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Aus dem Spital
10.  Okt 2019

«Die Zeiten, wo man Eltern weggeschickt hat, sind zum Glück vorbei»

Dr. med. Elmar Keller ist Leitender Arzt Neuropädiatrie und arbeitet seit 19 Jahren am Kantonsspital Graubünden. Davor hat er in St.Gallen als Oberarzt in der Kindermedizin gearbeitet. Ursprünglich kommt er aus Köln, wo er auch studiert und seine Ausbildung zum Kinderarzt gemacht hat.

Köln mit dem Rhein im Vordergrund

Von Köln (im Hintergrund der Dom)...

Herr Keller, was hat sich in Ihrem Beruf seit Ihrer Zeit in Köln verändert?
Damals war die Kinderklinik Amsterdamer Strasse die grösste Kinderklinik Deutschlands mit knapp 300 Betten. Da wurde sehr viel stationär gemacht. Es war keine Ausnahme, dass Kinder mit Durchfall vier bis sechs Wochen in der Kinderklinik lagen. Verändert haben sich auch die Besuchszeiten. Da konnten Eltern ihre Kinder nur zwei Mal die Woche besuchen. Beides ist heute undenkbar.

Gibt es heute in Kinderkliniken noch fixe Besuchszeiten?
Eigentlich nicht mehr. Eltern können ihre Kinder rund um die Uhr besuchen. Ein Elternteil kann heute auch beim Kind bleiben. Andere Besuche versucht man auf Zeiten tagsüber zu konzentrieren. Es ist natürlich auch wichtig, dass Kinder während des Aufenthalts im Spital eine Bezugsperson haben. Auf der anderen Seite gab es früher dann halt auch Krankensäle, in denen rund 40 Kinder untergebracht waren.

Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Es ist sicherlich sehr positiv, dass Eltern die Möglichkeit haben, ihren Kindern in der Extremsituation Spital beizustehen. Die Zeiten, wo man Eltern weggeschickt hat, sind zum Glück vorbei. 

Sie sind Neuropädiater, also Kinderarzt mit dem Schwerpunkt Nervenkrankheiten. Was für Fälle kommen zu Ihnen?
Ich betreue die Kinder mit neurologischen Fragestellungen. Das sind zum Beispiel Kinder mit Verdacht auf Epilepsie oder Lähmungen aufgrund von Hirnanlagestörungen. Dazu kommt die relativ grosse Gruppe der mehrfachbehinderten Kinder, die also körperlich eingeschränkt sind und eine geistige Behinderung haben und dadurch vielleicht auch verhaltensauffällig werden. Dazu kommen Fälle von Kindern mit Stoffwechselerkrankungen, um die ich mich kümmere. Ausserdem betreiben wir hier auch Abklärungen zum Entwicklungsstand von Kindern oder zur ADS oder ADHS. In einigen Bereichen arbeiten wir mit Zentren zusammen, zum Beispiel mit dem Universitätsspital Zürich und deren Genetikern, die regelmässig auch hier in Chur vorbeikommen. In den letzten zehn Jahren haben wir ausserdem eine Autismus-Sprechstunde aufgebaut. Wir haben vor ungefähr zwölf Jahren festgestellt, dass es Kinder gibt, die wegen Sprachentwicklungs-Verzögerungen zu uns kommen und das Grundproblem Autismus ist. Die Kinder- und Jugendpsychiater hatten den Autismus damals noch nicht so auf dem Radar. Die Werkzeuge zur Abklärungen gab es aber schon. Die habe ich mir dann angeeignet, um diese Autismus-Sprechstunde anbieten zu können. Heute machen wir pro Woche zwei bis drei Autismus-Abklärungen.

Aufmerksamkeitsstörungen wie ADS und ADHS sind in den letzten Jahren mehr und mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gelangt. Sind diese Krankheitsbilder auch – böse formuliert – Modeerscheinungen?
Nein. Die Krankheitsbilder wurden natürlich in den Medien intensiv behandelt. Als ich in den 90er-Jahren in die Schweiz kam, ging das gerade richtig los. Es ist aber eine unterschätzte Störung, die häufig dazu führt, dass die Betroffenen ihre Kapazitäten nicht voll ausschöpfen können. Klar, nicht jeder Zappelphilipp hat ADS oder ADHS. Es gibt aber auch keinen Biomarker, also keine Diagnose anhand des Blutes, mit der man das festmachen könnte. Die Abklärungen sind umfangreich und haben viel mit Fragebögen und Tests zu tun. Es ist eine aufwendige Diagnostik, gefolgt von Aufklärungsarbeit und Gesprächen mit Eltern und Kind.

Die Rheinschlucht in Graubünden

...hat es Dr. Keller beruflich dem Rhein entlang nach Graubünden gezogen.

