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Aus dem Spital
26.  Sep 2019

«Es geht mehr um das Leben, als um den Tod»

Cristian Camartin ist in Disentis aufgewachsen und seit 2001 am Kantonsspital Graubünden tätig. Erst als Assistenzarzt, dann als Oberarzt und jetzt als Leitender Arzt der Palliativ-Medizin – einer relativ jungen Disziplin, die erst belächelt wurde und über die es – auch heute noch – viele falsche Vorstellungen gibt.

Cristian Camartin

Cristian Camartin spielte als Jugendlicher im kantonalen Tennis-Kader. (Bild. zVg.)

War für Sie schon immer klar, dass Sie nach dem Studium wieder nach Graubünden zurückkehren werden?

Nein, eigentlich nicht. Das war mehr oder weniger Zufall. Ich bin wahrscheinlich nicht unbedingt der typische Bündner-Oberländer, wie man ihn sich vorstellt. Meine Mutter kommt aus Prag und so war mein Fokus schon immer etwas weiter geöffnet und nicht «nur» auf Graubünden fixiert. Ich bin über eine Unterassistentenstelle in Ilanz wieder zurück nach Graubünden gekommen. Danach hat sich meine Karriere hier in Graubünden weiterentwickelt. Als meine Frau und ich dann eine Familie gründeten, machten wir das hier in Graubünden.

Dass Sie Arzt werden wollten, war aber schon immer klar?
Als Kind wollte ich Maler werden. Während der Zeit am Gymnasium in Disentis haben mich dann Geschichte und Naturwissenschaften interessiert. Ich habe mir dann persönlich eine Deadline gesetzt: In den Osterferien vor der Matura wollte ich mich entschieden haben. Ich war an einem Pharmazie-Besuchstag an der Uni. Das hat mir dann aber gar nicht gefallen. Sportmedizin war auch ein Thema, da ich damals selbst sehr viel und intensiv Tennis spielte. Schlussendlich ist es dann die Medizin geworden. Aber den einen erleuchtenden Ich-werde-Arzt-Moment gab es eigentlich nicht.

War die Spital-Karriere ihr Ziel?
Auch das nicht. Eigentlich wollte ich Hausarzt werden. Zu dem Zeitpunkt – das war ungefähr 2005 – war es so, dass man als neuer Hausarzt eine bestehende Praxis übernahm, indem man seinem Vorgänger quasi die Praxis – sprich, die Bewilligung und den Kundenstamm – abkaufte. Heute ist das nicht mehr so. Heute sind Hausärzte in der Regel froh, wenn sie einen Nachfolger finden. Jedenfalls fand ich damals nicht das richtige, für mich passende Angebot. Zudem kam dann das Kantonsspital Graubünden auf mich zu, um abzuklären, ob ich die Palliativstation mitaufbauen würde. Ich ging dann einige Monate nach St.Gallen ans dortige Kantonsspital, um einen Einblick in die Palliativ-Medizin zu erhalten und für mich zu klären, ob das etwas für mich ist. Es hat mir dann sehr gut gefallen. Ich habe dann die entsprechende Zusatzausbildung in London gemacht.

Warum in London?
In der Schweiz gab es diese Ausbildung damals noch nicht. Der Leiter der Palliative-Care-Abteilung in St.Gallen war in London gewesen und hat mir das empfohlen. Auch heute noch ist die Palliativ-Medizin in der Schweiz noch nicht so bekannt. Da herrschen schon noch Missverständnisse vor.

Die vermute ich bei mir persönlich auch. Ich als Laie vermute, dass die Palliativ-Abteilung der Ort ist, an den Menschen zum Sterben kommen.
Das ist es eben genau nicht. Das hören wir selber auch immer wieder. Die Palliativ-Medizin hat eine grosse Bandbreite. Grundsätzlich sollte sie sehr früh beginnen, beispielsweise bereits bei einer onkologischen Behandlung. Bei uns liegt der Fokus auf der Behandlung von Beschwerden. Wir lindern, planen und betreuen. Wir heilen nicht. Und dennoch: Zwei Drittel unserer Patienten treten wieder aus der Behandlung im Spital aus. 

