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Aus dem Spital
21.  Nov 2019

«Meine Arbeit ist sicherlich nichts für Grobmotoriker»

Er spricht fünf Sprachen, wohnt am Bodensee und findet auf dem daraus entstehenden einstündigen Arbeitsweg die Zeit, Pendenzen zu erledigen und in Gedanken an Herausforderungen aus seinem Berufsalltag zu arbeiten. Patrick Knüsel ist Leitender Arzt Radiologie am Kantonsspital Graubünden. Aufgewachsen ist er in Luzern.

Patrick Knüsel

Patrick Knüsel (links) auf Biketour mit seinem Sohn. (Bild zVg.)

Herr Knüsel, was genau ist Ihre Aufgabe in der Radiologie?
Ich mache Interventionen – das sind minimal-invasive Eingriffe mit Hilfe von Ultraschall, Computertomographie und Röntgen. Bei Arterien und Venen beispielsweise führe ich unter örtlicher Betäubung einen kleinen Schlauch in das Gefäss, spritze dann Kontrastmittel und sehe, ob und wo das Gefäss verengt respektive verstopft ist. Gleichzeitig kann ich das entdeckte Problem dann auch meistens beheben. Am bekanntesten ist da wohl das Öffnen verschlossener Arterien in den Beinen bei Diabetikern und Rauchern. Was auch oft vorkommt, ist, dass ich gerufen werde, wenn bei Blutungen an Organen nicht operiert werden kann. Ich kann dann über die Arterie an den entsprechenden Ort gelangen und dort die Blutung von innen stoppen. Das ist ein grosser Teil meiner Arbeit. Der andere Teil ist die Diagnostik, wo es beispielsweise darum geht, Gewebeproben genau am richtigen Ort zu entnehmen, um die Diagnose stellen zu können. Das alles passiert in Lokalanästhesie – von aussen durch die Haut natürlich.

Wie wird denn entschieden, wie man an den Ort des Geschehens gelangt?
Da bespricht man sich mit den Kollegen und bestimmt, welcher Weg im jeweiligen Fall der Beste ist. Ich kann mit meiner Methode ja auch gezielt gegen Wucherungen vorgehen. Dabei kann ich mit einer Metallnadel im Körper zu der Wucherung respektive dem Tumor vorstossen und diesen dort vereisen. Dafür wird Gas zu der Nadel an der Spitze des Schlauches geleitet, diese wird sehr kalt und damit kann ich dann den Tumor veröden. Ob meine Methode zum Zug kommt oder eine andere oder gar eine Kombination, wird aber, wie erwähnt, zuerst mit allen Spezialisten wie Pathologen, Onkologen, Radio-Onkologen und Chirurgen im Tumorboard besprochen. Dieser Austausch ist für mich sehr interessant.

Wie sind Sie dazu gekommen, Arzt zu werden?
Wir hatten im Gymnasium in Luzern die Möglichkeit, uns über mögliche Studienrichtungen zu informieren. Ich habe in Basel an der medizinischen Fakultät einen ersten Eindruck vom Medizinstudium erhalten, war aber grundsätzlich sehr breit interessiert an Naturwissenschaften. Nach der Rekrutenschule, einem Austauschjahr und ein paar Reisen wollte ich dann mit dem Studium beginnen. Damals gab es aber wohl zu viele Ärzte und ich entschied mich erst für ein Studium der Umweltnaturwissenschaften an der ETH.

Das war dann aber offensichtlich nicht so das richtige für Sie?
Genau. Es war mir zu technisch. Nach zwei Semestern habe ich mich daher wieder umorientiert und konnte mit dem Medizinstudium beginnen, was ich bis heute nicht bereue. Abgeschlossen habe ich das Medizinstudium 1999.

Kommen Sie aus einer Medizinerfamilie?
Nicht unbedingt. Meine zwei Brüder haben keine medizinischen Berufe und mein Vater hat bei einer Bank gearbeitet. Meine Mutter war zwar mal Arztsekretärin, aber in erster Linie Hausfrau und Mutter. Mein Götti war Orthopäde und dort konnte ich während des Gymnasiums auch einmal schnuppern.

Wie kamen Sie zur Radiologie?
Ich habe meine Doktorarbeit auf der Radiologie im Unispital Zürich gemacht. Danach bin ich nach Baden gekommen. Der dortige Chefarzt hat ultraschallgesteuert Punktionen gemacht. Mich hat das sehr fasziniert und ich habe mich intensiver mit den Interventionen beschäftigt. Ich hatte dann auch die Möglichkeit, für anderthalb Jahre in Toronto ausschliesslich solche Interventionen zu machen. So wurde das zu meinem Spezialgebiet.

