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Aus dem Spital
03.  Okt 2019

«Wir sollten alle einfach mal einen Tag lang auf dem Bänklein sitzen»

Dr. med. Gregory Fretz arbeitet seit 2018 am Kantonsspital Graubünden in Chur. Er leitet die Medizinische Tagesklinik und das Medizinische Ambulatorium. Vor seiner Zeit am KSGR war er in Scuol tätig. Ursprünglich kommt er aus der Zentralschweiz und hat in Zürich studiert. Heute lebt er mit seiner Familie im Engadin und schätzt die Ruhe seines Wohnortes Sent.

Kein Wunder, dass sich Gregory Fretz im Engadin wohl fühlt.

Scuol und Chur - Herr Fretz, wie oder warum hat es Sie nach Graubünden verschlagen?
Ich komme ursprünglich aus der Innerschweiz und habe in Zürich studiert, dort habe ich insgesamt 20 Jahre lang gelebt. Meine Frau und ich hatten bereits als Assistenzärzte in Scuol gearbeitet und das Engadin lieben gelernt. Als uns die Anfrage aus Scuol erreichte, wieder dort zu arbeiten, haben wir zugesagt und sind nach Sent gezogen. So hat es uns wieder nach Graubünden verschlagen.

Wohnen Sie noch in Sent?
Ja. Unsere Kinder gehen dort zur Schule. Meine Frau arbeitet in der Clinica Curativa in Scuol. Ich arbeite 80 Prozent am Kantonsspital Graubünden und habe ein WG-Zimmer hier in Chur. Am Mittwoch bin ich jeweils im Engadin und schaue zu unseren Kindern.

Sprechen ihre Kinder Rätoromanisch?
Ja genau. Ich bin derjenige in unserer Familie, der die Sprache noch nicht so gut kann. Meine Frau spricht recht gut. Die zwei Älteren können schon perfekt Rätoromanisch, da sie zur Schule gehen und der Unterricht in der Sprache stattfindet. Die Zweitjüngste ist jetzt im Kindergarten und lernt es dort. Die Jüngste lernt es von ihren Geschwistern und dann auch im Kindergarten. Auch wenn man das immer wieder hört, war ich doch überrascht, wie schnell und intuitiv meine Kinder die Sprache gelernt haben.

Ich nehme an, mit einer so grossen Jungmannschaft fällt es nicht schwer, vom Arbeitsalltag abzuschalten.
Ja, das gelingt mir relativ einfach. Wenn ich in Sent ankomme, sind da vier Kinder, die mich strahlend in Empfang nehmen. Die Konstellation, dass ich am Mittwoch bei der Familie in Sent bin, hilft da natürlich auch. Und dann ist Sent an sich natürlich eine ganz andere Welt. Es ist ein grosser Kontrast zu Chur. Uns gefällt es wahnsinnig gut. Es hat eine wahnsinnige Kraft und auch eine angenehme Langsamkeit und Entspanntheit. Ich finde es sehr schön, wie die alten Menschen in Sent einfach sitzen können. Den ganzen Tag auf dem Bänklein vor dem Haus. Da kommt mal der eine Nachbar auf einen Schwatz vorbei und später der andere. So geht der Tag vorbei und man hat eigentlich alles Relevante mitbekommen. Das hat etwas enorm Friedliches und etwas „Zweckfreies“ – das hat Qualität in der heutigen Zeit. Wir sollten vielleicht alle öfter mal einfach einen Tag lang auf dem Bänklein vor dem Haus sitzen.

Gregory Fretz (mitte) mit seinen Nachbarn auf der Bank vor dem Haus. (Bilder: Fretz)

Was muss man sich unter «Tagesklinik und Ambulatorium» in einem Spital vorstellen?
Das sind eigentlich zwei Abteilungen, die aber sehr viele Überschneidungspunkte haben. Gemein ist beiden, dass keine Patienten über Nacht bleiben. Es wird also alles ambulant gemacht. In der Tagesklinik haben wir vor allem Patientinnen und Patienten, die für Infusionen ins Spital kommen müssen. Das können zum Beispiel Eisen-Infusionen oder Bluttransfusionen sein sowie komplexere Behandlungen mit Antikörpern und Immunglobulinen. Oft sind das Patienten mit chronischen Erkrankungen, die immer wieder zu uns kommen. Im Ambulatorium kümmern wir uns hauptsächlich um Patientinnen und Patienten, die uns von Hausärzten zugewiesen werden. Das kann sein, weil eine Hausärztin oder ein Hausarzt froh wäre, wenn jemand anderes einen Fall auch noch beurteilen würde oder wenn es komplexe Fälle sind, die aufwändige Abklärungen benötigen. Behandelt werden die Menschen dann aber wieder von den Hausärzten.

