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Aus dem Spital
24.  Okt 2019

«Irrationale Ängste gibt es auch heute noch»

Dr. Felix Fleisch ist seit 2001 durchgehend am Kantonsspital Graubünden tätig. Er ist Stellvertretender Chefarzt der Inneren Medizin und Leiter Infektiologie und Spitalhygiene. Er hat die Anfänge des Kampfes gegen AIDS als junger Arzt in Zürich miterlebt. Erfahrungen, die ihn auch heute noch prägen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Arzt zu werden? 
Mein erster Berufswunsch war Müllmann (lacht). Ich fand es beeindruckend, wie die hinten auf dem Lastwagen standen und die damaligen, schweren Ochsner-Kübel mit scheinbarer Leichtigkeit leerten. Später in der Schule haben mich Fächer wie Biologie und Psychologie interessiert. Den Entscheid zum Medizinstudium habe ich dann erst kurz vor der Matura an der Kanti in Chur gefällt. Mir schien dieses Studium die beste Verbindung aus Biologie und Psychologie zu sein. Damals wollte ich eigentlich noch Hausarzt mit einer Praxis irgendwo auf dem Land werden. So habe ich dann auch als Assistenzarzt erst den klassischen Ausbildungsweg zum Allgemeinmediziner gemacht. Ich war auf der Chirurgie und Psychiatrie sowie Pädiatrie und Inneren Medizin. 

Felix Fleisch

Dr. Felix Fleisch arbeitet seit 2001 am Kantonsspital Graubünden.

Wie ist es dann zur Spital-Karriere gekommen?
Ich wollte auch mal an einem Unispital arbeiten, und so bin ich nach Zürich gekommen auf die medizinische Poliklinik. Das war Anfang der 90er-Jahre. Dort habe ich die Infektiologie näher kennengelernt. Damals gab es für HIV-Patienten noch keine wirklich wirksame Behandlung. In den Sprechstunden hatten wir viele Patienten, die aufgrund ihres angegriffenen Immunsystems verschiedene komplizierte und seltene Erkrankungen hatten. Ich fand das sehr herausfordernd und spannend.

Sie haben also die Zeit erlebt, als eine HIV-Diagnose noch einem Todesurteil gleich kam. Wie ohnmächtig fühlten Sie sich da als junger Arzt?
Die ersten HIV-Fälle gab es ja bereits vorher, in den 80ern. Ich hatte während des Studiums und den ersten Assistentenjahren aber nur wenig Kontakt zu der Krankheit. In Zürich traf ich dann immer wieder auf HIV-Patienten mit exotischen und komplexen Krankheitsbildern. Das HI-Virus zerstörte ihr Immunsystem, und die Patienten verstarben an den Folgen der Krankheiten, derer ihre Abwehr nicht mehr mächtig wurde. Das verlief meistens schrittweise. Die ersten Erkrankungen waren oft Pilzerkrankungen, die man noch relativ gut behandeln konnte. Dann kamen Lungenentzündungen dazu, die man je nach Art auch noch behandeln konnte. Es war aber nur eine Frage der Zeit, bis eine Krankheit auftreten würde, die man nicht mehr behandeln konnte. Man hat alles versucht und exotische Therapien ausprobiert. Manchmal sprachen die Patienten darauf an und es ging ihnen wieder besser…für eine Weile. Irgendwann verlor man den Kampf aber dennoch. Eine gewisse Ohnmacht verspürte man da schon, wollte aber auch nicht aufgeben.

Wie konnte diese Krankheit sich so massiv verbreiten?
Grosse Teile der heterosexuellen Bevölkerung gingen fälschlicherweise davon aus, dass es eine Krankheit sei, die ausschliesslich Homosexuelle und Drogenabhängige betreffe. Um ihre Drogensucht zu finanzieren, mussten sich viele Süchtige prostituieren und dadurch wurde das Virus zusätzlich verbreitet. Zudem wurden die Erkrankten stigmatisiert und entsprechend nicht über die Schutzmöglichkeiten aufgeklärt. Drogenkonsumenten wurden verfolgt, statt ihnen saubere Spritzen und Nadeln zu geben. Eine Situation wie sie auch heute noch zum Beispiel in verschiedenen Ländern der ehemaligen Sowjetunion vorkommt. Da werden HIV- und Drogenpatienten an den Rand der Gesellschaft gedrängt statt behandelt. Da werden die gleichen Fehler gemacht, wie wir sie hier in den 80ern gemacht haben. Wobei ich sagen muss, dass die Diskriminierung von HIV-positiven Menschen auch bei uns noch teilweise ein Thema ist. Irrationale Ängste gibt es auch heute noch.

