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Aus dem Spital
07.  Mai 2019

«Unsere Lunge ist leider keine Leber»

Dr. Ulrich Frank ist Chefarzt Angiologie am Kantonsspital Graubünden (KSGR). Er bewundert seine Frau für ihr Engagement, versucht hin und wieder auch Raucher in seinem privaten Umfeld vom Nichtrauchen zu überzeugen und musste sich vor vielen Jahren mit einer Flasche Whisky und einer Zeitung auf eine Geburt vorbereiten.

Dr. med. Ulrich Frank bei der Arbeit im KSGR. (Bild: KSGR)

Wollten Sie schon immer Angiologe werden?
Hmm…ich muss da wohl etwas früher anfangen. Ich bin seit jeher vielseitig interessiert und hatte Schwierigkeiten, mich nach dem Abitur auf ein Berufsziel festzulegen. Da erschien mir das Medizinstudium ideal, weil man eine sehr breite Ausbildung bekommt und noch etwas Zeit hat, sich dann für einen bestimmten Bereich zu entscheiden.

Im Studium selbst hat mich die Radiologie mit ihren minimalinvasiven Massnahmen insbesondere an den Gefässen sehr fasziniert und daher habe ich auch in der Radiologie meine Doktorarbeit gemacht.

Nach dem Studium wollte ich interventioneller Radiologe werden. Mein Doktorvater in Freiburg hat damals zu mir gesagt: «Jetzt machst du erst mal Klinik». Aus diesem «erst mal» wurden dann weit über zehn Jahre mit dem Erwerb des Facharztes für Innere Medizin, Angiologie und Kardiologie. Heute arbeite ich an den Gefässen ganz so, wie das ein interventioneller Radiologe auch tut, sprich mit minimalinvasiven Techniken. Meine langjährige klinische Erfahrung hilft mir dabei, Risiken und Herausforderungen möglichst gut abzuschätzen.

Welches Arztklischee passt für Sie überhaupt nicht?
Natürlich das des Halbgottes in Weiss. Das ist sicherlich der schlechteste Ansatz, weil er den Patienten in eine rein passive Rolle drängt. Letztendlich will ich als Arzt gemeinsam mit dem Patienten oder der Patientin etwas Positives erreichen. Das muss partnerschaftlich geschehen. Das mit den Halbgöttern hat noch einen weiteren Nachteil: So sehr Ärzte mit dieser Vorstellung in die Höhe gehoben werden, so sehr werden sie auf der anderen Seite dann wieder in die Kritik genommen. Wir sind als Berufsgruppe so wenig Halbgott in Weiss wie wir auf der anderen Seite profitgesteuerte Opportunisten sind.
Wie lange dauert ein durchschnittlicher Arbeitstag bei Ihnen?
Im Schnitt denke ich schon, dass ich auf 12 Stunden komme.

Wie schalten Sie denn da ab?
Ich verfolge für mich eine Clean-Desk-Policy. Entsprechend kann ich gut abschalten, wenn mein Schreibtisch leer ist. Ansonsten treibe ich gerne Sport. So eine Stunde Fitnessstudio am Abend entspannt und macht den Kopf frei. Ich gehe aber auch gerne am Wochenende einmal Skifahren und Wandern und in den Ferien gerne Segeln.

Wie oft schaffen Sie es ins Fitnessstudio?
So ein bis zwei Mal pro Woche.

Viele ihrer Kollegen werden im privaten Umfeld um Rat gebeten. Wie oft passiert das bei Ihnen?
Eher selten. Es ist mehr so, dass ich ein bisschen missioniere. Rauchen ist für mich ein grosses Thema. Zwischen 80 und 90 Prozent meiner Patienten sind Raucher oder Ex-Raucher und ich sehe jeden Tag, was für brutale Folgen die Raucherei hat. Da versuche ich natürlich gelegentlich die Menschen in meinem privaten Umfeld davon zu überzeugen, das Rauchen zu ihrem eigenen Wohl bleiben zu lassen.

Wie erfolgreich sind Sie da?
Wie jeder andere auch: Nicht so sehr. Auch mit viel Aufwand schafft man es in der Regel nicht über 30 Prozent Erfolgsquote.

Ist der Mensch zu sehr feedback-resistent?
Nein. Es ist eine Sucht zum einen, eine Gewohnheit zum anderen. Wissen Sie, die Zigarette ist sehr geduldig. Die wartet auf ihre Chance. Diese Chance ist dann vielleicht morgens um fünf. Da ist der Blutdruck niedrig, da hat der Körper viel Flüssigkeit über die Nacht im Schlaf verloren, der Feinstaub der Abendzigarette ist noch im Blut…dann macht es «Klick» und der Herzinfarkt ist da.

Beim Krebs sieht es ähnlich aus. Ich kenne nur eine Frau mit einem Blasenkarzinom, die nicht geraucht hat. Alle anderen Betroffenen haben geraucht. Das Problem ist halt: Unsere Lunge ist leider keine Leber. Die Leber filtert uns die Giftstoffe aus der Nahrung heraus. Das macht die Lunge nicht. Die 4000 Giftstoffe der Zigarette gehen direkt aus der Atemluft durch die Lunge in unseren Körper.

