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Aus dem Spital
19.  Dez 2019

«Chronische Schmerzen haben kein Enddatum»

Melanie Rehli leitet die Schmerztherapie am Kantonsspital Graubünden (KSGR). Vor ihrer Zeit am KSGR arbeitete sie in St. Gallen, kommt aber ursprünglich von der Zürcher Pfnüselküste. Ein Gespräch über Schmerzen, Prioritäten und den wichtigen Austausch zwischen Ärztin und Patient*in.

Melanie Rehli

Frau Rehli, Sie leiten die Schmerztherapie am KSGR, wie sind Sie in diesem Bereich gelandet?
Eigentlich bin ich verhinderte Neurochirurgin (lacht). Ich habe meine Doktorarbeit auf der Neurochirurgie geschrieben. Ich fand das Gehirn und seine Funktionen schon immer enorm spannend. Also wollte ich den Facharzt Neurochirurgie machen. Da ich dafür noch etwas allgemeine Medizin machen musste und dabei auch auf der Intensivstation und im Rettungsdienst eingesetzt werden würde, verbrachte ich vorbereitend Zeit auf der Anästhesie. Dort bin ich dann hängengeblieben. Das war genau das Richtige für mich. Ich plante also neu. Die Faszination für das Hirn blieb – vielleicht hat mich das auch so empfänglich gemacht für das Thema Schmerz. Schmerztherapie ist sehr spannend – es dreht sich fast alles um das Gehirn und seine Funktionen und Fehlfunktionen.

Findet die Schmerztherapie in allen Fachrichtungen statt?
Ja. Wo Schmerzen entstehen, bin ich da, um zu helfen. Wir haben natürlich klassische Fälle wie chronische Rücken- und Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen und Migräne. Aber auch Leute mit schmerzhaften Hautausschlägen, eingeklemmten Nerven und andere Krankheiten, die Schmerzen verursachen, finden den Weg zu uns. Schmerz ist schliesslich bei den meisten Patientinnen und Patienten der Grund, warum sie eigentlich ins Spital kommen.

Sie haben mir gesagt, Schmerz sei auch eine Frage der Prioritäten. Wie meinen Sie das?
Wenn man sich mit einem Hammer auf den Daumen haut, dann tut das weh. Das ist somatischer Schmerz. Ein Warnsignal unseres Körpers. Wenn jetzt aber ein Fakir in tiefster Meditation auf einem Nagelbrett sitzt, dann empfindet er keine Schmerzen, weil der Schmerz für ihn in dem Moment auf seiner inneren Prioritätenliste an Position vier oder fünf steht. Schmerz hat somit nicht in jeder Situation die gleiche Bedeutung.

Es gibt ja auch die Geschichten von Müttern, die in Notsituationen ihrer Kinder ausserordentliche Kräfte entwickeln und vielleicht einen Schrank heben können, den sie im Normalzustand nicht bewegen könnten. Wenn unsere Prioritäten ganz klar auf ein spezifisches Ziel ausgerichtet sind, dann fällt relativ viel anderes nach hinten. So kann man auch den Schmerz auf der inneren Prioritätenliste nach hinten schieben. Natürlich nicht, wenn ein Knochen bricht. Der Schmerz als Warnsignal soll dann ganz oben auf der Liste stehen. Aber bei chronischen Schmerzen muss und kann man selber aktiv daran arbeiten, sie auf der Prioritätenliste nach hinten zu schieben. Das muss man aber leider, wie alles im Leben, erlernen.

Melanie Rehli

Ist Schmerz einfach Kopfsache?
Nein. Der Schmerz bei einer Verletzung ist ein Alarmsignal und hat durchaus einen Sinn. Menschen, die keine Schmerzen empfinden – es gibt Krankheiten, die das verursachen – werden in der Regel nicht alt, weil ihnen der Schmerz als Warnsignal fehlt. Chronischer Schmerz ergibt aber rein evolutionsbiologisch keinen Sinn. Soweit ich weiss, gibt es im Tierreich keinen Beweis für chronischen Schmerz, weil der keine Funktionalität erfüllt. Ein Affe, der vor Schmerzen nicht mehr auf einen Baum klettert, verhungert entweder oder er wird vom Tiger gefressen. In unserer Gesellschaft gibt es aber Platz für chronischen Schmerz. Wir müssen nicht tagtäglich ums Überleben kämpfen und dadurch hat chronischer Schmerz die Möglichkeit, auf unserer Prioritätenliste nach oben zu steigen.

Aber – und das ist wichtig – Schmerz ist das, was der Patient als Schmerz empfindet, egal ob man das auf einem Röntgenbild oder einem CT sieht. Schmerzen sind meistens nicht darstellbar.

Aber wie kann man sie denn dann bekämpfen?
Oft sind Gesamtsysteme betroffen. Wenn jemand ein Problem mit dem Fuss hat, kommen unweigerlich nach kürzester Zeit das Knie am selben Bein, die Hüfte auf der anderen Seite, die Lendenwirbelsäule und dann auch noch die Schulter hinzu. Die Geometrie des Körpers verschiebt sich, die Belastung ändert sich und das hat seine Folgen. Habe ich aber schon als kleines Kind Probleme mit meinem Fuss, passt sich mein Körper an. Das kann er sehr gut, wenn er Zeit und Unterstützung hat. Was ich sagen will: Wir müssen – auch beim Schmerz – unseren Körper als Gesamtsystem betrachten. Schmerz entsteht nicht immer genau da, wo er sich schlussendlich zeigt respektive auftaucht.