Wann wurden die Therapien in der Medizin dann erfolgreicher?
Das war so Mitte der 90er, als die ersten gut wirksamen Medikamente aufkamen, die das Virus bekämpften. Das war eine enorm interessante Phase und natürlich auch wunderschön. Es gab todgeweihte Patienten, denen es dank der Therapie plötzlich wieder besser ging. Heute sind wir so weit, dass das HI-Virus aufgehalten werden kann. Deshalb ist es wichtig, dass man so früh wie möglich mit der Therapie beginnen kann, wenn das Immunsystem noch intakt ist. Man kann heute normal leben, wenn man HIV-positiv ist. Jetzt kommen immer mehr HIV-Patientinnen und Patienten ins Pensionsalter.

HIV hat in der öffentlichen Wahrnehmung an Schrecken verloren. Ist das etwas, dass Sie auch bemerken?
Das ist so. Als AIDS noch in fast jedem Fall tödlich war, waren die Menschen auch viel vorsichtiger. Ein grosses Verdienst der Aufklärung und Prävention. Heute ist die Hemmschwelle wieder niedriger, ausserhalb stabiler Beziehungen ungeschützten Geschlechtsverkehr zu haben. Daher sind auch andere Geschlechtskrankheiten wie zum Beispiel Syphilis, Tripper und Chlamydien wieder auf dem Vormarsch. Das bemerken wir hier am KSGR auch.

Obwohl die Patienten heute eigentlich mehr Informationen zur Verfügung haben als noch in den 90ern?
Ja genau. Wir haben natürlich auch sehr gut informierte Patientinnen und Patienten. Zum Teil sind sie aber halt auch falsch informiert. Aber auch für uns Ärzte ist der Fundus an Wissen exponentiell gestiegen in den vergangenen Jahren. Zu meinen Anfangszeiten fragte ich bei Unklarheiten einen erfahrenen Kollegen. Half das noch nicht, ging ich in die Bibliothek und suchte in Büchern nach der klärenden Antwort. Mit den medizinischen Datenbanken von heute finde ich diese Antwort viel schneller.

Lässt sich die Qualität dieser Informationen denn immer auch nachvollziehen?
Als Mediziner weiss man, insbesondere im eigenen Fachgebiet, welche Quellen verlässlicher sind als andere. Aufgrund des Kostendrucks in der Forschung kommt es natürlich auch vor, dass vermeintliche Erfolgsmeldungen zu früh veröffentlicht werden. Erfolge sorgen für Aufmerksamkeit und für mehr Forschungsgelder. Da ist die Versuchung natürlich gross, einen Erfolg zu vermelden, der noch nicht in der nötigen Detaillierung überprüft wurde. Für Laien können solche – vielleicht auch falsche – Erfolgsversprechungen natürlich schon verwirrend sein. Da sind wir auch wieder beim Thema HIV. Wenn da jemand liest, dass es einen Impfstoff gegen AIDS gibt, können da Hoffnungen entstehen, die wir dann wieder ins rechte Licht rücken müssen.

War für Sie klar, dass Sie irgendwann wieder nach Chur zurückkommen möchten?
Naja. Als Bündner kommt man immer gerne nach Graubünden zurück (lacht). Es war immer eine Option, ich habe meine Karriere aber nicht danach ausgerichtet. Es ist aber natürlich schön, dass ich wieder in Graubünden bin. Ich fühle mich auch am KSGR sehr wohl. Die Zusammenarbeit mit allen ist hier super – und das meine ich wirklich ernst. Darin liegt meiner Meinung nach auch die grösste Stärke des KSGR.

Also sind Sie auch gerne mal in den Bergen unterwegs?
Natürlich. Ich bin kein Hochleistungssportler, fahre aber sicher auch gerne mal mit dem Bike auf den Mittenberg, gehe Wandern und Skifahren und verbringe Zeit in den Bergen.

Haben Sie einen Wunsch an Ihre Patienten?
Nein. Die allermeisten Patientinnen und Patienten am KSGR sind sehr angenehm, nur wenigen würde manchmal etwas mehr Geduld gut tun.

Weitere Informationen zur Infektiologie finden Sie unter www.ksgr.ch/infektiologie.

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