Abschalten: im Alltag beim Sport, wenn mal mehr Zeit ist, in den Ferien. (Bild: zVg)

An welches Erlebnis aus Ihrer Karriere können Sie sich noch besonders erinnern?
Da gab es ein lustiges Erlebnis während meiner Zeit als Militärarzt. Ich war da ungefähr 27 Jahre alt und auf dem Heimweg von einem Auslandeinsatz auf Sardinien. Ich war kurz davor, in das Transportflugzeug der Bundeswehr zu steigen als mich ein Oberleutnant der Flugzeug-Crew fragte: «Na Doktorchen, wie viele Geburten haben Sie denn schon gemacht?» Als ich ihn daraufhin mehr als fragend anschaute, erklärte er mir, dass eine Frau im neunten Monat mit an Bord sein werde (lacht). Diese war die Ehefrau eines Militärangehörigen. In einer normalen Linienmaschine hätte sie niemand mehr mitgenommen. Man hat sich dann aber offenbar gedacht, da sei ja ein Arzt mit dabei, das werde dann schon schiefgehen.

Was haben Sie dann gemacht?
Ich überlegte mir, was für hilfreiche Utensilien ich mit dabei hatte. Das waren eine Flasche Irischer Whiskey und eine Zeitung. Den Whisky hätte ich brauchen können, um die Hände zu desinfizieren und die Zeitung, um das Kind darin einzuwickeln und damit zu wärmen. Beides kam dann aber nicht zum Einsatz. Ich habe die anderen Militärangehörigen um ihre Mäntel gebeten und wir haben die Frau dann möglichst gut und schonend gelagert. Zudem haben wir den Kabinendruck angepasst. Während des Flugs hat sich dann die Frau des mitreisenden Pfarrers gut um die Schwangere gekümmert und ich hielt mich nur im Hintergrund bereit, um einzugreifen, wenn es nötig gewesen wäre. Wir haben den Flug nach Köln dann Gott sei Dank ohne Geburt überstanden. Da war ich schon froh. (lacht)

Was war für Sie ausschlaggebend dafür, ans KSGR zu kommen?
Ich war an einem Herzzentrum in Deutschland, das sich rein von der Grösse her von Jahr zu Jahr mehr zu einer Art «Medizin-Fabrik» entwickelte. Ich war Stellvertreter des Chefs der Angiologie und der zweite Mann hat es oft in einem solchen System nicht leicht. Ich habe mir dann gesagt: «Ich bin lieber König in Gallien, als Vizekönig in Rom» (lacht), was bedeutet, ich führe lieber eine kleinere Abteilung selbst als in einer grossen zweiter Mann zu sein. Über einen Schweizer Kollegen – ich kannte die Schweizer Szene eigentlich besser als die Deutsche, da das Herzzentrum, in dem ich arbeitete, ganz in der Nähe von Basel war – habe ich dann von der Stelle in Chur erfahren. Das war ideal für mich. Im KSGR kann ich meine Idee der Manufaktur leben. Hier kann ich die Prozesse noch gut im Blick behalten. In Deutschland hatte ich bis zu 14 Katheter-Interventionen an einem Tag. Da kann man eigentlich nur noch seine umschriebene Leistung erbringen. Man weiss nicht, was davor war oder was danach kommt. Das erinnert absolut an Fliessbandarbeit. Jetzt bin ich seit rund zwölf Jahren in Chur und es gefällt mir nach wie vor sehr gut.

Jetzt kommen wir zu der Frage, die ich Ihnen mit Ihrem Nachnamen einfach stellen muss. Schauen Sie Arztserien?
(lacht) Sie meinen wegen «Dr. Frank – der Arzt, dem die Frauen vertrauen»? Das ist mein Bruder (lacht). Nein – ernsthaft: die habe ich kaum je gesehen. Die Schwarzwaldklinik kenne ich natürlich. Das Original kannte ich schon, bevor es die Serie gab, da ich ja aus dem Schwarzwald komme. Ich finde «Dr. House» ist eine Serie, die für einen internistisch-denkenden Doktor gut nachvollziehbar und auch unterhaltsam ist. Viele Arztserien sind sehr auf ein Laienpublikum ausgerichtet. «Dr. House» ist da anspruchsvoller. Die hatten da schon einen sehr guten medizinischen Berater.

Wen bewundern Sie?
Meine Frau. Sie bringt sehr viel Verständnis für meinen Beruf auf und zeigt auch in ihrem als Berufsschullehrerin sehr viel Engagement. Manchmal schon beinahe zu viel, wie ich hin und wieder denke. Wenn man aber als Lehrer mit jungen Menschen arbeitet, die daran sind, ihren Lebensweg zu finden, braucht es dieses besondere Engagement auch.

Weitere Informationen zum Angebot der Angiologie finden Sie unter ksgr.ch/angiologie

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Dr. med. 
Ulrich Frank

Chefarzt Angiologie, Facharzt FMH für Angiologie, Facharzt FMH für Innere Medizin

Tel.+41 81 256 63 99

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