Wie sind Sie zur Medizin gekommen? War das ein Kindheitswunsch?
Nein. Ich hatte eigentlich keinen wirklichen Traumberuf als Kind. Nein halt – Automechaniker fand ich ganz lange toll. Ich wusste aber lange nicht, was ich studieren sollte. Ich war etwas hin- und hergerissen zwischen humanistischen und naturwissenschaftlichen Fächern. Ich war lange der Meinung, dass ich Germanistik studieren wolle – aber auch Biochemie interessierte mich sehr. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ich die beiden Bereiche mit einem Medizinstudium am besten verbinden könne. Das war meine Vorstellung. Das Humanistische habe ich in der Medizin im Umgang mit den Menschen und dann ist es schliesslich auch ein Beruf, der auf Naturwissenschaften basiert – meistens zumindest (lacht). Das hat mich fasziniert und das tut es auch heute noch.

Wie hat sich Ihr Beruf in der Zeit seit dem Studium verändert? 
Für mich persönlich gab es immer wieder Veränderungen. Ich habe als Internist angefangen und habe mich dann zum Pneumologen ausbilden lassen. In dieser Zeit habe ich mehrere Jahre lungentransplantierte Patienten betreut, ein spannendes, hochspezialisiertes Gebiet. Danach war ich als Internist und Pneumologe in Schwyz und Scuol tätig und war zufrieden, wieder mehr in der medizinischen „Breite“ angelangt zu sein.

Und im Allgemeinen?
Es sind vor allem zwei Dinge, die mir auffallen: Einerseits hat der medizinische Fortschritt deutlich an Tempo zugelegt – sowohl diagnostisch als auch therapeutisch stehen uns heute ganz andere Massnahmen zur Verfügung als noch vor 15 Jahren, als ich mein Studium abgeschlossen habe. Dies führt dazu, dass der Betreuungsaufwand pro Patient deutlich zugenommen hat. Diese Entwicklung wurde in den letzten Jahren verstärkt durch die stetige Abnahme der mittleren Aufenthaltsdauer der einzelnen Patienten. Das heisst auch, dass mehr Arbeit in kürzerer Zeit erbracht werden muss. Die Assistenten heute betreuen zwar weniger Patienten als wir früher, der Aufwand pro Patient hat aber wie erwähnt deutlich zugenommen. Auf der anderen Seite lässt sich eine stetige Zunahme der administrativen Arbeiten feststellen, was den Aufwand zusätzlich steigert.

Sie haben in Zürich am Unispital und im Triemli gearbeitet, in Schwyz, Scuol und jetzt in Chur – sie kennen also die grossen Spitäler der Schweiz, einige mittelgrosse, eines der kleinsten. Was passt Ihnen besser?
Ich habe mir das auch schon überlegt. Ich kenne auf eine gewisse Art und Weise die gesamte Bandbreite der Spitalgrössen in der Schweiz. Chur ist von der Grösse her sicher näher beim Unispital als bei Scuol. Was man aber sagen kann: was das Zwischenmenschliche, die Stimmung, die kurzen Wege und die Erreichbarkeit der Leute betrifft, ist das KSGR näher bei Scuol, was ich als sehr positiv und schön empfinde. Am Unispital braucht es lange, bis man weiss, welche Leute man für welche Probleme wie erreicht. Das erlebe ich hier in Chur ganz anders. Es herrscht eine grosse Offenheit und Hilfsbereitschaft am KSGR. Das ist nicht selbstverständlich für ein Spital dieser Grösse. Das war sicher auch mit ein Grund dafür, warum ich nach Chur gewechselt bin. Auch die Kompetenz der Leute hier ist beeindruckend. Wir haben viele sehr erfahrene und gute Ärztinnen und Ärzte hier am KSGR.

Die kurzen Wege sparen auch Geld.
Ich hatte vor kurzem einen Patienten hier und wollte, dass sich jemand aus der Chirurgie einen Befund anschaut. Da habe ich einen Anruf gemacht und zehn Minuten später war eine Kollegin aus der Chirurgie zusammen mit mir beim Patienten. Ich musste keinen Termin für den Patienten vereinbaren und wir alle haben dadurch enorm viel Zeit gespart – und natürlich Geld.

Weitere Informationen zur Medizinischen Tagesklinik und zum Ambulatorium am KSGR finden Sie unter www.ksgr.ch/tagesklinik.

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