Wie kamen Sie zur Medizin?
Auch hier war der Plan eigentlich ein anderer (lacht). Ich wollte Biochemie studieren, wollte aber vorher ein Praktikum machen. Das wäre aber nur mit Uni-Abschluss gegangen. So komplett festlegen wollte ich mich dann aber noch nicht. Da hat mir ein Freund den Rat gegeben, Medizin zu studieren. Mit einem Abschluss in Medizin ist auch der Einstieg in die Biochemie möglich – es bleiben einem aber auch noch viele andere Möglichkeiten, und so blieb ich in der Medizin hängen – und bin glücklich.

Lassen Sie mich rekapitulieren: Sie wollten Biochemie studieren, haben dann Medizin studiert. Dann war Neurochirurgie der Plan, Sie sind aber in der Anästhesie gelandet und heute ist es die Schmerzmedizin?
(Lacht) Ja genau. Ich habe mir immer relativ klare Pläne zusammengestellt, die ich dann aber im Verlauf der Durchführung dynamisch angepasst oder auch total neu ausgerichtet habe.

Dem Dialekt nach sind Sie in Zürich aufgewachsen.
Aufgewachsen bin ich an der Pfnüselküste (Anm. des Autors: die schattige Seite des Zürichsees). Mein Vater hat dann angefangen in Wil (SG) zu arbeiten und ich bin mit Zürcher Dialekt nach St. Gallen gezogen – nicht einfach (lacht). Dann sind wir wieder zurückgezogen – mit St-Galler-Dialekt nach Zürich – auch nicht einfach. Ich habe in Zürich das Gymnasium gemacht und studiert. Während des Studiums habe ich mein Praktikum in der Westschweiz gemacht – auch, um mein Französisch aufzubessern. Mein Austauschjahr habe ich dann in Lausanne gemacht. Heute wohne ich in Maienfeld.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Der besteht zum grössten Teil aus Gesprächen mit Patienten. Das schätze ich sehr. Es ist mir wichtig, die Menschen kennenzulernen, um gemeinsam mit ihnen ihre Prioritäten zu ordnen und den Schmerz möglichst weit nach hinten zu schieben. Ich muss die Lebensart und Gewohnheiten der Menschen kennen, um ihnen die bestmögliche Hilfe zur Selbsthilfe anbieten zu können. Es bringt nichts, wenn ich jemandem mit Rückenschmerzen, der im fünften Stock ohne Lift wohnt, empfehle, täglich Spaziergänge zu machen und ihn mehrmals pro Woche in die Physiotherapie schicke. Er wird aufgrund seiner Schmerzen nur schon die fünf Stockwerke nicht mehrfach pro Tag bewältigen. Das gleiche, wenn eine Patientin ihren dementen Mann pflegt und gar keine Zeit hat für lange Spaziergänge. Im Gespräch finden wir gemeinsam heraus, was möglich ist. Die Rahmenbedingungen sind manchmal wichtiger als die Therapie mit Tabletten und Spritzen. Viele Patientinnen und Patienten kommen ja auch über Jahre hinweg zu uns. Oft können wir die Schmerzen auch nicht heilen, sondern den Menschen lediglich zeigen, wie sie ihren Schmerz auf der Prioritätenliste nach unten schieben können. Dafür ist Vertrauen sehr wichtig.

Ist es nicht frustrierend, wenn man den Schmerz oft nicht heilen und verschwinden lassen kann?
Es gibt selten ein Erfolgsgefühl im Sinne von «so, Problem gelöst». Damit muss man umgehen können. Wir können einen Weg begleiten und Teile eines Problems lösen. Auch da ist viel Aufklärungsarbeit gefragt. Natürlich kommen die meisten Patienten mit dem Wunsch, die Schmerzen loszuwerden. Oft geht das aber leider nicht. Chronische Schmerzen haben kein Enddatum.

Wie schalten Sie persönlich ab?
Abwechslung ist sehr wichtig. Ich mache sehr viele verschiedene Sachen. Vom Lesen, Backen und Konfitüre-Einkochen übers Velofahren, Bergsteigen und Eisklettern bis hin zum Surfen in den Ferien in Kalifornien. Beim Surfen bin ich aber relativ talentfrei (lacht). Mein breites Interesse hilft mir auch sehr bei den Gesprächen mit Patientinnen und Patienten. Ich erzähle ihnen viel von mir und sie erzählen mir viel von sich. Es wäre doch irgendwie nicht ehrlich, wenn ich ihre Lebensweise und ihr Umfeld kennenlernen möchte, um ihnen helfen zu können, im Gegenzug aber nichts von mir preisgebe. Ich kann mich mit dem Jäger über die Jagd unterhalten, aber auch über das Häkeln von Pullovern, Kochen und Sport sprechen. Insofern bietet mir auch der Alltag viel Abwechslung. Ich spreche mit so vielen unterschiedlichen Menschen und lerne dabei enorm viel Neues kennen. Das ist auch für mich ungeheuer bereichernd.

Weitere Informationen zur Schmerzsprechstunde finden Sie unter www.ksgr.ch/schmerzsprechstunde

1 Kommentar
19.  Dez 2019

Tobler Andrea

Sie machen das super bin froh bei Ihnen in der Sprechstunde sein zu dürfen ❣️

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Ansprechpartner

Dr. med.  
Melanie Joyce Rehli

Leitende Ärztin und Leiterin Schmerztherapie

Tel.+41 81 255 20 60

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