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Gesundheit
22.  Jul 2021

Stigma Übergewicht

Ein Extrapölsterchen hier und ein paar Kilo zu viel da – ein Grossteil der Menschen kämpft hin und wieder mit dem einen oder anderen Kilo zu viel auf den Rippen. Was aber, wenn das Übergewicht so massiv ist, dass es Einfluss auf die Psyche hat? Die Ernährungstherapie berichtet von einem Beispiel.

Nicht nur die körperlichen Funktionen leiden unter Übergewicht, auch die Psyche von stark übergewichtigen Menschen ist betroffen. Adipöse Menschen werden von der Gesellschaft stigmatisiert. Es wird ihnen mitunter vermittelt, sie allein seien schuld am massiven Übergewicht. Wenn Adipositas und die damit verbundene Stigmatisierung bereits im Kindes- oder Jugendalter auftreten, ist wissenschaftlich bekannt, dass die Personen schlechtere Chancen haben in Bezug auf die persönliche und berufliche Entwicklung. Das Stigma der Undiszipliniertheit und das Gefühl zu versagen können das Selbstbild soweit verändern, dass diese externen Aussagen verinnerlicht werden und die Personen sich selbst so wahrnehmen.

Wenn die Diät zum Jojo wird
Im therapeutischen Alltag erleben die Mitarbeitenden der Ernährungstherapie am Kantonsspital Graubünden (KSGR) immer wieder Personen, die mit Hilfe einer bariatrischen Operation – also einem Eingriff, um Magen, Darm oder beide zu verändern – Gewicht verlieren und damit verbunden eine Wandlung in ihrer Selbstwahrnehmung und ihrem Selbstvertrauen stattfindet. Ein Beispiel ist der Fall von Herrn A, von dem Esther Wyrsch, Ernährungstherapeutin am KSGR erzählt: «A hatte diverse Diäten hinter sich: Ein Jahr Weight Watchers, Shake-Diäten, Suppenkuren und Abendessen ohne Kohlenhydrate. Trotz kurzfristiger Gewichtsreduktionen von doch bis zu zehn Kilogramm nahm A nach Beendigung der Massnahmen das Gewicht wieder zu, oftmals über das Ausgangsgewicht vor der jeweiligen Diät hinaus.» Seit 2014 sei das Gewicht von A kontinuierlich angestiegen. Mit einem Bodymassindex (BMI) von 38 kg/m² klassifizierte er sich für eine bariatrische Operation. «Dabei handelt es sich um eine Operation, die eine Gewichtsreduktion zum Ziel hat», erklärt Dr. Renzo Joos, Leitender Arzt Viszeralchirurgie am KSGR und ergänzt: «Heutzutage werden vor allem der Magenbypass und die Schlauchmagenbildung als bariatrische Operationen durchgeführt. Von den früher oft propagierten Magenbändern ist man vollständig weggekommen.»

Voraussetzungen für eine Operation
Damit eine bariatrische Operation überhaupt in Frage kommt, müssen gewisse Voraussetzungen erfüllt sein. Unter anderem muss der BMI höher als 35kg/ m² sein, es darf keine aktive Tumor- oder Infektionskrankheit bestehen. Ausserdem müssen Patienten, die in Frage kommen vom Endokrinologen, vom Chirurgen und vom Psychiater das "OK" für die Operation erhalten. Es darf keine Alkohol- oder Drogensucht vorliegen und der Hausarzt oder die Ernährungstherapie muss bestätigen, dass der Patient oder die Patientin seit mindestens zwei Jahren versucht hat, konservativ Gewicht zu reduzieren. «Sind diese und weitere Voraussetzungen erfüllt, kann eine bariatrische Operation durchgeführt und dementsprechend können die Kosten auch von den Krankenkassen übernommen werden», erklärt Joos.

Selbstscham und Vernachlässigung
In den Vorabklärungen für eine allfällige Operation erlebte Esther Wyrsch A als grobschlächtig. «Er äusserte sich abschätzig über seinen eigenen Körper und schien sein Äusseres gar nicht richtig wahrzunehmen», erklärt Wyrsch. A habe sehr grosse T-Shirts getragen, die den Körper gut verhüllten. Er habe auch einen ungepflegten Eindruck gemacht, wie Wyrsch beschreibt: «Lange fettige Haare, Flecken auf der Kleidung und ihm haftete ein Rauchgeruch an. Er sagte mir gegenüber einmal, dass er gar nicht mehr in den Spiegel schaue, da er sich des Übergewichts schäme und nur Unschönheit sehe.»

