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Aus dem Spital
05.  Dez 2019

«Schwerverletzte Skifahrer gab es auch vor 50 Jahren schon»

Christoph Sommer ist Chefarzt der Unfall- und Allgemeinchirurgie und seit 30 Jahren am Kantonsspital Graubünden tätig. Sein Vater war Hausarzt in Malans und Thal, was für Christoph Sommer mit ein Grund war, Medizin zu studieren – auch wenn er eigentlich erst Forstingenieur werden wollte.

Wie sind Sie zur Unfallchirurgie gekommen?
Mein Medizinstudium war vielleicht etwas eine Verlegenheitslösung. Mein Vater ist Mediziner und war Hausarzt in Malans und in Thal im Kanton St. Gallen. Meine älteren Geschwister haben sich nicht für die Medizin entschieden. Mein Vater hätte aber gerne einen Nachfolger für seine Praxis gehabt. Ich habe die Matura gemacht und bin danach ein Jahr ins Militär. Eigentlich wäre ich danach gerne Forstingenieur geworden. Damals gab es da aber jährlich etwa 70 Abgänger und zwei freie Stellen. Ich war der Medizin gegenüber nicht abgeneigt und so habe ich mich dafür entschieden.

Mit dem Plan die väterliche Praxis zu übernehmen?
Vorerst schon. Ich habe in Fribourg und Zürich studiert und mich danach für eine Assistentenstelle beworben. Die habe ich in der Pathologie gefunden und danach in der Inneren Medizin – und jeder der Bereiche hat mir gefallen. Ich wäre also mal fast Pathologe geworden, dann Internist und Kardiologe. Als ich dann in Rorschach auf die Chirurgie kam, hat mich mein Chef dort für die Chirurgie motiviert. Es gefiel mir gut. Ich sagte zu, unter der Bedingung, dass ich innert vernünftiger Frist eine Ausbildungsstelle bekomme, da ich bereits zwei Kinder hatte und das dritte unterwegs war. Ich wollte nach Chur, alternativ nach St. Gallen. In Chur habe ich die Stelle bekommen, musste aber einen Monat nach Zusage anfangen.

Wo wohnten Sie da?
In Thal. Wir haben dann einen Kompromiss gefunden und ich habe zwei Monate Zeit gefunden, um mit meiner jungen Familie nach Graubünden zu ziehen. Das war im Herbst 1989. Danach stand meinem Facharzt Chirurgie eigentlich nichts mehr im Wege. Ich machte meine Ausbildung und in deren Rahmen kam ich nach London in ein öffentliches Spital. Da machte ich hauptsächlich Bauch- und Gefässchirurgie. Ich kam als einer von drei Oberärzten zurück nach Chur. Meine beiden Kollegen waren bereits auf Viszeral- respektive Gefässchirurgie eingespurt. So blieb das Trauma übrig und das war mir auch recht. Ich wollte aber meine Patienten, die ich als Oberarzt betreute, in den beiden anderen Bereichen auch operieren. Mit der Zeit spezialisierte ich mich dann immer mehr in der Traumatologie.

Dr. Sommer

Heute sind Sie eine Koryphäe in Ihrem Bereich. Es kommen Menschen aus der ganzen Welt, um bei Ihnen zu lernen. Wie kommen die zu Ihnen?
Vieles geht über die AO-Foundation. Die Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen wurde vor rund 60 Jahren gegründet, von ein paar Schweizer Chirurgen und Orthopäden. Man wollte die Knochenheilung und die Behandlung von Knochen erforschen, Implantate entwickeln und die Disziplin voranbringen. Die AO ist gewachsen und gewachsen und in den 80ern wurde daraus die AO-Foundation. Mittlerweile ist das eine grosse internationale Organisation, die viele Schulungen macht. Ich bin da als Referent und Instruktor tätig und profitiere selbst auch sehr davon und von den neuen Ideen. Ich gebe ungefähr vier Kurse pro Jahr. Neben dem Kurswesen gibt es in der AO die Technische Kommission, die neue Implantate und Techniken entwickelt. Dort leite ich eine Gruppe von zehn Experten aus aller Welt.

Sie haben hier am KSGR viel zu tun und engagieren sich zusätzlich für die AO-Foundation. Wie finden Sie Zeit, abzuschalten?
Das geht eigentlich recht gut, wenn ich das Spital verlasse. Klar macht man zuhause oder auswärts meist auch noch was fürs Spital via Computer, aber ich kann trotzdem gut abschalten.