Wer kommt denn zu Ihnen?
Patienten mit einer unheilbaren Erkrankung. Was nicht heissen muss, dass sie unmittelbar versterben werden. Wir haben auch Patienten, die bei uns sind, dann austreten und erst zwei oder drei Jahre später wieder zu uns kommen. Im Schnitt sind Patienten zwölf Tage hier bei uns am Spital.

Wie hat sich die Wahrnehmung der Palliativ-Medizin verändert?
Es ist eine relativ junge Disziplin. Den Schwerpunkt-Titel gibt es in der Schweiz erst seit 2017. Ich kann mich auch noch erinnern, dass wir zu Beginn meiner Zeit in der Palliative-Care schon belächelt wurden. Man vermutete, dass unsere Arbeit aus Hand-Tätscheln und Kerzen-Anzünden besteht. Das hat sich enorm gewandelt. Aber auch in der öffentlichen Wahrnehmung versteht man uns immer besser. Das gehört auch zu unseren Aufgaben: Den Menschen zu erklären, was Palliativ-Medizin ist und dass sie viel mehr mit dem Leben als mit dem Tod zu tun hat.

Wie lange sind Ihre Arbeitstage?
Das ist nicht ganz so einfach zu beantworten. Neben meinen Präsenzzeiten hier am Spital mache ich eigentlich einen 365-tägigen telefonischen Hintergrunddienst für die Palliativ-Medizin. Ich bin der einzige Palliativ-Mediziner im Kanton. Ausserdem bieten wir den Palliative-Brückendienst an, bei dem es darum geht, Patienten zu begleiten, die zuhause sind, dort aber Betreuung brauchen. Beispielsweise bei einer Infusion. Ziel des Brückendienstes ist es, dass die Patienten zuhause bleiben können und nicht extra ins Spital kommen müssen. Dieses Brückenangebot wird zu wesentlichen Teilen von uns hier getragen. Die pflegerischen Aufgaben übernimmt die Spitex. Wir sind dann mehr für das Technische zuständig – wie bei der oben erwähnten Infusion.

Sie haben Tennis erwähnt, ist das heute noch eine gute Möglichkeit, um vom Arbeitsalltag abzuschalten?
Ja klar. Natürlich nicht mehr so intensiv wie früher. Da war ich im kantonalen Kader und spielte in jeder freien Minute. Heute hat die Familie natürlich einen grossen Stellenwert in meiner arbeitsfreien Zeit.

Palliative Care

Wie nahe geht einem die Arbeit auf der Palliativ-Station?
Es gibt viele traurige Situationen, das ist schon so. Vor allem, wenn wir junge Patienten hier haben und die dann sterben, ist das sehr belastend – für alle. Dennoch gibt es auch tolle Momente. Wir erfahren enorm viel Dankbarkeit und positive Rückmeldungen von Patienten und Angehörigen. Wir können uns hier auch mehr Zeit für die Patienten nehmen. Es ist auch so, dass bei uns auf der Abteilung sehr viel gelacht wird. Die Menschen, die hier arbeiten, wissen, worum es geht und können damit umgehen. Für Assistenzärzte, die während ihrer Ausbildung hier bei uns vorbeikommen, sind die Situationen manchmal schon speziell. Unsere Ziele unterscheiden sich von denen auf anderen Abteilungen. Es geht hier eben nicht darum zu heilen – und es ist keine Niederlage, wenn jemand bei uns stirbt – es geht vielmehr darum, die verbleibende Zeit so gut und schön wie möglich zu gestalten. Auch das ist gute Medizin.

