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Aus dem Spital
19.  Mrz 2019

«Es ist ein riesiges Privileg»

Dr. med. Carolin Blume ist seit dreieinhalb Jahren am Kantonsspital Graubünden (KSGR) tätig. Erst als Leitende Ärztin, seit zweieinhalb Jahren als Chefärztin Geburtshilfe. Aufgewachsen ist sie in Deutschland. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Chur. Im Gespräch erzählt sie von Mythen rund um die Geburt, von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und von der Nähe von Glück und Unglück auf der Geburtsstation am KSGR.

Carolin Blume bei der Arbeit am Ultrasachallgerät. (Bild zVg)

Frau Blume, wie oft wird Ihnen gesagt, dass Sie für jemanden, der in der Geburtshilfe arbeitet, den idealen Nachnamen haben?
(Schmunzelt) Das habe ich tatsächlich noch nie gehört. Aber Sie haben Recht, das passt wirklich gut. Ich werde immer mal wieder mit anderen Vertretern der Botanik angesprochen. Ich war schon Frau Dr. Baum, Wiese oder Rose. Das kommt schon häufiger vor (lacht).
Gibt es Klischees über Ärzte, mit denen Sie aufräumen möchten?
Es wurde an dieser Stelle schon erwähnt: den Halbgott in Weiss gibt es meines Erachtens nicht mehr. Das ist überholt. Wir sind weder allmächtig noch allwissend. Was ich auch schon gehört habe, ist die Vermutung, dass Ärzte niemals krank werden. Das stimmt natürlich auch nicht.

Wann wuchs in Ihnen der Wunsch, Ärztin zu werden?
Das habe ich relativ früh gewusst. Ich wollte mit Menschen arbeiten und hatte immer schon grosses Interesse am «Leben». Ich schwankte dann zwischen Biologie und Medizin. Eigentlich wäre das Biologiestudium wohl auch meine erste Wahl gewesen. Meine Eltern haben mich dann gefragt, was ich danach mit diesem Abschluss machen wolle. Ich hatte ein paar ideologische Ideen. Eine Zukunft als Ärztin schien mir dann aber näher bei der Realität zu liegen und war für mich greifbarer und vorstellbarer.

Also der Entscheid fiel während Ihrer Zeit am Gymnasium, nicht schon als Kind?
Ja. Als kleines Mädchen wollte ich irgendwas mit Pferden machen, so wie fast jedes kleine Mädchen (lacht). Als ich dann im Gymnasium wusste, dass ich Medizin studieren möchte, war mir klar, dass ich dafür gute Noten brauche. Entsprechend durfte ich mich anstrengen.

Der vorgegebene Notenschnitt ist eine relativ hohe Hürde, wenn man bedenkt, dass in Deutschland eigentlich nur Medizin studieren kann, wer das Gymnasium mit einem 1er-Schnitt (Anm. des Autors: die Note 1 ist in Deutschland die beste Note) abgeschlossen hat. Ist das für Sie der richtige Weg, um gute Medizinerinnen und Mediziner zu finden?
Nein. Ich denke, dass dadurch enormes Potenzial verloren geht. Es werden so nicht unbedingt die richtigen Leute ausgewählt. Extrem motivierte und womöglich geniale künftige Medizinerinnen und Mediziner sind vielleicht nicht diejenigen mit dem besten Notendurchschnitt. Ich persönlich bin absolut kein Zahlenmensch und musste mich extrem strecken, um den nötigen Schnitt zu erreichen. Es gibt in der Zwischenzeit auch andere Auswahlverfahren, bei denen mehr der Mensch im Vordergrund steht. Die reine Masse an Interessierten macht es aber verständlicherweise schwierig, alle Kandidatinnen und Kandidaten so detailliert anzuschauen.

Carolin Blume mit ihrer Familie an einem Kinderfest. (Bild: zVg.)

Ärztinnen und Ärzte haben lange und intensive Arbeitstage. Wie schalten Sie ab, wenn Sie mal frei haben?
Gutes Thema. Wir haben als Kaderärzte ja keine Arbeitszeiterfassung und sind selbst dafür verantwortlich, unsere Zeit einzuteilen und die anstehende Arbeit zu erledigen. Dann haben wir zusätzlich die Präsenzdienste in der Nacht und am Wochenende. Wenn ich aber Zeit habe – und die habe ich natürlich auch – dann habe ich zwei kleine Kinder, die über jede Minute mit ihrer Mamma glücklich sind. Diese Zeit geniesse ich in vollen Zügen. Wir machen viel zusammen, gehen raus zum Velofahren, spazieren oder verbringen sonst Zeit in der Natur.
Wie gut lassen sich für Sie Familie und Beruf miteinander vereinbaren?
Es ginge gar nicht, wenn mein Mann im Moment nicht zuhause wäre. Er managt die Familie Blume und das gibt mir die Möglichkeit, meiner Arbeit nachzugehen. Ich kann mich voll auf ihn verlassen und das ist sehr toll.