Kein Sport und unausgewogene Ernährung
A hatte sich einen Stepper gekauft, den er aber kaum nutzte. Sein Motto schien zu sein: "Sport ist Mord". «Angesprochen auf die Ernährung gab er an, sehr faul zu sein und sich nicht aufraffen zu können für sich alleine ausgewogen zu kochen.» Da er in der Eingliederung der IV war und mit wenig Geld auskommen musste, landeten oft Fertigprodukte auf dem Tisch. Ein nicht untypisches Verhaltensmuster, wenn Struktur fehlt, erklärt Wyrsch: «Ihm fehlte ein strukturierter Tagesablauf, der regelmässige Mahlzeiten begünstigen und auch Heisshunger und Snacking vorbeugen würde.»

Operation als Ausweg
Aus der Sicht von A schien eine Operation die einzige Möglichkeit zu sein, sein Gewicht zu reduzieren. Er brauche etwas Einschneidendes, um seine Gewohnheiten umzustellen und ein Gewicht zu erreichen, das ihn motivieren würde, diese Lebensstilveränderungen auch langfristig beizubehalten. A. wurde im April 2015 operiert und bekam einen Magenbypass. Mit der Operation ist es jedoch nicht getan, wie Renzo Joos erklärt: «Die Operation ist nicht die Lösung des Gewichtsproblems, sondern ein Hilfsmittel. Sie soll den Teufelskreis aus Übergewicht, fehlender Bewegung, Schamgefühlen, Frustessen und noch mehr Übergewicht unterbrechen.» Nach der Operation sei ein Gewichtsverlust auch ohne Bewegung und bei unausgewogener Ernährung normal. Mit der Zeit steige das Gewicht dann aber wieder an, wenn man seinen Lebensstil nicht ändere. «Das wichtigste ist eine Änderung des Lifestyles», sagt Joos. Zudem müssen Patientinnen und Patienten ein Leben lang Vitamin- und Spurenelementkontrollen durchführen und sie verpflichten sich dazu, sich während mindestens fünf Jahren in einem Bariatriezentrum, zum Beispiel am KSGR, nachkontrollieren zu lassen, um Spätfolgen frühzeitig zu erkennen und zu beheben.

Ein Anstoss, der nachhaltig wirkte
Ein Jahr nach der Operation traf Esther Wyrsch wieder auf A. «Bei der Verlaufskontrolle nach einem Jahr habe ich im Wartezimmer vergeblich nach Herrn A gesucht. Als ich dann einen elegant gekleideten Herrn mit Kurzhaarfrisur nach seinem Namen fragte, nannte A seinen Namen. Ich war baff.» Er habe sich äusserlich so verändert, dass Wyrsch ihn nicht mehr erkannt habe. Er nahm innerhalb eines Jahres 40 Kilogramm an Körpergewicht ab und erreichte damit einen normalen Bodymassindex von 22kg/m². Die Veränderung war aber nicht nur körperlich spürbar: «Auch sein Wesen und der Umgangston erschienen mir viel sanfter und gelassener. Er schien richtig Freude daran zu haben, schöne Kleider anzuziehen.» Es zeigte sich auch, dass er aktiver war als früher, einen geregelteren Tagesablauf hatte und ausgewogenere Mahlzeiten zu sich nahm.

Eine bariatrische Operation ist ein massiver Eingriff. Im Fall von A hat er die richtigen Weichen gestellt. Welche Massnahme die richtige ist, hängt von jedem Individuum ab. Wichtig ist, dass mit einem Gewichtsverlust auch eine Stärkung des Selbstwerts einhergehen kann. «Meiner Meinung nach ist vielen normalgewichtigen Menschen nicht bewusst, wie Übergewicht einen Menschen psychisch verändern kann. Übergewichtigen Menschen ist das Übergewicht meist nicht egal. Es kann zu einer Veränderung der Persönlichkeit und zu einer Selbstentwertung führen», erklärt Wyrsch und ergänzt: «Die positiven Veränderungen bei Menschen, denen es gelungen ist, ihr Gewicht besser zu kontrollieren, sind sehr schön mitzuerleben und bereichern meinen Berufsalltag ungemein. Toll zu sehen, wie sich das Leben dieser Menschen verändert und sie aufblühen.»

Weitere Informationen zum Thema Ernährungstherapie finden Sie unter www.ksgr.ch/ernaehrungstherapie
Weitere Informationen zur Adipositas-Sprechstunde finden Sie unter www.ksgr.ch/sprechstunde-viszeralchirurgie-adipositas

1 Kommentar
25.  Jul 2021

Sarah Giordano

Grüezi Frau Wyrsch.
Sehr gut und treffend geschrieben!
Ich bin so froh, dass sie mich auf meinen Weg in ein leichters Leben begleiten.

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Esther Wyrsch
Kontaktperson

Esther Wyrsch

Ernährungstherapeutin

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