Wie wichtig ist das?
Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als auch mal 100-Stunden-Wochen vorkamen. Heute ist das nicht mehr so – zumindest in der Schweiz. Mir hat das nicht so viel ausgemacht. Die Familie hatte aber natürlich keine grosse Freude daran, wenn ich oft weg war. Je älter man wird, merkt man aber schon, dass eine durchgearbeitete Nacht mehr anhängt, als das früher noch der Fall war.

Dr. Sommer beim Klettern mit Familie

Wie erholen Sie sich? 
Mit der Familie, im Haus und im Garten. Ich bin zu Fuss in drei Minuten vom Spital aus zuhause. Ich muss diese Zeit für die Familie schon haben. Glücklicherweise hat die ganze Familie mit dem Klettern ein gemeinsames Hobby. Meine Kinder sind im regionalen Kletterkader und eine Tochter in der Jugend-Nationalmannschaft. 

Wer hat das Klettern in die Familie gebracht?
Das war ich. Mein Grossvater war Alpinist und meine Mutter eine passionierte Wanderin. Ich habe während der Kanti mit dem Klettern begonnen. Damals eher als Alpinist mit Berg- und Skitouren, Eisklettern et cetera. Heute ist es ausschliesslich das Bouldern und Sportklettern. Das ist familientauglicher und sicherer.

Das Kantonsspital Graubünden wird von der Rega, nach dem Inselspital in Bern, am zweithäufigsten angeflogen. 2018 waren es rund 840 Anflüge. Haben sich die Verletzungen der Leute verändert?
Es sind neue Verletzungsformen hinzugekommen durch neue Sportarten und Anpassungen in den Sportarten. Beispielsweise gab es beim Skifahren vor 30 Jahren weniger präparierte Pisten. Heute sind das ja beinahe Autobahnen. Früher hatte man weicheren Schnee und Buckelpisten. Da war eine der klassischen Verletzungen ein Unterschenkel-Drehbruch oberhalb des Skischuhs. Diesen Bruch gibt es heute kaum noch. Heute sind es eher komplexere Kniegelenksbrüche. Schwerverletzte Skifahrer gab es aber auch vor 50 Jahren schon. Wenn man damals mit 50 Stundenkilometern in einen Baum fuhr, war das nicht anders, als wenn das heute passiert. Mittlerweile haben wir aber auch im Sommer mehr Verletzungen, unter anderem durch das Aufkommen der Downhillbiker. Es läuft heute im Sommer mehr als früher. Es gibt Tage, da ist beinahe jeder zweite Fall auf der Station ein Bike-Unfall. Entsprechend legen wir die planbaren Eingriffe wie Metallentfernungen et cetera auf die Zwischensaison. Im Sommer und Winter haben wir kaum Zeit dafür.

Wünschen Sie sich mehr Vernunft bei Sportlern?
Ich glaube, die meisten sind vernünftig. Natürlich gibt es einige, die über ihren Verhältnissen Ski fahren oder mit dem Bike den Berg hinunterbrettern. Man sieht halt heute viele Videos von Profisportlern, die viel Erfahrung haben und ihr Metier beherrschen und entsprechend auch waghalsig fahren können. Wenn man das dann als weniger Geübter auch versucht, ist die Verletzungsgefahr hoch. Wenn aber jemand bei uns war und mich fragt, ob er mit dem Skifahren aufhören soll, dann bin ich der Meinung, dass es falsch wäre, ihm vom Sport abzuraten. Er soll sich gut vorbereiten, sich schützen und vor allem seinen Fähigkeiten entsprechend fahren. Ein Bein kann man sich auch zuhause brechen. Man muss sich nicht in Watte packen.

Sprechen wir den Elefanten im Raum an: Wie oft wird man als Arzt mit Ihrem Nachnamen mit dem Dr. Sommer aus der Bravo verglichen?
Heute nicht mehr. Früher gab es das hin und wieder. Da hat man auch einen Spruch gemacht im Sinne von «der ist mein Bruder» (lacht). Der Dr. Sommer aus der Bravo ist wohl auch nicht mehr so präsent. Heute tummeln sich die jungen Menschen eher auf Instagram. Gibt es die Bravo eigentlich noch?

Ich kläre das ab.  (Anmerkung des Autors: Ja, es gibt beides noch. Das Dr. Sommer-Team hat mittlerweile auch einen Sprechstunden-Podcast.)

Weitere Informationen zur Unfallchirurgie am KSGR finden Sie unter www.ksgr.ch/Unfallchirurgie.

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Ansprechpartner

Dr. med. 
Christoph Sommer

Chefarzt Unfallchirurgie / Allgemeinchirurgie, Leiter Unfallchirurgie

Tel.+41 81 256 62 05

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