das ist auch gut so. Damit einher geht aber eben auch die gesteigerte Erwartungshaltung. Menschen wollen heute nicht mehr umgehen müssen mit schicksalshaften Einschränkungen. Früher hat man das Verhalten verändert. Heute will man das Problem auf Knopfdruck lösen. Das geht oft einfach nicht – aus rein körperlichen Gründen. Der Mensch ist keine Maschine. Wenn dann ein Problem nicht zu 100% gelöst werden kann, sind die Menschen unter Umständen enttäuscht und unzufrieden. Das macht unseren Beruf nicht einfacher.

Wünschen Sie sich denn eine tiefere Erwartungshaltung seitens Patienten?
Nein – das kann ich wohl auch nicht beeinflussen. Ich denke aber, dass die Interaktion zwischen Arzt und Patienten deshalb sehr wichtig ist. Was nicht passieren darf, ist ein imperatives Vorgeben von Lösungsansätzen. Das war vielleicht früher so, geht aber heute nicht mehr. Weder von Seite Arzt noch von der Seite des Patienten. In der Interaktion, in der Sprechstunde muss ein gemeinsamer Weg gefunden werden. Unabhängig vom medizinischen Fachgebiet. Das ist letztlich auch ein sehr spannender Teil unserer Arbeit, der von Anfang an in den Behandlungsprozess integriert werden muss. Auch wenn das bedeutet, dass man verklärte Vorstellungen in sich zusammenbrechen lassen muss. Man muss dann aber auch erklären, warum eine solche Vorstellung so nicht eintreffen kann und wird.

Was schätzen Sie am KSGR besonders?
Es geht uns sehr gut mit unseren Patienten. Wenn man an einem anderen, vielleicht grösseren Spital im städtischen Umfeld gearbeitet hat, merkt man, dass die Menschen hier irgendwie zufriedener und möglicherweise auch bodenständiger sind. Sie kommen erst zu uns, wenn die Beschwerden wirklich gross sind. Das ist manchmal schon fast zu spät. Man sieht hier Arthrose-Bilder, die man in einer grösseren Stadt nie sehen würde. Hier wird keine Lifestyle- oder Konsum-Medizin betrieben.

Gibt es jemanden, den Sie bewundern?
Professor Fritz Magerl, der einen interessanten Werdegang gemacht hat und den ich aus der Ausbildung und persönlich kenne. Er war ursprünglich in der Anatomie zuhause und ist danach in die Chirurgie und Orthopädie gewechselt. Durch sein tiefes anatomisches Wissen hatte er neue Ideen in der Behandlung von Frakturen. Er ist einer dieser «alten Koryphäen», die in der Aufbruch-Phase der orthopädischen Chirurgie Ideen und Lösungsansätze entwickelt haben, die ich beeindruckend finde.

Weitere Informationen zur Orthopädie finden Sie unter www.ksgr.ch/orthopaedie

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Ansprechpartner

Dr. med. 
Ivan Broger

Co-Chefarzt Orthopädie, Facharzt FMH für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates

Tel.+41 81 256 68 88

Fax.+41 81 256 66 62

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