Jetzt sind sie sozusagen der Filigrantechniker unter den Radiologen?
Ja, das kann man so sagen. Es ist eine sehr feine und genaue Arbeit, sicherlich nichts für Grobmotoriker. Die Utensilien, mit denen ich arbeite, sind teilweise dünner als ein Millimeter. Ich bin auch ein wenig der Kartograf. Mit dem Kontrastmittel werden die Wege, Abzweigungen und Sackgassen in den Gefässen aufgezeigt. Wir machen ein Bild davon und können dieses dann wie eine Art Karte nutzen, um zum richtigen Ort zu gelangen.

Sie haben mir im Vorgespräch gesagt, dass Ihnen Fremdsprachen wichtig sind. Wie äussert sich das?
Im Gymnasium hatte ich Latein und Altgriechisch. Das hat mir oft geholfen und auch gefallen. Während des Studiums hatte ich viele französischsprachige Kollegen. Im Studium habe ich ein Jahr in Florenz verbracht. Dazu hatte ich mich mitunter auch entschieden, um besser Italienisch zu lernen. Während meiner Spezialisierung in Kanada konnte ich dann auch noch mein Englisch verbessern. Mir war es immer wichtig, dass ich neben der fachlichen, medizinischen Ausbildung auch meine Sprachkenntnisse aufbessern kann. Das hilft mir heute im Kantonsspital Graubünden natürlich sehr. Praktisch ist auch, dass die Verständigung mit den Rätoromanen besser funktionieren kann, wenn man etwas Italienisch spricht.

Wie viele Sprachen sprechen Sie?
Insgesamt sind es fünf. Durch meine Frau habe ich auch noch etwas Russisch gelernt.

Sie arbeiten seit 2010 in Chur und wohnen am Bodensee, wie ist das Pendeln für Sie?
Das ist ganz gut machbar. Ich habe knapp weniger als eine Stunde pro Weg. Das ist mitunter auch ganz hilfreich. Während des Arbeitstages läuft sehr viel. Da hat man nicht so Zeit, sich hinzusetzen und über ein Problem nachzudenken. Ich habe viele Ideen auch auf der Hin- oder Rückfahrt nach Chur. Wenn ich zuhause ankomme, kann ich dann gut abschalten, weil ich mir meine Gedanken zu beruflichen und alltäglichen Herausforderungen bereits auf der Fahrt machen konnte. Ab und an telefoniere ich mit Verwandten und Bekannten oder höre Radio. Das Pendeln ist eigentlich recht praktisch.

Was tun Sie, wenn Sie den Kopf frei bekommen möchten?
Ich treibe gerne Sport. Mit meinem Sohn spiele ich Fussball und im Winter gehe ich snowboarden und langlaufen. Ich habe eine kleine Wohnung in Churwalden, wo ich übernachte, wenn ich mal länger im Spital arbeiten muss. In den Herbst- und Wintermonaten bin ich daher oft auch mit meiner Familie im Bündnerland und geniesse das reiche Freizeitangebot in der Natur. Den Frühling und Sommer verbringen wir gern in der Nähe des Bodensees.

Was für Ereignisse aus Ihrem beruflichen Leben sind Ihnen in Erinnerung geblieben?
Ich bin mit meiner Familie 2007/08 nach Toronto gezogen und durfte an zwei grossen Unispitälern mit international bekannten Spezialisten auf meinem Gebiet meine Kenntnisse in der Intervention vertiefen. Das bleibt ein unvergessliches Erlebnis. Ich erinnere mich auch gerne an ein Kärtchen, das ich vor kurzem von einem ehemaligen Patienten per Post bekommen habe. Darauf drei Bilder von ihm. Eines auf der Intensivstation, eines von der zweiten Woche auf der Station und das dritte zeigt ihn zuhause. Er hat allen behandelnden Ärzten eine Karte geschickt. Da habe ich mich sehr gefreut. Ich vermute, dass die meisten Leute zufrieden sind. Es ist aber eine sehr schöne und wertvolle Geste, wenn sich ein Patient wieder bei uns meldet und uns zeigt, dass er dankbar ist. Es gibt auch Fälle, in denen ich nicht so helfen konnte, wie ich mir das vorgestellt hatte. Da erwartet man als Arzt eine gewisse Enttäuschung bei der Patientin respektive dem Patienten. Oft ist es dann aber so, dass die Menschen dankbar sind, für den Versuch, den man unternommen hat. Das finde ich toll.


Weitere Informationen zur Radiologie am KSGR finden Sie unter www.ksgr.ch/radiologie.

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Ansprechpartner

Dr. med. 
Patrick R. Knüsel

Leitender Arzt, FMH Radiologie, European Board of Interventional Radiology (EBIR), Spezialisierung: Interventionelle Radiologie

Tel.+41 81 256 64 54

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