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Aus dem Spital
12.  Mrz 2019

«Ich werde heute noch gefragt, wann der Arzt komme»

Marianna Friedli ist in Churwalden und Chur aufgewachsen und eigentlich ausgebildete Internistin. Seit 2006 arbeitet sie im Departement Chirurgie des Kantonsspitals Graubünden. Sie leitet das Ressort Qualität und arbeitet dadurch sehr oft interdisziplinär. Sie hat die Kanti in Chur gemacht und an der Universität Bern Medizin studiert.

Marianna Friedli

Zum Ausgleich unternimmt Dr. Marianna Friedli viele Familienausflüge in der freien Natur...

Welche Vorstellung über Ärzte ist ein Klischee und stimmt Ihrer Meinung nach nicht?
Die Vorstellung, dass nur Männer Chefärzte werden können. Es stimmt nicht (lacht). Es ist schade, dass es oft immer noch so ist. Das wird sich aber hoffentlich in Zukunft ändern. Heute sitzen in den Vorlesungssälen der Medizin mehr als 50% Frauen.

Nehmen Sie denn war, dass Sie als Ärztin weniger ernst genommen werden?
Es kommt schon vor, dass mich Patienten fragen, wann denn der Arzt noch vorbeikomme. Sicherlich eher bei der älteren Generation.
Wann wussten Sie, dass Sie Ärztin werden möchten?
Ganz früher wollte ich Handarbeitslehrerin werden, später dann Juristin. Das hat sich dann aber während der Kanti in Chur geändert. Da hat mir Biologie extrem gut gefallen. Im Bio-Unterricht haben wir die Humanbiologie behandelt und da ist meine Begeisterung für Medizin entstanden.

Bei aller Begeisterung für die Medizin werden Sie dennoch hin und wieder abschalten wollen. Was machen Sie dann?
Ich habe eine Familie mit zwei Kindern und ich glaube, dass für jeden, der Familie und Beruf unter einen Hut bringt, das Eine Ausgleich für das Andere ist (lacht). Wenn ich Zeit mit meiner Familie verbringe, ist der Berufsalltag manchmal weit weg und umgekehrt. Dazu kommt auch, dass ich neben meiner 60-Prozent-Anstellung im Kantonsspital auch noch 20 Prozent in einer Hausarztpraxis in Churwalden arbeite. Mein Mann arbeitet Vollzeit und gemeinsam schmeissen wir Haushalt und Familie. Langweilig wird es uns nicht (lacht). Es gibt aber natürlich auch Momente, in denen ich Zeit für mich alleine habe. Dann lese ich wahnsinnig gerne oder bin mit der Familie in den Bergen unterwegs. Im Sommer machen wir Wohnwagen-Ferien im Tessin.

...oder verliert sich begeistert in Büchern. Am liebsten Kriminalromane. (Symbolbild)

Haben Sie ein Lieblingsbuch?
Kein bestimmtes. Kriminalromane, die im hohen Norden spielen, haben es mir sehr angetan. Zum Beispiel die von Henning Mankell und Håkan Nesser. Aber auch Simon Beckett schreibt sehr toll – auch wenn man in ihren Büchern manchmal gar tiefe Abgründe der menschlichen Seele entdeckt.

Ich nehme an, dass auch Sie im privaten Umfeld immer mal wieder nach Diagnosen oder Ratschlägen gefragt werden.
Ja, das ist so. Natürlich auch, weil ich zusätzlich in der Hausarztpraxis arbeite. Ich finde das aber auch völlig normal und ok. Die Behandlung von Angehörigen finde ich jedoch schwierig.

Warum?
Ich glaube, da fehlt die nötige professionelle Distanz. Die Beziehung spielt da immer mit. Vielleicht sagt einem der nahe Verwandte nicht alles, was er einem unbekannten Arzt sagen würde. Andererseits fragt man als Arzt in einer solchen Situation auch nicht alles. Da leidet potentiell die Qualität der Beratung und Betreuung. Daher mache ich das lieber nicht. Auf Fragen antworten und ratschlagend unterstützen ist aber kein Problem. Ich würde aber niemals von mir aus jemandem aus meinem Umfeld ungefragt medizinische Abklärungen empfehlen. Ich finde das geht gar nicht.

Können Sie sich an eine seltsame Frage eines Patienten erinnern?
Ich denke, im Kontext sind Fragen von Patienten nie seltsam. Hätte ein Thema für eine Patientin keine Relevanz, würde sie es nicht ansprechen. Von daher gibt es meines Erachtens keine seltsamen Fragen. Im Kontext hat jede Frage ihre Berechtigung. Ich kann mich aber an die Sorge einer Patientin erinnern, die sich im Nachhinein als völlig unbegründet herausgestellt hat. Das war eine junge Frau, die sich Sorgen machte, weil sie ständig so blaue Finger hatte. Sie machte sich grosse Sorgen. Es hat sich dann herausgestellt, dass sie eine neue Jeans hatte und die auf ihre Hände abgefärbt hat. Das ist im Nachhinein witzig, ich kann aber sehr gut verstehen, dass sie sich Sorgen gemacht hat.

Gibt es andere Momente mit Patienten, an die Sie sich erinnern?
In der Ärztin-Patienten-Beziehung kommt es immer wieder zu berührenden Momenten. Ich erinnere mich an eine betagte Patientin in der Hausarztpraxis. Man begleitet den Menschen über Jahre und bekommt natürlich auch mit, wie die Kräfte schwinden. Diese Dame hat schon immer gerne Birnbrot gebacken und bringt uns an Weihnachten immer Birnbrot in die Praxis. Das berührt mich sehr. Ich finde das wundervoll.

Was macht das Kantonsspital Graubünden einzigartig?
Es steht in einer der schönsten Ecken der Schweiz. Ich denke auch, dass unsere Patienten sehr bescheiden und sehr dankbar sind. Das macht unser Spital auch sehr attraktiv. Man spürt die Wertschätzung der Menschen. Wahrscheinlich bin ich da auch nicht ganz objektiv. Ich bin hier aufgewachsen und habe den grössten Teil meines sozialen Umfeldes hier in der Region. Hier fühle ich mich getragen und unterstützt.

Wen bewundern Sie?
Da könnte ich nicht eine Person hervorheben. Ich war schon als Jugendliche nicht der Fan-Typ mit Postern von Stars an der Wand. Ich bewundere Menschen, die aufrecht durch ihr Leben gehen, egal wie schwer ihr persönlicher Rucksack wiegt. Die stehen selten im Rampenlicht, sind aber meines Erachtens diejenigen, die mehr Bewunderung verdient hätten.

Schauen Sie Arztserien?
Ich bin keine Fernsehschauerin. Beim Fernsehen fällt mir immer nur ein, was ich alles noch erledigen sollte. Ich lese viel lieber.

Gibt es denn gute Romane, die einem medizinischen Umfeld spielen?
Sie meinen Arztromane? Die Heftchen, die man am Kiosk kaufen kann, mit den kitschigen Titelbildern und den verklärt romantischen Geschichten? Ja die kenne ich – und genau so ist das Leben als Ärztin (lacht)!

(Anm. des Autors: hier musste das Interview abgebrochen werden, da sich Dr. Friedli und der Interviewer unter anhaltendem Lachen im Spinnen absurder Arztroman-Klischees verloren.)

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Dr. med. 
Marianna Friedli-Braun

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