Was für Dinge sind das?
Einmal wollte ein Patient ins Hallenstadion an ein Konzert. Ein anderes Mal wollte jemand wieder nach Hause, um sich in seinem Garten nochmals unter den Apfelbaum zu legen. Es ist dann schon schön, wenn wir mit unseren medizinischen Mitteln dazu beitragen können, dass solche Wünsche in Erfüllung gehen. Ich erinnere mich auch noch an einen Patienten, der bettlägerig war und nur mit Mühe und Not den Weg vom Bett bis ins Badezimmer bewältigen konnte. Er wollte aber unbedingt noch die neue Wohnung seiner Tochter sehen. Wir wussten, dass er bald sterben würde und wollten ihm diesen Wunsch noch erfüllen. Also haben wir ihn mit Physiotherapie mobilisiert, ihn mit der Ernährungstherapie gestärkt und mit Medikamenten so vorbereiten können, dass er zusammen mit der Familie die neue Wohnung seiner Tochter anschauen konnte. Das hat dann geklappt. Zurück kam er mit seiner ganzen Familie, die dann noch im Massenlager hier bei uns übernachtet hat. Ein paar Tage später ist der Patient dann verstorben und kurz darauf kam dann noch die Postkarte, die er uns auf seinem letzten Ausflug mit der Familie geschickt hat. Ich glaube das war für den Patienten und seine Familie eine schöne Möglichkeit, sich voneinander zu verabschieden.

Inwieweit spielt die Akzeptanz der eigenen Endlichkeit eine Rolle für die von Ihnen erwähnte positive Stimmung auf der Palliativ-Abteilung?
Ich beobachte eigentlich bei allen Patienten die gleichen, gängigen Formen des Umgangs mit ihrer Krankheit. Es gibt verschiedene Phasen: da ist einmal das Negieren, das nicht Wahrhaben-Wollen der Krankheit. Dann kommt irgendwann das dunkle Loch, in das man als Patient fällt, vielleicht auch Wut. Es gibt auch immer wieder Phasen des Verhandelns. Sei das im Medizinischen mit dem Irrglauben, dass man sich mit genügend Geld wieder gesund-kaufen kann – oder das Verhandeln mit irgend einer höheren Macht. Diese Phasen entdeckt man in unterschiedlicher Ausprägung bei allen Patienten. Ideal ist es natürlich, wenn jemand seine Situation annehmen und das Beste daraus machen kann – auch wenn das jetzt abgedroschen klingen mag.

Veranstaltungshinweis

«Wenn nichts mehr zu machen ist, ist noch viel zu tun — Palliative Care im Kanton Graubünden»

Das Kantonsspital Graubünden und palliative gr laden am Donnerstag, 3. Oktober, zu einer öffentlichen Veranstaltung im GKB Auditorium.

Was genau ist eigentlich Palliative Care? Und wie sieht es damit im Kanton Graubünden aus? Die gemeinsame öffentliche Veranstaltung «Wenn nichts mehr zu machen ist, ist noch viel zu tun — Palliative Care im Kanton Graubünden» des Kantonsspitals Graubünden (KSGR) und palliative gr beantwortet neben vielen anderen Fragen auch diese.

Nach Inputreferaten von Monika Lorez-Meuli (Geschäftsführerin palliative gr) zum Thema «Palliative Care in Graubünden» und Dr. med. Cristian Camartin (Leitender Arzt Palliative Care Kantonsspital Graubünden) zum Thema «10 Jahre Palliative Care am KSGR» kommen Angehörige zu Wort. In einer Podiumsdiskussion erzählen sie von ihren Erfahrungen mit der Palliative Care im Kanton. Im Anschluss wird ein Apéro offeriert.

Ort: GKB Auditorium, Engadinstrasse 25, 7000 Chur
Zeit: Start der Veranstaltung um 18 Uhr
Dauer: ca. 90 Minuten
Eintritt: frei

Weitere Informationen finden Sie in unserem Veranstaltungskalender.

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Ansprechpartner

Dr. med. 
Cristian Camartin MSc

Leitender Arzt, Leiter Palliative Care

Tel.+41 81 256 78 44

Fax.+41 81 256 63 79

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