Wo wäre eigentlich der nächste Neuropädiater neben Ihnen?
Also im Kanton gibt es meines Wissens noch einen oder zwei mit dem gleichen Schwerpunkt. Einer war Oberarzt bei mir und hat sich dann als Kinderarzt selbständig gemacht. Ich sehe ihn regelmässig an den Weiterbildungen. Ich vermute aber, dass er als allgemeiner Kinderarzt zeitlich gar nicht mehr allzu oft dazu kommt, sich dem Schwerpunkt Neuropädiatrie zu widmen. Es gibt zu wenige Kinderärzte. Viele Eltern haben Mühe, für ihr Kind einen Kinderarzt zu finden. Ansonsten ist die nächste Neuropädiatrie in St.Gallen.

Wann war für Sie klar, dass Sie in den Bereich Kindermedizin gehen wollen?
Ich war lange eigentlich unschlüssig, was ich machen wollte. Zuerst habe ich begonnen, Germanistik und Kunstgeschichte zu studieren. Um den Militärdienst zu umgehen, habe ich 18 Monate Zivildienst in einem Krankenhaus geleistet und da kam die Idee des Medizinstudiums auf. Ich kam dann in einen Wartemodus für das Medizinstudium, da mein gutes Abitur mit 2er-Schnitt nicht für den Numerus Clausus gereicht hat. Ich habe eine Ausbildung zum Radiologie-Assistenten gemacht. Das hat mir später während des Medizinstudiums geholfen, Geld zu verdienen. Ich habe Nachtdienste gemacht, an Wochenenden und während der Semesterferien gejobbt. 1977 habe ich dann nach vier Jahren Wartezeit mein Medizinstudium begonnen. Zur Pädiatrie kam ich dann über meine Doktorarbeit.

Welche Voraussetzungen sollte man mitbringen, um Kinderarzt zu werden?
Man sollte schon kommunikativ und empathisch sein. Gleichzeitig muss man sich abgrenzen können. Man kann nicht alles immer in sich reinfressen. Daran geht man kaputt und hat damit niemandem geholfen.

Wie schalten Sie persönlich ab?
Ich lese sehr gerne und gehe gerne ins Theater. Ausserdem bin sehr kunstinteressiert und sammle auch Kunst. Kultur spielt allgemein eine grosse Rolle für mich. Ich bin weniger der sportliche Typ. Da muss mich meine Frau manchmal auch etwas antreiben (lacht). Ich gehe auch gerne auf Kongresse und wenn es sich ergibt und der Kongress an einem schönen Ort ist, nehme ich meine Frau mit, verlängere den Aufenthalt und verbringe privat Zeit mit meiner Frau in den schönen Städten dieser Welt.

Also das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden?
Ja unbedingt. Wenn immer möglich. Ich bin beruflich auch regelmässig noch in Poschiavo. Weniger als früher. Dann sehe ich zu, dass ich diese Einsätze mit dem Schönen verbinden kann. Nach Möglichkeit hänge ich ein, zwei freie Tage an, fahre nach Sondrio und geniesse das italienische Leben. Meine Frau kommt dann vielleicht noch dazu und wir gehen am Samstagmorgen auf den Markt.

Sind sie in Chur zuhause?
Ich wohne unter der Woche in Chur. Das Familien-Zuhause ist aber am Bodensee. So kann ich unter der Woche länger arbeiten und die Wochenenden – wann immer möglich – mit meiner Frau verbringen. Unsere erwachsenen Kinder besuchen uns hin und wieder daheim – Zeit, die ich auch sehr geniesse.

Zum Abschluss: Kennen Sie einen gute Ärztewitz?
Naja, es ist nicht unbedingt ein Ärztewitz - aber er gefällt mir: In einem alten Flugzeug sitzen ein junger Pfadfinder, Donald Trump, Brad Pitt und ein … lassen wir es einen Kinderarzt sein. Das Flugzeug wird abstürzen und an Bord gibt es nur drei Fallschirme. Brad Pitt nimmt sich einen Fallschirm, sagt «Ich bin ein Star, die Welt braucht mich» und springt raus. Donald Trump ruft «ich bin der wichtigste und intelligenteste US-Präsident aller Zeiten. Ich muss überleben», nimmt sich einen Fallschirm und springt. Der Kinderarzt sagt zum Pfadfinder: «Du bist noch jung und hast dein ganzes Leben vor dir. Nimm du den letzten Fallschirm.» Da antwortet der Pfadfinder: «Danke, aber wir können uns beide retten. Trump hat meinen Rucksack genommen».

Mehr Informationen zur Neuro-/Entwicklungspädiatrie und Neuropsychologie erfahren Sie unter www.ksgr.ch/neuro-entwicklungspaediatrie-neuropsychologie

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Ansprechpartner

Dr. med. 
Elmar Keller

Leitender Arzt, FA Kinder- und Jugendmedizin Schwerpunkttitel Neuropädiatrie und EEG

Tel.+41 81 256 64 31

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