Werden Ihnen im Beruf oft seltsame Fragen gestellt?
Ja klar. Es gibt da so Schwangerschaftsmythen, die sich hartnäckig halten: Zum Beispiel die Vermutung, dass eine werdende Mutter viel unter Sodbrennen leide, wenn ihr ungeborenes Kind viele Haare auf dem Kopf hat. Eine andere lustige Vorstellung ist, dass man von der Form des Bauches auf das Geschlecht des Kindes schliessen könne. Da werden Zusammenhänge vermutet, die so nicht bestehen.

In ihrer Freizeit ist Carolin Blume gerne mit ihrer Familie draussen. (Bild: zVg.)

Glück und Leid liegen in einem Spital nahe beieinander – in der Geburtshilfe vermutlich noch näher als an anderen Orten. Wie gehen Sie damit um?
Beides, die positiven, wunderschönen sowie die negativen, todtraurigen Momente in meinem Beruf haben mich sehr stark geprägt und machen mich zu dem Menschen, zu der Ärztin, die ich heute bin. Gemeinsam mit einem Paar den stimmigen Weg in einer schwierigen Situation zu finden, ist nicht einfach – auch für mich nicht. Ich bekomme relativ häufig – auch Monate nach einem solchen Moment – Rückmeldungen von den Menschen, die sich bei mir für die Unterstützung bedanken. Das ist eine riesige Bestätigung und Ansporn weiterzumachen. Und natürlich ist es ein riesiges Privileg, ein neues Leben auf dem Weg in diese Welt begleiten zu dürfen.

Wie hat sich Ihr Beruf in den letzten Jahren verändert?
Positiv sind sicherlich die medizinischen Entwicklungen. Wir können mehr helfen, wir können mehr erkennen und können früher eingreifen, wenn es etwas braucht. Diese Medaille hat natürlich auch eine Kehrseite. Durch diese Entwicklung sehen sich werdende Eltern mitunter auch mit Situationen konfrontiert, die ihnen sehr schwere Entscheidungen abverlangen. Die Beratungen sind dadurch auch für uns sehr viel aufwändiger geworden. Die Unmenge an möglichen Tests ist für diese Paare auch nicht immer klar einzuordnen. Da sind wir als Berater und Begleiter gefordert.

Entwickelt sich dadurch auch eine gewisse – vielleicht übersteigerte – Erwartungshaltung?
Natürlich – aber nicht alleine im medizinischen Bereich. Wir leben an einem Ort, wo die medizinische Versorgung hervorragend ist. Umso mehr spielen gewisse Rahmenbedingungen und Serviceleistungen plötzlich eine Rolle, die meines Erachtens für die Bewertung eines Spitals gar nicht erst herangezogen werden sollten. Ich sehe das natürlich auch als Ansporn zu sagen, wir können das bieten, wir wollen das bieten. Auf der anderen Seite sollte es in erster Linie um die Menschen und die medizinischen Leistungen gehen, die wir allen gleichermassen bieten wollen.

Was schätzen Sie besonders am Kantonsspital Graubünden?
Es hat für mich die ideale Grösse. Es ist ein Zentrumsspital und bietet dadurch beinahe alle medizinischen Möglichkeiten der Maximalversorgung. Es ist nicht zu klein und nicht zu gross. Was ich sehr schätze, ist die familiäre Atmosphäre. Sei es unter den Mitarbeitenden oder mit den Patienten. Es kommt vor, dass mir in der Stadt Paare zuwinken, die einen Kinderwagen vor sich her schieben. Auch wenn ich die Gesichter nicht immer sofort einem Namen zuordnen kann, freut mich das immer sehr. Ich weiss dann, dass deren Kind hier bei uns zur Welt gekommen ist und sie nun eine kleine glückliche Familie sind, die gemeinsam in Chur spazieren geht. Das sind schöne Momente.

Weitere Informationen zur Geburtshilfe finden Sie unter www.ksgr.ch/geburtshilfe

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Ansprechpartner

Dr. med. 
Carolin Blume

Chefärztin Geburtshilfe und Stv. Departementsleiterin

Tel.+41 81 254 81 28

Fax.+41 81 254 81 10

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